Zeitung Heute : „Unser Wissen über diesen Mann ist nicht ausgeschöpft“

Das Erbe des Kunsthistorikers Aby Warburg, des Erfinders der Ikonologie – eine Archivsuche

Elizabeth Sears

Die „neue Kunstgeschichte“ der letzten Jahrzehnte hat in vielen Bereichen methodische Anregungen gesucht – in der Literaturtheorie, Sozialwissenschaft, Philosophie, Anthropologie, Psychologie, in den Kulturwissenschaften – aber auch zu einem gewissen Teil in der herkömmlichen Kunstgeschichte. Alle diejenigen, die sich in die Veröffentlichungen von Kunsthistorikern aus dem frühen 20. Jahrhundert vertiefen, sind oft erstaunt über die Feinsinnigkeit und Bedeutung der damaligen analytischen Experimente. Als 1974 der Kunsthistoriker T. J. Clark in einem polemischen Essay für „Times Literary Supplement“ eine neue soziale Kunstgeschichte forderte, verwies er auf Werke von Denkern wie Aby Warburg, Heinrich Wölfflin, Erwin Panofsky, Fritz Saxl und Julius von Schlosser und fragte sich, wie ihre Ideen hatten verloren gehen können.

Tatsächlich ist seit den späten 70er Jahren das historiographische Studium aufgeblüht, und die meisten der von Clark erwähnten Kunsthistoriker sind selbst Objekte von wissenschaftlicher Erforschung geworden. Aber es ist die erste Figur auf seiner Liste, der in Hamburg geborene Privatgelehrte Aby Warburg (1886-1929), dessen Werk zum Zentrum eines regelrechten Spezialfeldes geworden ist: Sein Werk wurde aktiv wieder entdeckt durch kritische Theoretiker und in den gegenwärtigen akademischen Diskurs eingespeist. Dafür gibt es viele Gründe. Warburgs Anstrengungen, die Erforschung von Bildern auf eine neue Grundlage zu stellen, indem er die kunstgeschichtliche Arbeit in Projekte von Kulturgeschichte und Psychologie integrierte, seine Ungeduld mit der gegenseitigen Abschottung der Fachgebiete, seine Aufmerksamkeit mit Blick auf die Konsequenzen der Moderne – das alles hat sein Werk allem Anschein nach für weitergehende Initiativen bedeutsam gemacht. Die private Bibliothek, die er in Hamburg zusammengetragen hat (Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg), erregt nach wie vor breites Interesse – zumal es sein Anliegen war, durch die Auswahl und Anordnung der Bücher ein humanistisches Laboratorium für die gemeinsame Lösung akademischer Probleme zu schaffen. Unvollendet, aber unendlich anregend, hat Warburgs Projekt Gelehrte von überaus unterschiedlichen Temperamenten und akademischer Prägung zu der Aufgabe hingezogen, um sein Erbe weiter zu vermitteln.

Wenn wir heute aktiv Modelle für Gemeinschaftsarbeit in den Humanwissenschaften suchen, erscheint das Studium des Warburgschen Unternehmens unerlässlich. Mein gegenwärtiges Projekt konzentriert sich auf die früheste Rezeption und den Gebrauch von Warburgs Werk, von den 20er Jahren bis in die 60er Jahre. Das waren turbulente Zeiten, natürlich – Jahre, in denen es sehr viele Brüche und Verwerfungen gab: Die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg (KBW) verließ 1933 Deutschland in Richtung London.

Ich untersuche die während dieser Periode miteinander verwobenen Geschichten von Gelehrten vieler Nationalitäten, verschiedener Schulen und verschiedener Generationen. Alle waren an einem Wissenschaftsstrom beteiligt, der sich in einem gewissen Sinne als „Warburgisch“ verstand – manchmal auch Ikonologie genannt – , der die reine Formanalyse zugunsten einer Suche nach dem „Inhalt“ der Kunstwerke im breitesten Sinne verwarf. 1928/29 reiste der betagte Aby Warburg in Begleitung seiner Assistentin Gertrud Bing durch Italien, stieg für Monate im Palast-Hotel in Rom ab, arbeitete an seinem Bilderatlas, verkehrte in internationalen Gelehrtenzirkeln und hielt eine gut besuchte Vorlesung an der Hertziana. Warburgs gelehrte Beschäftigungen dieser Zeit dienen als ein geeignetes Sprungbrett für eine Untersuchung der Warburgschen Mission – wie sie von seinen unmittelbaren Nachfolgern verstanden und gefördert wurde und mit der Zeit auch von anderen aufgegriffen wurde. Im Rückgriff auf bislang nicht veröffentlichtes Archivmaterial, beschreibe ich das gemeinsame wissenschaftliche Unterfangen, das er in manchmal hoffnungslosen politischen Umständen unternommen hat. Wenn man ein Gespür für den Druck hat, der auf Einzelnen lastet – ihre größeren Absichten, ihre Loyalitäten und Allianzen – liest man das veröffentlichte Werk mit anderen Augen. Anscheinend unverfängliche historische Analysen werden zu Äußerungen in akademischen Zweikämpfen. Untersuchungen aus dem „Elfenbeinturm“ stellen sich als politisch aufgeladen heraus.

In dem Archiv des Warburg-Instituts findet sich zum Beispiel eine Geschichte deutsch-französischer Zusammenarbeit in einer Epoche, als die politischen Spannungen zwischen den beiden Ländern und Kulturen hoch waren. 1930 schrieb der junge Jean Seznec, ein Gelehrter an der französischen Schule in Rom, an Fritz Saxl in der KBW und fragte nach Rat für seine Forschung, die sich mit der Darstellung von heidnischen Gottheiten in der Renaissance beschäftigte. Zehn Jahre später publizierte das Warburg Institut sein Buch „Survivance des dieux antiques“ – ein Buch mit einer eleganten Einführung in dieses Schlüsselthema Warburgs.

Das Heckscher-Archiv im Warburg-Haus in Hamburg verfügt noch über andere Arten von Informationen. William Heckscher war in den 30er Jahren ein Student von Panofsky. Seine überlieferten Notizen – einschließlich der Mitschrift eines Seminars über Quellenkunde im Sommersemester 1932, das in der KBW von Panofsky und Saxl veranstaltet worden war – geben Einblicke, wie künftige Ikonologen ausgebildet worden sind.

Die Papiere von Edgar Wind, Philosoph und Kunsthistoriker, der kurz vor dem Tode von Warburg Mitarbeiter des KBW wurde, werden in Oxford aufbewahrt. Durch die Korrespondenz von Wind ist es heute möglich, Debatten innerhalb des Instituts nachzuvollziehen, darüber, welche gelehrte Tätigkeit als eine „legitime Ausweitung“ von Warburgs Methode galt.

Meine Untersuchung über die frühe Rezeption von Warburgs Arbeit schließt die Behandlung einer guten Zahl von Gelehrten aus Warburgs Generation und aus der nächsten Generation ein, von denen einige heute nahezu vergessen sind. Diese Forscher sind in zweierlei Hinsicht interessant: der kulturgeschichtlichen und der intellektuell-historischen.

In einem Vortrag mit dem Titel „The Genesis of Iconology“, gehalten 1964 auf dem 21. Internationalen Kongress der Kunstgeschichte in Bonn, legte William Heckscher, die Studien dar, mit denen Warburg zu Anfang seine innovative „ikonologische“ Methode entwickelt hatte. Im Zuge seiner Recherchen bat er um Zugang zu den Unterlagen Warburgs. Beim Warburg-Institut in London half ihm Gertrud Bing, wenige Monate vor ihrem Tod, sich durch den ausgedehnten Nachlass Warburgs zu wühlen. Am 25. Mai 1964 schrieb sie an Heckscher, dass sie zufrieden darüber sei, dass die „Warburgsche Suche einige Früchte getragen hat“, und fügte mit prophetischer Eingebung hinzu:

„Es war das erste Mal, dass mein Versuch, etwas Ordnung in die Warburgschen Papiere zu bringen, einem Test von jemandem von außerhalb unterworfen war. Und ich bin froh zu sehen, dass diese Unterlagen nun für wissenschaftliche Einsichtnahme zugänglich sind. Das ist viel versprechend für die Zukunft, denn es steckt sicherlich mehr in ihnen, als bislang ersichtlich war. Je intensiver ich mich damit beschäftige, desto mehr spüre ich, dass unser Wissen über diesen Mann bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist.“

Die Autorin ist Professorin an der Universität von Michigan. Gertrud Bings Zitat stammt aus dem Heckscher-Archiv im Warburg-Archiv des Kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Hamburg.

Aus dem Englischen von Martin Gehlen.

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