Zeitung Heute : Uns selber finden

Susanne Kippenberger

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Es gibt mich nicht mehr. So gut wie gar nicht mehr. Das zumindest stand neulich in der „taz“. Mit West-Berlin sei es aus und vorbei, der West-Berliner existiere allenfalls noch in einigen wenigen Reservaten. Zum Beispiel in der Kantine des Kreuzberger Finanzamts. Dort bin ich noch nie gewesen, die Beschreibung des Reservats hat mich allerdings auch nicht gereizt, dort nach meinen Artgenossen zu suchen. Für den „taz“-Autor qualifiziert sich als West-Berliner allerdings auch nur, wer Fassbrause liebt und Leserbriefe an den Tagesspiegel schreibt.

Ich habe noch nie Fassbrause getrunken.

Ich habe noch nie einen Leserbrief an den Tagesspiegel geschrieben.

Und es gibt mich doch.

Allerdings kann man gelegentlich den Eindruck bekommen, West-Berlin entwickle sich zur Filiale von Ost-Berlin. Bei mir in der Winterfeldtstraße hat der coolste aller coolen Neu- Chocolatiers, In’t Veld vom Helmholtzplatz, ein zweites Geschäft eröffnet; die florierende Foto-Galerie Lumas hat jetzt nicht nur am Hackeschen Markt einen Laden, sondern demnächst auch am Kurfürstendamm. Vielleicht haben einige Leute einfach die Nase voll von Mitte-Friedrichshain-Prenzlauer Berg. Auf jeden Fall kann man jetzt auch im Westen wohnen, ohne rot zu werden und sich wie ein 79-jähriger Molle-Berliner zu fühlen.

Langweilen muss man sich auch als West-Berliner nicht. Man kann zum Beispiel wochenlang Musik hören: Sämtliche deutsche Tonträger liegen im Deutschen Musikarchiv in Steglitz. Wusste ich bis vor kurzem selber nicht, hab ich erfahren aus einem Reiseführer, der so klein wie anregend ist: „Geheimtipps, Entdeckungstouren und Lieblingsplätze“ versprechen die Schrittmacher Berlin, und sie versprechen nicht zu viel. Je nachdem, ob einem nach Dorfschönheiten ist, nach Trostpflastern, Tapetenwechsel oder Osten, zu solchen Stichworten findet man auf 42 Kärtchen Berlin-Tipps, die jenseits des Gängigen liegen. Wem nach Tapetenwechsel ist, dem empfiehlt sich auch eine selbstklebende Foto-Bordüre mit dem Panorama von ganz Berlin. Und schon hat man zwei Weihnachtsgeschenkesorgen weniger.

Schrittmacher Berlin über www.schritt-macher.com, 12 Euro; Berlin-Bordüre über www.extratapete, 16 Euro.

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