Zeitung Heute : Uns geht’s mittel Die Wirtschaft lief gut

in den vergangenen beiden Jahren. Trotzdem haben die Menschen in Deutschland weniger im Geldbeutel. Wer hat vom Aufschwung profitiert?

Alle redeten vom Aufschwung, doch der Blick ins Portemonnaie und aufs Bankkonto ließ viele daran zweifeln. Wirtschaftsforscher haben diesen fatalen Eindruck nun bestätigt. Der aktuelle Konjunkturboom seit Ende 2004 ist, so das Ergebnis einer Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung, an den meisten Arbeitnehmern spurlos vorbeigegangen. Mehr noch: Die Nettolöhne der Beschäftigten sanken real sogar um 3,5 Prozent.

Beim Aufschwung in den Jahren 1998 bis 2001 war das noch ganz anders, damals stieg das Einkommen der privaten Haushalte preisbereinigt genauso stark wie das Wirtschaftswachstum: um sieben Prozent. Für die große Mehrheit der Bevölkerung habe der Begriff Konjunkturaufschwung damit „eine neue Qualität bekommen“, resümiert IMK-Direktor Gustav Horn: „Wachstum ohne Einkommenszuwachs“. In dieser Dimension habe es das in der deutschen Wirtschaftsgeschichte bisher noch nicht gegeben.



Wohin flossen die Gewinne, die während des Aufschwungs erwirtschaftet wurden?

Sie kamen den Forschern zufolge „allein den Beziehern von Gewinneinkommen und Vermögen zugute“, also fast ausnahmslos Unternehmern, Selbstständigen, Aktienbesitzern und anderen Kapitaleignern. Laut IMK nutzten sie den Aufschwung für eine „massiven Umverteilung zu ihren Gunsten“. Die Unternehmensgewinne seien „geradezu explodiert“ – sie stiegen in den elf Quartalen seit September 2004 um 25 Prozent. Im vorigen Aufschwung waren es nur etwas mehr als fünf Prozent. Dabei handelt es sich bei den Profiteuren nur um eine relativ kleine Gruppe. Laut IMK verfügen zwei Drittel der erwachsenen Deutschen über kein oder nur ein geringes Vermögen. Dagegen ist das reichste Drittel im Besitz von knapp 60 Prozent.

Angesichts derart einseitiger Einkommensentwicklung sehen die IMK-Experten auch nur geringe Chancen für einen Schub bei der Binnennachfrage, der nach Ansicht vieler Forscher inzwischen bitter nötig ist, um den bereits drohenden Abschwung zu verhindern. Schon während des Aufschwungs blieb der Privatkonsum mit einem Plus von real gerade mal einem Prozent äußerst bescheiden. Im vorigen Zyklus lag der Zuwachs noch bei sieben Prozent.

Warum haben die Arbeitnehmer nicht vom Aufschwung profitiert?

Aus drei Gründen. Der erste und wichtigste ist die Lohnentwicklung. „Außergewöhnlich maßvoll“ sei die bisher ausgefallen, sagt Horn – „ein für einen Aufschwung völlig neues Phänomen“. Nach Ansicht der Forscher hängt das vor allem mit der Zunahme „atypischer Beschäftigungsformen“ zusammen. So hat sich der Anteil der schlechter bezahlten Zeitarbeit zwischen 1994 und 2006 mehr als vervierfacht; 2006 fanden in der Leiharbeiterbranche schon mehr als 600 000 Menschen Lohn und Brot. Hinzu kommt: Die Zahl befristeter Arbeitsverträge stieg auf den Rekordanteil von 14,5 Prozent. Und auch Teilzeitarbeit wird immer häufiger, 2006 lag ihr Anteil bei 17,6 Prozent.

All dies senkt nicht nur die Durchschnittsgehälter, es setzt auch die Löhne regulär Beschäftigter unter Druck. Dieselbe Auswirkung haben Kombilohnregelungen für Minijobs und die Aufstockungsmöglichkeit bei Hartz IV. Ohne das Korrektiv Mindestlohn biete man den Unternehmen „faktisch uneingeschränkte Möglichkeiten“ zum Drücken der Löhne, sagen IMK-Direktor Horn und seine Forscherkollegen Camille Logeay und Rudolf Zwiener.

Der zweite Grund ist der Preisanstieg der vergangenen Jahre. Ob Rohstoffe, Energie oder Nahrungsmittel – für alles mussten die Verbraucher deutlich tiefer in die Tasche greifen. Und als mächtigster Preistreiber kam ein Eingriff des Staates dazu: die Mehrwertsteuererhöhung um drei Prozentpunkte im Januar 2007.

Dass der Boom an den meisten Beschäftigten vorbeiging, liegt aber auch an der Sozialpolitik. Trotz Aufschwung und gestiegener Steuereinnahmen sanken die staatlichen Transfers an private Haushalte um fast sechs Prozent. Dahinter stecken etwa Renten-Nullrunden oder der fehlende Inflationsausgleich bei Kindergeld und Bafög. Beim Aufschwung im Jahr 2000 waren die Transfers noch um knapp vier Prozent gestiegen – bei vergleichbarem Beschäftigungsanstieg.

Wie berechtigt ist die Angst der Mittelschicht vor sozialem Abstieg?

Sie ist sehr berechtigt, wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) jetzt nachgewiesen hat. Ihr zufolge ist der Anteil derer, die vom Einkommen her der Mittelschicht zuzurechnen sind (70 bis 150 Prozent des Durchschnittseinkommens von 16 000 Euro pro Person und Jahr) seit dem Jahr 2000 drastisch gesunken – von 62,3 auf jetzt 54,1 Prozent. Insgesamt betraf es rund fünf Millionen Menschen. Für die meisten war es kein Auf- sondern ein Abstieg. Zwar erhöhte sich der Anteil der Spitzenverdiener von 18,8 auf 20,5 Prozent. Die armutsgefährdete Schicht wuchs aber stärker – von 18,9 auf 25,4 Prozent. Und wer einmal ganz unten ist, kommt aus eigener Kraft inzwischen kaum wieder hoch: 66 Prozent finden sich auch vier Jahre nach ihrem Abstieg noch bei den Verlierern, fanden die Forscher heraus. Vor wenigen Jahren lag diese „Beharrungsquote“ deutlich niedriger – bei 54 Prozent.

Einmal abgerutscht, immer arm – diesen Trend bestätigt das Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen auch beim Blick auf Beschäftigte im Niedriglohnbereich. Gelang es Ende der 80er Jahre noch fast jedem fünften Niedriglöhner im Folgejahr einen besser bezahlten Job zu finden, so schafften dies von 2004 auf 2005 nur noch 8,6 Prozent. Die schlechtesten Chancen, sich wieder hochzuarbeiten, haben Ältere. Von den über 54-Jährigen gelang es nicht einmal jedem Zwanzigsten.

Kein Wunder, dass sich immer mehr Menschen um ihre wirtschaftliche Zukunft sorgen. Selbst in den Boomjahren 2006 und 2007 ängstigten sich nur 23 Prozent nicht vorm Armwerden. In den 80er Jahren lag der Anteil der Sorgenfreien noch bei 40 Prozent. Und die Zukunftsangst verbreitet sich auch immer stärker in der Mittelschicht. Mit 26 Prozent treibt sie dort inzwischen schon mehr als jeden Vierten um. Nach Forscherangaben ist dies ein historischer Höchststand.

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