Zeitung Heute : „Uns fehlen nur die Berge“

Der Berliner Siemens-Chef Gerd von Brandenstein sieht viele Vorteile für den Hauptstadt-Standort. Aber Job-Garantien gibt es nicht, und die Kosten dürfen nicht steigen

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Warum bleibt Siemens in Berlin?

Wir produzieren für den Weltmarkt, und wir tun das konkurrenzfähig und profitabel. Wir sind nicht nur deshalb hier, weil wir schon immer hier sind. Für solche Sentimentalitäten wäre kein Platz.

In China oder Indien ließe sich doch mehr Geld verdienen. Können Sie da wirklich konkurrieren?

Das müssen wir. Quersubventionen gibt es bei Siemens nicht. Wir müssen uns mit allen Standorten der Welt messen. Wir haben ja einen Aderlass an Personal gehabt, aber wir stehen zu unserer Verantwortung. Wenn wir einen Standort nicht schließen müssen, dann machen wir das auch nicht. Das ist uns meist gelungen. Wir sind der weltweit größte Fertigungsstandort von Siemens. Aber wir können uns nicht ausruhen. Wir müssen um so viel besser sein, wie wir teurer sind, hat der Bundespräsident gesagt. Besser sein heißt auch schneller sein. Wir haben im vergangenen Jahr allein in Berlin 400 Erfindungen gemacht und davon 243 zum Patent angemeldet.

Was ist denn am Standort Berlin besser als anderswo?

Zunächst mal die Hochschullandschaft mit ihren Forschungseinrichtungen. Da können wir direkt zugreifen. Dann übt Berlin ja nicht nur auf junge Leute große Anziehungskraft aus. Sie glauben gar nicht, wie viele Leute aus dem Haus anfragen, ob wir nicht etwas in Berlin für sie haben. Und Berlin ist nun mal die Hauptstadt, hier spielt einfach die Musik. Deswegen haben wir uns ja neu organisiert und unsere Vertriebszentrale nach Berlin geholt.

Diese weichen Faktoren summieren sich zu einem Wettbewerbsvorteil ?

Ja.

Wirklich?

Absolut. Berlin ist eine enorm kreative Stadt. Hier konnten Borsig, AEG und Siemens entstehen.

Das ist aber lange her. Und mit dem Flugzeug kommt man schlecht nach Berlin.

Wohl wahr. Danke für die Steilvorlage. Wir brauchen den internationalen Flughafen, nicht nur als Job-Maschine – unsere Kunden aus Fernost müssen direkt hier einfliegen können. Ich habe das neulich auf einem Flug von Asien nach Hause erlebt, da sagte der Pilot: Meine Damen und Herren, schauen Sie mal rechts aus dem Fenster, da ist unsere Hauptstadt. Gelandet sind wir leider in Frankfurt. Das kann sich der Standort Berlin nicht mehr lange leisten.

Was muss eine Stadt noch tun, um Industrie anzuziehen?

Sie muss ihre Industriellen freundlich behandeln. Man darf nicht immer nur fordern.

Sie klingen ja wie Herr Mehdorn.

Ich glaube, dass die Hamburger das sehr geschickt gemacht haben. Beinahe hätte es geklappt. Wir sind das ja auch gewöhnt, dass man uns sagt, ihr müsst hier bleiben. Und ich kann nur sagen: Wir müssen gar nichts. Siemens muss gar nichts. Aber natürlich sind wir uns unserer Verantwortung bewusst, keine Frage.

Was heißt denn „freundlich behandeln“ konkret?

Wir ringen darum, dass die Bürokratie verringert wird. Wir haben zum Beispiel nichts grundsätzlich gegen Denkmalschutz, aber manche Auflagen sind einfach Unsinn. Vor allem sind sie Kosten. Und die Verwaltung muss auf unsere Wünsche eingehen. Wenn ich x Quadratmeter Baugrund brauche, dann muss ich x kriegen und nicht y. Aber Siemens hat hier keine Probleme, wir haben ein sehr gutes Verhältnis zum Senat.

Funktioniert das in München nicht besser?

Wir sind ja auch in München präsent, so ist das nicht. Aber in Berlin stimmt das Umfeld. Die Stadt hat internationales Niveau, das geht Richtung Paris, nicht Richtung Stuttgart. Das Einzige, was uns im Vergleich zu München fehlt, sind die Berge. Aber wenn wir sie hätten, wären sie höher.

Werden Sie in diesem oder im nächsten Jahr Beschäftigung abbauen?

Im Augenblick sehe ich das nicht. Doch das ist keine Garantie. Es gibt immer den Vorbehalt, dass wir nicht wissen, was passiert. Das ist ja nicht nur die Frage, wie die Konjunktur läuft, sondern auch, wie sich die Technik entwickelt.

Sie haben jetzt rund 14 000 Beschäftigte in Berlin. Wie viele sind es in fünf Jahren?

Da muss man realistisch sein. Ich wäre froh, wenn es genauso viele sind. Aber da muss ich ein großes Fragezeichen setzen.

Was sagen Sie zu der Forderung der IG Metall von fünf Prozent mehr Lohn und Gehalt?

Diese Forderung ist absurd. Der Siemens-Standort Berlin ist international wettbewerbsfähig, aber das kann er nur bleiben, wenn die Personalkosten nicht weiter steigen. Um es ganz deutlich zu sagen: Jeder Prozentpunkt mehr Lohn kostet auch bei Siemens in Berlin Arbeitsplätze. Aber ich sehe den Verhandlungen mit Zuversicht entgegen. Wir stehen ja erst am Anfang.

Das Interview führte M. Döbler

Siemens-Manager Gerd von Brandenstein (63) ist auch

Präsident der

Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg

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