Zeitung Heute : „Unser Öl reicht für alle“

Der kasachische Botschafter Kairat Sarybay über die Energiepolitik seines Landes, die Zusammenarbeit in Europa und die Menschenrechte

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Deutschland will die Zusammenarbeit mit Zentralasien in den kommenden Jahren vertiefen. Was bedeutet das für Kasachstan?

Das ist ein Zeichen dafür, dass Deutschland und die Europäische Union die Bedeutung Zentralasiens erkannt haben.

Deutschland und die EU blicken auch deshalb verstärkt nach Zentralasien, weil es Zweifel an der Verlässlichkeit Russlands als Energielieferant gibt.

Kasachstan spielt als Lieferant von Energie schon heute eine strategische Rolle für Deutschland und für die Europäische Union. Das ist eine win-win-Situation - sowohl Kasachstan als auch die EU können profitieren. Beide Seiten werden ihre Energiepolitik erweitern. Unsere Seite wird die Zielländer diversifizieren, und die EU ihre Importquellen. Wir müssen auf jeden Fall auch Russland in diese Kooperation einbeziehen. Die Ausgangsbedingungen dafür sind gut. Es gibt eine traditionelle Zusammenarbeit zwischen Kasachstan und Russland, besonders im Energiebereich. Wir denken derzeit darüber nach, wie man die Kapazitäten der russischen Pipelines nutzen kann, um mehr Energieträger aus Zentralasien nach Europa zu liefern.

Sie denken also nicht an neue Pipelines unter Umgehung Russlands?

Beides ist möglich. Wir müssen die Kapazitäten der bestehenden Pipelines nutzen und erhöhen, aber wir können auch in andere Richtungen blicken.

Was kann Kasachstan der EU für die geplante engere Zusammenarbeit konkret anbieten?

Seine strategische Lage und vor allem mehr Sicherheit. Der Sicherheitsaspekt hat Einfluss auf viele Bereiche: den Kampf gegen die Armut, den Kampf gegen Drogen. Sicherheit bedeutet mehr Demokratie, Sicherheit bedeutet Stabilität, nicht nur für unsere Region. Die Grenzen der Europäischen Union liegen heute nicht an der ostpolnischen Grenze, sondern viel weiter weg, zum Beispiel am Hindukusch. Drogen aus Afghanistan kommen durch die zentralasiatische Region. Hier sind wir zu enger Zusammenarbeit mit deutschen und europäischen Behörden bereit. Aber auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit ist uns wichtig. Wir wollen die Struktur unserer Wirtschaft ändern und von Exporten unabhängiger sein. Dafür brauchen wir neue Technologien und neue Anlagen. Kasachstan bietet Unternehmen heute ein günstiges steuerliches Klima, Rohstoffreichtum und einen breiten Zugang zu wachsenden Märkten in China, Russland und Zentralasien.

Sie sagen, dass Kasachstan zur europäischen Energiesicherheit beitragen kann und will. Auf der anderen Seite orientiert sich das Land aber auch nach China. Im Juni wurde erst eine große Pipeline nach China in Betrieb genommen. Beeinträchtigt das nicht die Zusammenarbeit mit Europa?

Von Anfang an war unsere Außenpolitik multivektoral. Das ergibt sich schon aus unserer geografischen Lage: Die längste Landgrenze der Welt ist die zwischen Kasachstan und Russland, mehr als 7500 Kilometer. Wir haben 1700 Kilometer gemeinsame Grenze mit China. Sie sind unsere unmittelbaren Partner und Nachbarn. Wir möchten nicht Objekt der Weltpolitik sein, sondern Subjekt. Deswegen haben wir von Anfang an versucht, die Balance zu halten. Wenn wir unsere Zusammenarbeit mit China oder mit Russland vertiefen, bedeutet das nicht, dass wir der anderen Seite den Rücken zuwenden.

Das heißt, das Öl reicht für alle?

Unsere Vorräte reichen aus. Bis 2010 werden wir bis zu 100 Millionen Tonnen produzieren, und bis 2015 schon 150 Millionen Tonnen. Das sichert auch unsere Position.

Was bedeutet es für Kasachstan, dass Russland und die USA in Zentralasien um Einflussbereiche wetteifern? Ist das nicht auch eine Belastung?

Unser Ziel ist es, alle Belastungen in Vorteile zu verwandeln.

Wie geht das?

Wir schaffen das. Wir haben heute sehr gute Beziehungen zu China, zu den USA und zu Russland. Die Beziehungen zur EU wollen wir vertiefen. Bei all dem dürfen wir auch nicht unsere zentralasiatischen Nachbarn vergessen. Kasachstan ist heute eine Art Anker der Stabilität in der Region, eine führende Kraft für liberale politische und wirtschaftliche Reformen. In Kasachstan gibt es 130 verschiedene Ethnien und 40 verschiedene Konfessionen, und alle leben in Frieden. Das ist unser Beitrag nicht nur zur regionalen, sondern zur globalen Sicherheit.

Es ist ja in letzter Zeit viel von farbigen Revolutionen die Rede. Könnte eine Entwicklung wie in der Ukraine oder in Georgien auch in Kasachstan möglich sein?

Ich denke nicht. Wir hatten 2005 Präsidentenwahlen und im Vorjahr Parlamentswahlen. Alles verlief sehr ruhig, denn wir haben durchschnittlich zehn Prozent Wachstum pro Jahr, steigende Gehälter und verbesserte Lebensstandards. Die Reformen müssen weitergehen. Liberale Werte kommen nicht sofort. Man braucht eine starke politische Kraft, um all das umzusetzen. Wir bleiben nicht auf der Stelle stehen. Deswegen machen wir jetzt neue Gesetze, um mehr Transparenz in die staatliche Entscheidungsfindung und außerdem mehr Menschen in politische Parteien zu bringen. Heute gibt es verschiedene politische Richtungen, Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften. Es gibt freie Medien, und jeder darf sagen, was er will, sofern er nicht jemanden ohne Grund beschuldigt. Man darf Demokratie nicht als Anarchie verstehen.

Kasachstan wird von einem Präsidenten regiert, der sehr viele Vollmachten hat. Die Wahlen wurden von internationalen Beobachtern kritisiert. Freedom House stuft Kasachstan als unfreies Land ein, andere Menschenrechtsorganisationen äußern sich ähnlich. Was sagen Sie zu dieser Kritik?

Es gibt verschiedene Kriterien. Man darf keine doppelten Standards verwenden und muss jedes Land für sich betrachten. Jede Nation hat ihre eigene Geschichte, ihre eigene Tradition, ihre eigene Mentalität. Man kann einen Deutschen einfach nicht mit einem Chinesen vergleichen. Wir nehmen diese Kritik sehr ernst, und wir treffen trotzdem unsere eigenen Entscheidungen.

Aber trotz aller Unterschiede gibt es doch auch gemeinsame Werte.

Ja, diese gemeinsamen Werte erkennen wir auch an. Die Menschenrechte sind auch unsere Werte. Aber die Wege, wie man bestimmte Ziele erreicht, sind verschieden. Es gibt einen amerikanischen Weg, einen deutschen, einen französischen, einen persischen, einen chinesischen. Hauptziel der Politik ist es, die Leute zufrieden zu machen. Wie wir das schaffen, da gibt es verschiedene Lösungen. Die Chinesen betrachten ihr System als das beste für ihr Land, und vielleicht haben sie damit Recht. Wenn man ein Ziel hat, darf man nicht sagen, dass man es nur auf einem Weg erreichen kann, den ein anderes Land schon gegangen ist.

Gibt es denn Länder, die in Ihrem Reformprozess Vorbilder sind und an denen Sie sich ein wenig orientieren?

Es gibt verschiedene Vorbilder in der Welt. Die deutsche Ordnung kann ein Vorbild sein, oder der Fleiß der Chinesen, oder die Innovationsfähigkeit der Japaner. Ich bin sehr froh, dass wir in Kasachstan die verschiedensten Vorbilder als gutes Beispiel betrachten können, weil wir so viele Nationalitäten haben. Das ist unser Reichtum. Wir können im Herzen Eurasiens alle Werte Europas und Asiens als unsere heimischen Werte betrachten.

Was können die Deutschen von Kasachstan lernen?

Die Offenheit des Herzens und in den Köpfen. Und die Gastfreundschaft.

Das Gespräch führte Claudia von Salzen.

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