Zeitung Heute : Unser Mann in Bonn

Karl Wienands Leben spiegelt deutsche Geschichte in den Zeiten des Kalten Krieges. War der Vertraute von Herbert Wehner ein Agent der DDR? Oder eine Schlüsselfigur der Ostpolitik? 1996 fällt das Urteil: Landesverrat. Dagegen kämpft Wienand bis heute.

Jens Mühling

Genau so, wie ich das erzähle, hat es sich zugetragen.“ Als dieser Satz fällt, spricht Wienand noch von seiner Jugend: von der Ostfront, der Heimkehr, vom Großvater, der den Schwerverletzten über die zugefrorene Sieg trug – genau so hat es sich zugetragen. Sagt einer, der weiß, dass ihm die Leute nicht mehr glauben.

Draußen vor den Fenstern verschwimmt das Siegtal im Regen, drinnen in Wienands Villa kämpft ein alter Mann mit den Tränen. Dieser Karl Wienand, es muss bei allen Zweifeln so gesagt werden, hat einiges hinter sich. Und wenig vor sich. Er wird 80 dieses Jahr, viel Zeit bleibt ihm nicht, er weiß das, fühlt es. Die Splitter in seinem Körper machen sich bemerkbar, und das Bein, das linke, das er nicht mehr hat. Eckig zeichnet sich die Prothese unter dem Hosenbein ab, das einzig Eckige an diesem kleinen, runden Mann.

Einst galt er als der heimliche Strippenzieher, als „Seele des Geschäfts“ der Bonner SPD-Fraktion. Ist das überhaupt noch wahr? So wenig ist geblieben von diesem langen, wirkenden Leben, das so reich war an Vorweisbarem wie an Fragwürdigem. Geblieben ist: die kranke Frau, der Wienand alle Wünsche von den Augen ablesen muss, seit der Geist in ihrem lahmen Körper nur noch durch Bewegungen der Augenlider zu ihm spricht. Geblieben ist: Wienands drogenabhängiger Sohn, den er Schritt für Schritt zurückführen will ins Leben. Karl Wienand hat gelernt, in kleinen Schritten zu denken. Es muss ihm schwer gefallen sein – ihm, der so lange unter Riesen gelebt hat. Der mit Brandt, mit Wehner, mit Schmidt marschierte. Und der mitunter forscher ausgeschritten sein soll, als es seinen Marschkumpanen lieb sein konnte.

Denn das ist vor allem geblieben: ein öffentliches Bild, das Wienand nicht gefällt, nicht gefallen kann. Wienand, der Landesverräter. Zehn Jahre ist es her, dass er als Stasi-Agent verurteilt wurde. Alles andere hat er weggesteckt, all die Affären, die ihm anhängen. Aber nicht das. Er will nicht, dass dieses Bild bleibt, wenn er weg ist. Dafür kämpft er. Deshalb redet er. Viel. Ausschweifend. Erschöpfend. Rheinisch-jovial meist, aber nie ohne einen Rest von Selbstkontrolle.

Das Wort „Samthandschuhe“ benutzt er oft. Samthandschuhe, mit denen andere Leute die Dinge anfassen, aber nicht er. Nicht bei diesem Leben, das gegründet war auf Abgründen, genau wie die Bonner Republik, mit der es so eng verwoben war. Der Vater Kommunist, 1933 verhaftet, acht Jahre später „seinen Krankheiten erlegen“, wie es hieß. Das amputierte Bein, mit dem Wienand leben lernen musste. Die Armut, das zerstörte Land. Wienand biss sich durch. Schaffte das Abitur, das Studium, war ehrgeizig, fiel auf, machte Karriere. Mit 26 wurde er Bürgermeister, ein Jahr später saß er für die SPD im Bundestag.

Dort traf er auf Herbert Wehner, den legendären Fraktionschef mit der kommunistischen Vergangenheit, als dessen rechte Hand Wienand bald galt – auch wenn manche sagten, es sei eher die linke. „Wir beide werden hier ewig die Proletarier sein“, hat Wehner mal zu Wienand gesagt. Und Recht behalten. Er machte ihn zum parlamentarischen Geschäftsführer, und damit war der Ackerer Wienand zuständig für alles, was nach Drecksarbeit roch. Wienand richtete es, Wienand deichselte es, fädelte ein, saß aus. Bald eilte ihm der Ruf des „Mannes für die heiklen Fälle“ voraus, nur einer von vielen Spitznamen. Den „Ausputzer“ hat man ihn genannt, den „Drahtzieher“ und den „Mann fürs Grobe“, mal war er „Wehners Frontsau“, mal der „Genosse der Gosse“.

Wienand gibt nicht viel auf diese Namen. Er hält sich lieber an Wehner, von dem ihm noch ein Satz im Ohr geblieben ist: „Dir werden sie noch bei lebendigem Leibe das Fell abziehen“, pflegte der Fraktionschef zu sagen, wenn Wienand mal wieder die Schäfchen ins Trockene gebracht hatte. Er sollte Recht behalten. Obwohl sein Schützling die ersten Skandale noch weitgehend unbeschadet überstand. Erst der Bestechlichkeitsvorwurf in der Paninternational-Affäre, vier Jahre später die Verurteilung wegen Steuerhinterziehung, dazwischen der Steiner-Skandal, das wohl bekannteste Wienand-Stück: 1972 scheiterte die Opposition mit einem konstruktiven Misstrauensvotum gegen Willy Brandt, weil mindestens einer ihrer Abgeordneten gegen die eigene Fraktion gestimmt hatte. Der CDU-Mann Julius Steiner behauptete, er sei es gewesen – und habe von Wienand 50 000 Mark erhalten. Wienand stritt ab, ein Untersuchungsausschuss konnte ihm nichts nachweisen, erst 20 Jahre später kam heraus, dass Steiner von der Stasi bezahlt worden war.

Auch, dass er nach der Steueraffäre aus dem Bundestag ausschied, verkraftete Wienand – hinter den Kulissen blieb er der Strippenzieher. Die Wertschätzung in Parteikreisen und sein Bild in der Öffentlichkeit allerdings drifteten immer weiter auseinander: Nach der Steiner-Affäre bekam Wienand vom Chefredakteur der Illustrierten „Quick“ eine Pistole geschickt – nebst der Aufforderung, er solle sich erschießen, um seine Ehre wiederherzustellen.

Die vielleicht präziseste Einschätzung des Politikers Wienand stammt von ihm selbst. In angetrunkenem Zustand hat er sie formuliert, gegenüber einem gewissen Alfred Völkel. Der notierte später, Wienand habe ihm folgendes offenbart: „Politik sei ein Geschäft und nicht immer ein ganz sauberes; wer in der Politik vorankommen will, darf kein Gewissen haben; der Zweck heiligt die Mittel und Wege“.

Inhaltlich überrascht die Selbstverortung nicht – prekär ist allein, wem Wienand sich da so offenherzig als Pragmatiker empfahl. Im Original findet sich die Notiz heute bei der Gauck-Behörde. Sie ist Teil eines Berichts, den der Stasi-Offizier Alfred Völkel, Deckname „Krüger“, für die Auslandsspionage des MfS verfasste, die so genannte „Hauptverwaltung Aufklärung“, kurz HVA. Völkel berichtet darin von Treffen mit einer Quelle namens „Streit“. Das Papier wurde kurz nach der Wende entdeckt, aber erst 1993 konnten die Ermittler der Quelle einen Klarnamen zuordnen: Karl Wienand.

Es war der Punkt, an dem seine Vita endgültig in zwei Erzählungen zerfiel. Die Generalbundesanwaltschaft hielt eine „reinrassige Spionagetätigkeit“ für erwiesen: Unter dem Decknamen „Streit“ habe Wienand seinem Führungsoffizier Völkel von 1970 bis zum Ende der DDR „bewusst, gewollt, heimlich und konspirativ“ SPD-Interna und politische Expertisen zugespielt, wofür er mindestens 1,5 Millionen Mark Agentenlohn kassiert habe. Dem gegenüber steht Wienands eigene Version: Er habe mit Völkel gesprochen, ja, aber Geld sei nicht geflossen. Der Stasi-Mann sei ihm als Entsandter des DDR-Ministerrats vorgestellt worden. Im Auftrag Wehners habe er mit ihm vertrauliche Gespräche geführt, um jenseits offizieller Kanäle die Interessenlage der DDR-Führung auszuloten. Er, Wienand, sei Wehners Geheimnisträger gewesen – aber kein Geheimniskrämer.

Auch zehn Jahre nach dem Prozess finden sich Anhänger beider Erzählungen. Auf der einen Seite: die Bundesanwaltschaft und das Oberlandesgericht Düsseldorf. Am 26. Juni 1996 fiel das Urteil: Landesverrat. Man bescheinigte Wienand zwar, er habe keine „wirklichen Geheimnisse“ verraten und der BRD „keinen messbaren und bleibenden Schaden“ zugefügt. Trotzdem wurde er zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, musste eine Million DM „Agentenlohn“ zurückzahlen und verlor seine Pensionsansprüche.

Auf der anderen Seite steht jener Stasi-Offizier Völkel, mit dem Wienand über Jahre hinweg Gespräche führte. Der Mann mit dem Decknamen „Krüger“ lebt heute im Norden Berlins. Er ist bereit, seine Version der Geschichte zu erzählen – weil er sich schuldig fühlt, sagt er. „Wienand ist ein armer Hund. Eigentlich hätte Wehner an seiner Stelle stehen müssen.“ Völkel wiederholt, was er schon im Prozess erklärt hat: Wienand habe weder Geld erhalten noch seine wahre Identität gekannt. „Und wenn jemand sagt, der Wienand hätte merken müssen, mit wem er da spricht, dann hat der keine Ahnung vom Nachrichtengeschäft.“ Ein paar Jahre jünger als Wienand ist dieser Völkel, er sieht ihm nicht unähnlich. Mitunter sagt er „Streit“, wenn er Wienand meint, trotzdem zeichnet er das Bild einer großen Männerfreundschaft: „Der Karl und ich, wir waren das ideale Paar.“ Wienands Frau, selbst die Kinder hätten ihn gekannt. Wenn seine Version stimmt, hätte er nicht Skrupel haben müssen, weil er das Vertrauen der Familie missbrauchte? „Doch, dieser Gedanke war oft da: Irgendwann werden dich alle für einen Schuft halten.“ Völkel zögert. „Aber die politische Auseinandersetzung forderte eben Opfer.“ Dann wird er wieder fest: Wer Wienand kenne, könne unmöglich auf den Gedanken kommen, er sei Agent gewesen. „Ich habe oft gestaunt, wie vertrauensselig er war, wie leichtsinnig. Der war imstande, in Paris im Restaurant laut grölend über politische Interna zu reden.“

Das Gericht nahm Völkel seine Version nicht ab. Zwei HVA-Mitarbeiter sagten aus, sie hätten Völkel regelmäßig große Summen Bargeld für Wienand ausgehändigt. Belege fanden sich nicht dafür, die HVA-Kassiererin wusste nichts von Zahlungen, auch der letzte HVA-Chef Werner Grossmann erklärte, es sei kein Geld geflossen. Grossmanns Amtsvorgänger Markus Wolf, dessen handschriftliche Notizen Völkels Berichte zieren, sagte im Wienand-Prozess nicht aus, weil er zur gleichen Zeit selbst vor Gericht stand. Als Wienand allerdings 1999 ein Wiederaufnahmeverfahren beantragte, benannten seine Anwälte Wolf als Entlastungszeugen. Der Bundesgerichtshof lehnte ab, weil die „nebulösen Erläuterungen und selektiven Erklärungen“ des Spionagechefs nicht geeignet seien, die Grundlagen des Prozesses entscheidend zu verändern.

Wolf hätte gerne ausgesagt. Der Fall Wienand liege ihm am Herzen, sagt er – und muss sich unterbrechen: Der Kellner, der ihm sein Wasser gebracht hat, hat etwas auf dem Herzen. „Vielen Dank für das Autogramm, Herr Wolf“, flüstert er, „ich habe es weitergeleitet.“ Wolf nickt. Vor den Fenstern flimmert die Spree. Der „Mann ohne Gesicht“, wie sie ihn früher nannten, scheint heute in seiner Wohngegend kein ganz unbekanntes Gesicht zu sein.

Wolf fährt fort. In gewisser Weise fühle er sich „verantwortlich“, dass Wienand „gerichtsnotorisch wurde“. Schließlich sei die Verbindung unter seiner Regie aufgebaut worden, auch habe das Gericht Passagen aus seinen Memoiren gegen Wienand verwendet. Von dessen „außergewöhnlicher materieller Interessiertheit“ hatte Wolf da geschrieben. „Damit wäre ich heute vorsichtiger.“ Denn: Geld sei nicht geflossen. Die materielle Grundlage der Verbindung seien grenzüberschreitende Geschäftskontakte gewesen.

Ob Wienand wusste, mit wem er es zu tun hatte, lässt Wolf offen. „Das ist etwas, wonach wir nie gefragt haben. Definitiv kann ich nur sagen: Nach meinem Wissen war Wienand nie geworbener, geschweige denn bezahlter Agent.“ Wie aber erklärt er sich die Aussage der zwei HVA-Leute vor Gericht? „Ich halte das für eine falsche Aussage.“ Und das HVA-Dokument, in dem Wienand als „Quelle“ mit „materieller Basis“ geführt wird? Wolf besieht den Computerausdruck. „Wenn ich das als Vertreter einer Bundesbehörde gelesen hätte, wäre ich wohl auch von einer Agententätigkeit ausgegangen. Aber das stimmt so nicht. Das muss ein Mitarbeiter willkürlich so eingetragen haben.“

Wienands Fürsprecher finden sich keineswegs nur auf Seiten der HVA. Etliche SPD-Genossen sahen mit Wienands Anklage wohl die Ostpolitik ihrer Partei an den Pranger gestellt – und sagten entsprechend aus. Johannes Rau gab zwar an, er habe mit Wienand nie über DDR-Kontakte gesprochen, fügte jedoch ungefragt hinzu: „Dazu bestand auch kein Anlass.“ Hans-Jochen Vogel erklärte, Wehner habe aus seinen Kontakten nie einen Hehl gemacht. Und Helmut Schmidt ergänzte sein Buch „Weggefährten“ um eine Fußnote: „Während ich dieses Kapitel schreibe, läuft ein Prozess gegen Wienand wegen angeblicher Spionage. Ich bin dort zu meinen Kenntnissen, nicht zu meiner Meinung befragt worden. Deshalb will ich hier festhalten: Für mich ist ein Landesverrat durch Karl Wienand undenkbar.“

Nur eine Aussage allerdings ließ selbst Bundesanwalt Joachim Lampe von einer „erheblichen Entlastung“ Wienands sprechen: die von Edgar Hirt, eines Ministerialdirektors für innerdeutsche Beziehungen. Bis heute hält der in Bonn lebende Ruheständler Wienand für unschuldig, „weil die gesamte Bundesregierung nicht nur von seinen Kontakten wusste und sie für völlig normal hielt, sondern sie ausdrücklich billigte.“ Wienand sei befugt gewesen, „auch bei Mitarbeitern der Stasi Meinungen und Standpunkte einzuholen“. Dabei sei sogar einkalkuliert worden, dass diese Kontakte „strafrechtliche Konsequenzen haben könnten“. Das Gericht folgte Hirts Argumentation letztlich nicht, weil Wienand keine Legitimation der Regierung nachweisen konnte: Sein potenzieller Kronzeuge Herbert Wehner war seit sechs Jahren tot.

Der Revisionsantrag wurde verworfen, ebenso das Wiederaufnahmegesuch. Mit Hinweis auf Wienands Gesundheitszustand sprach schließlich Bundespräsident Roman Herzog eine Begnadigung aus, es blieb eine fünfjährige Bewährungsauflage. Für einen Moment flackerte dann erneut die Möglichkeit einer Wiederaufnahme auf: Holger Bahl, ein Schweizer Bankier und Weggefährte Wienands, hatte neue Stasi-Akten zusammengetragen, die er für entlastend hielt. Er wandte sich an Gerhard Schröder. Das Kanzleramt schickte einen Mitarbeiter nach Zürich, der, so Bahl, „die Akten begutachtete und massive Fragezeichen hinter den Prozess setzte“. Im Kanzleramt wurde eine Sitzung zum Wienand-Prozess abgehalten, an der auch Bundesanwalt Joachim Lampe teilnahm. „Ich erinnere mich noch genau“, sagt Bahl, „wie ich damals einen Bekannten anrief, um ihn von den Fortschritten zu erzählen. Und der sagte nur: Hör auf, den Wienand haben sie vor einer Stunde verhaftet.“

Wieder einmal hatte sich Wienand ins Zentrum eines bundesrepublikanischen Skandals manövriert. Das Kölner Landgericht befand 2004, beim Bau einer Müllverbrennungsanlage seien auf Wienands Veranlassung elf Millionen Euro Schmiergelder geflossen, davon gut zwei Millionen in die eigene Tasche. „Danach“, erinnert sich Bahl, „war sämtlicher guter Wille für Wienand aufgebraucht. Niemand wollte sich mehr für ihn einsetzen.“ Bahls Brief an Schröder wurde abschlägig beantwortet.

„Selbst der Sauberste stinkt, wenn er in einen Eimer Scheiße steigt.“ Noch so ein Satz Wehners, der Wienand im Ohr geblieben ist. War er der Mann, der für Wehner in den Eimer tauchte? Oder tauchte er aus freien Stücken, um im Gestank nach Gold zu suchen? Es bleibt bei diesen zwei Erzählungen, von denen nur eine wahr sein kann.

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