Unser aller Präsident : Von Monstern und Mythen

Lorenz Maroldt

Eigentlich braucht Horst Köhler keinen Gegenkandidaten. Er ist der perfekte Bundespräsident. Die Menschen mögen ihn, er macht dem Land keine Schande, interessiert sich für die Dinge des täglichen Lebens, steht stets auf der richtigen, also auf der guten Seite, und er weiß so klug klingende Sachen zu sagen wie „es ist wirklich viel vernünftiger, freundlich zu sein“. Köhler ist eine Art deutscher Dalai Lama. Die Tibeter nennen ihr Oberhaupt „Gundün“, „die Präsenz“, was ja auch ganz gut auf unseren multitalking Präsidenten passt. Es gibt keinen Quadratmeter Deutschland, für den Köhler nicht schon mindestens eine Forderung erhoben hat. Den Streit um den Dalai Lama zu beenden, hat er selbstverständlich auch schon mal angemahnt. Es kann sich allerdings niemand mehr daran erinnern, auf welche Weise das bellevuegemäß zu geschehen hat. Schade, dass Köhler dieser Tage leider keine Zeit hat, Seine Heiligkeit zu empfangen; die beiden würden sich bestimmt gut verstehen. Andererseits – es ist ja gerade auch wirklich viel vernünftiger, freundlich zu den Chinesen zu sein.

Warum also sollten die Sozialdemokraten, deren Kandidat Köhler nicht war, der dies aber offensichtlich auch ganz gerne mal wäre, einen eigenen Mann, eine eigene Frau aufstellen? Zumal doch die Angelegenheit ziemlich, nun ja: unbequem würde, und dies, das Unbequeme, doch eine programmatische Domäne des Bundespräsidenten ist, wenigstens „notfalls“, wie dieser seinem Land zu Beginn der Amtszeit angedroht hatte. Die SPD hätte doch nur Ärger: Erst mal müsste sie jemanden finden, den die eigenen Leute nicht gleich wieder einen Kopf kleiner machen. Dann sich mit der Linkspartei arrangieren, denn deren Stimmen bräuchte man schon. Aber wie glaubwürdig wäre noch die ohnehin schon bezweifelte Behauptung, nach der bald darauf folgenden Bundestagswahl nichts mit diesen Linken einzufädeln? Schließlich das Risiko des Scheiterns – Kurt Beck, Verlierer aller Klassen, was für ein Signal. Oder, noch schlimmer, der Erfolg: Den beliebtesten Präsidenten aus dem Amt gejagt für parteipolitische Ämterpatronage. Na, das wird die Leute aber freuen!

So erleichtert es die Sozialdemokraten doch sehr, dass ihnen Köhler eine goldene Brücke in sein Gewuselkabinett baut. Der Köhler ist nämlich eigentlich auch ein Linker, irgendwie. Die Finanzmärkte jedenfalls, Heimat der münteferingschen Heuschrecken, sind jetzt per präsidialer Deklaration ein außer Kontrolle geratenes Monster. Damit bringt man in jedem Ortsverein die Genossen zum Toben. Und sie scheinen nicht einmal zu merken, wie ihre traditionsreiche, einst selbstbewusste Partei dabei zu einem verzagten Grüppchen mutiert. Kümmert es etwa die Union, ob ihr Mann auch mit den Stimmen der Rechtsradikalen in der Bundesversammlung gewählt wird? Für das „Land der Ideen“ (Köhler) wäre es doch erbärmlich, stünde nur ein Kandidat zur Wahl. Sie haben doch honorable, respektable Leute für dieses Amt, die Sozialdemokraten, aber auch die Grünen, die Liberalen – oder nicht?

Horst Köhler gilt als jemand, der nah dran ist an den Menschen, der ein großes Herz hat zum großen Verstand. Aber den Leuten aufs Maul zu schauen, heißt nicht, ihnen nach dem Mund zu reden. Dass er unbequem ist, lässt sich nicht wirklich sagen, ist ein Mythos, ebenso wie seine Überparteilichkeit; allenfalls der Regierung mal lästig ist Köhler, wenn er nicht gerade ihr zuliebe das Parlament auflöst. Köhler fordert, alarmiert und kritisiert, auch die Folgen seines eigenen Wirkens, als Staatssekretär im Finanzministerium, als Chef des Internationalen Währungsfonds. Nur klingt es bei ihm immer so, als habe er mit nichts etwas zu tun. Doch die Schulden, an denen Deutschland würgt, hat auch er eingerührt, und für das Monster, das er jetzt einfangen will, hat er einst den Leinenzwang abgelehnt. Köhler ist ein Stimmungssurfer, er paddelt hinterher, aber kommt mit seinem breiten Brett immer ganz hoch auf die Welle.

Ein schlechter Präsident ist er deswegen nicht. Aber was ist sein Wert?

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