Zeitung Heute : Unordnung ist das halbe Leben

Jörg Plath

Die Kartons aus Belgrad sind in Berlin eingetroffen und teilweise ausgepackt. Doch dem im nördlichen Exil gestrandeten Besitzer sind die Dinge fremd geworden, einige hatte er auch schon vergessen, anderes scheint zu fehlen. Staunend steht er in Bora Cosics Erzählung "Die Zollerklärung" vor den Kisten. Nachts beginnen ihn nun "schwere Träume von Zöllnern" zu quälen, aus denen er aufschreckt, um im Halbschlaf Listen zu erstellen, "was ich aus meinem ehemaligen Leben mitnehmen könnte".

Es geht ihm nicht um Hab und Gut. Cosics Erzähler deklariert vielmehr, was der Zöllner gar nicht als Besitz ansieht - den ausgedehnten Schlaf etwa, das Schweigen, das Gefühl der Leere, das ziellose Gehen, Gesten und Bewegungen, das Nichtdenken, den Zweifel oder das, was er niemals besaß, aber dennoch Teil seiner Person war. Die Inventur des Unbewussten, Unnützen, Dysfunktionalen ist ein Versuch, sich zu retten. Denn dem Erzähler im Exil droht nach den Besitztümern das eigene Leben zu entgleiten. "Die Zollerklärung" ist ein "existenzialistisches Ballett", mit dem ein Emigrant versucht, sich selbst möglichst vollständig über die Grenze zu bringen.

Fatalerweise handelt es sich bei seinem existenziellen Gepäck meist um Konterbande. Der Schlaf etwa wird in der ehemaligen Heimat Jugoslawien als "systematische gefährliche Destruktion" angesehen, weil aus ihm viele andere verdächtige Handlungen hervorgehen: "das Sitzen in der Dämmerung, in Zimmerecken, das Lesen in der Stille, das Hinaufschauen in den Wipfel eines Baumes, der sich an einem windstillen Sommertag nicht regt". In den Augen der jugoslawischen Machthaber führt der Schlaf letztlich also zur Dekadenz, ähnlich wie der Zweifel. Auch das "Nichtdenken", ein weiterer wenig prächtiger Posten auf der Liste, ist nicht ausfuhrfähig. Es wird, weiß der Emigrant, im Land benötigt, denn dort kann und darf man nicht denken.

Daher hat Bora Cosic, der früh gegen die Politik von Slobodan Milosevic protestierte, vor neun Jahren Jugoslawien verlassen. Seitdem lebt der 69-Jährige in Istrien und in Berlin. In Deutschland ist er mit den absurd-komischen Romanen "Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution" und "Bel Tempo" bekannt geworden. Verglichen mit ihnen ist "Die Zollerklärung" ein sehr ernstes Buch, geprägt von der Erfahrung des Verlusts im Exil.

Wiederholt erwähnt Cosic ein Zollformular. Doch er benutzt dessen Klassifikationen nicht wie Ernst von Salomon, der die einzelnen Positionen des alliierten Entnazifizierungsfragebogens in seinem Erfolgsbuch "Der Fragebogen" (1951) durch epische Ausführlichkeit ad absurdum führte. Cosics Monolog ist ein verwegen wucherndes und verschlungen mäanderndes Textgebilde, ein Sturzbach von Metaphern und Motiven, aus dem sorgsam alle rubrifizierbaren Ereignisse, Dinge und Anekdoten ferngehalten werden. Ein unentwegtes Gleiten und Schieben kennzeichnet die Erzählbewegung, so, als flutete sie gegen die Grenze und würde von ihr gehemmt. Die abrupten Themenwechsel fordern vom Leser erhebliche Aufmerksamkeit. Das Selbstgespräch ist versunken in die Sprache als dem einzig Vertrauten.

Weniger hermetisch wirken die Gedichte, an denen Bora Cosic zur selben Zeit gearbeitet haben muss. Der Band "Die Toten. Das Berlin meiner Gedichte" ist den "toten Freunden und allen Verschwundenen" gewidmet. Cosic umkreist also wieder den Verlust. Doch es sind keine Epigramme: "Nicht viel Wirklichkeit / ist in unseren Wohnungen / das Ereignis / ist schon geschehen / vorher / was steht in diesem Buch / wann kam dieser Brief an / hinter ihm ragt / eine Zeit / vorher beendet // am anderen Ende des Zimmers / mein unausweichliches Futur".

Ohne Punkt und Komma springen die Zeilen hastig zwischen Szene und Abstraktion, Alltag und Reflexion hin und her. "Das Bleistiftherz meiner Sprache / gebrochen an der Wurzel" gibt den beständig wechselnden Takt vor. Diese Anarchie hat Methode: "wie soll ich meinen Ordnungssinn ausschließen / er führt in die Diktatur". Und wenn Cosic einmal reimt, dann "Bordell" auf "Quell".

Das Zentrum der Verse sind zwei Wohnräume in Charlottenburg, von denen der Dichter zu Wanderungen durch die Stadt - "mein Krankenhauspark" - aufbricht. Den Gedichten verleiht eine kulturelle Topographie zwischen der Buchhandlung Marga Schoeller und dem Majakowskiring Halt - gerade genug, dass die von Cosic aufgerufenen Gestalten aus Literatur und Kino nicht ortlos, nicht nur im entwurzelten Bewusstsein herumstehen. In "Die Toten" wird die "Zollerklärung" aus dem vom Zoll bewachten Niemandsland überführt in die Stadtlandschaft an der Spree, die individuellen Verluste werden teilweise ersetzt durch kulturelle. So sieht der Trost eines Schriftstellers aus.

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