Zeitung Heute : Uns helfen lassen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Helmut Schümann

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Mitunter sprechen Paul und der Vater verschiedene Sprachen. Es kommt dann, obwohl beide deutsch reden, zu Missverständnissen. „Paul“, sagte die Mutter vor ein paar Tagen, „wir müssen am Wochenende auf dem Land Holz hacken, kannst du helfen?“ Paul sagte: „Mhngmanney.“ Auf dem Land hat die Familie sich vor einiger Zeit einen Acker mit Ruine darauf zugelegt, daraus ist inzwischen eine Baracke mit Wiese geworden, es soll mal ein Haus mit Garten werden. Paul sah also der Hilfsaktion mit großer Vorfreude entgegen, anderenfalls hätte er ja „Nein!“ gesagt.

Das Wochenende war gekommen, der Frühling war auch gekommen, herrlich war es an der Luft. Der Vater hackte Holz, die Mutter stapelte Holz, Paul schlief aus. Die Zeit verging, so ein Pubertist braucht eine Menge Schlaf. „Einmal die Woche“, sagt Paul dann meistens, wenn man ihn auf den vielen Schlaf anspricht, „kann man nicht einmal die Woche…“ An diesem Wochenende hatte Paul am frühen Nachmittag ausgeschlafen. Der Vater hackte Holz, die Mutter stapelte Holz, Paul frühstückte.

„Du, Paul“, sagte der Vater, „hattest du nicht helfen wollen?“

„Super“, sagte Paul.

„Was, super“, sagte der Vater.

„Na, das mit dem helfen“, sagte Paul.

„Ja, genau“, sagte der Vater, „du wolltest ja helfen.“

„Super“, sagte Paul, „super, wenn Eltern sagen: du wolltest ja helfen.“

„Ja, aber, du wolltest doch helfen“, sagte der Vater.

„Nein“, sagte Paul.

„Aber, du hast es gesagt“, sagte der Vater.

„Nein“, sagte Paul. Die Mama hat gesagt, dass ich helfen will, ich habe ,mhngmanney’ gesagt. Das ist ein Unterschied. Was du als Willensbekundung deutest, ist allenfalls als erzwungene und unwillige Zustimmung zu einem Befehl zu verstehen, du verstehst?“

„Nein“, sagte der Vater.

„Oh Mann“, sagte Paul, „ich hätte dich sehen mögen, wenn ich ,Nein’ zum Holzhacken gesagt hätte. Beziehungsweise nicht.“

„Hä“, sagte der Vater.

„Ich hätte nicht sehen mögen“, sagte Paul.

„Was“, sagte der Vater.

„Wen“, sagte Paul.

„Wie“, sagte der Vater.

„Oh Mann“, sagte Paul, „ich hätte dich nicht sehen mögen, wenn ich ,Nein’ zum Holzhacken gesagt hätte. Die Frage hätte also ,Wen hättest du nicht sehen mögen, wenn du ,Nein’ zum Holzhacken gesagt hättest’ lauten müssen.“

„Hast du ja auch nicht“, sagte der Vater.

„Was“, sagte Paul.

„Mich gesehen“, sagte der Vater, „und ,Nein’ gesagt. Du hast mich nicht gesehen und nicht ,Nein’ gesagt, aber ausgeschlafen, statt Holz zu hacken.“

„Einmal die Woche“, sagte Paul, „kann man nicht einmal die Woche…“

Wahrscheinlich hat Paul Recht, wahrscheinlich ist Holz hacken nicht die richtige Frühlingsbeschäftigung. Schlafen aber auch nicht. Raus aus dem Haus, die Sonne gucken – falls sie scheint.

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