Unschuldige Musik : Bergfest der Neonazis

Immer mal wieder stellt sich die Frage nach der Schuld von Musik. Bei Richard Wagner zum Beispiel. Woody Allen überkommt beim Anhören von Wagner nach eigener schon länger zurückliegenden Aussage stets das unbändige Verlangen, Polen zu überfallen. Ta-taa-ta-ta-taaa-ta, taata-ta-taaa-ta, taa-ta-ta-taaa-ta, taa-ta-ta-taa, und schon ist Polen verloren? Definitiver Unsinn ist der Satz, der auf Johann Gottfried Seume zurückgeht: Wo man singt, da lass dich nieder, böse Menschen haben keine Lieder. In Gernsheim in Hessen war am vergangenen Wochenende eine Demonstration geplant, sie wurde von den Behörden verboten, es war eine Demonstration von Neonazis, und dass diese bösen Menschen sehr wohl Lieder haben, belegen die zahlreichen illegalen Konzerte mit dumpfbackigen und hohlköpfigen Bands. Von Sängern des „Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich, ja ich, schwarzbraun muss mein Mädel sein, gerade so wie ich“ ganz zu schweigen.

Andrea Berg ist höchstwahrscheinlich kein böser Mensch. Sie hat nur Lieder, jede Menge Lieder, und die hat sie auf Platten und CDs gepresst elf Millionen Mal verkauft. Wenn man jetzt ein bisschen böse wäre, würde man natürlich auf den Vergleich mit den Fliegen kommen und deren bevorzugter Nahrung, und dass diese Nahrung auch nicht besser und schmackhafter wird, nur weil sich die Fliegen, Lemmingen gleich, in Millionenstärke auf sie stürzen. Aber das wäre nur eine fiese Musikkritik, sagt aber nichts über charakterliche Eigenschaften.

Die Schlagersängerin Andrea Berg ist jetzt trotzdem unter die Nazis geraten. Die hessische Polizei hat einen Tourbus Bergs gestoppt und umgeleitet, in dem saßen 20 Neonazis auf dem Weg zur besagten Demonstration in Gernsheim, mutmaßlich Lieder grölend, böse Lieder, keine Lieder von Andrea Berg, die ist unschuldig. Es war nur so, dass ihr Management den Bus vermietet hatte an ein Unternehmen mit dem launigen Namen „Fun to travel“. Und die haben wohl nicht so genau hingeschaut, wem sie den Bus zur Verfügung stellen, weswegen die bösen Menschen sozusagen zu ihrem Bergfest kamen. Lassen wir es dabei bewenden, dass es gut war, dass die Polizei die Fahrt gestoppt hat, dass böse Menschen Musik machen, was aber nicht die Schuld der Musik ist.Helmut Schümann

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