Zeitung Heute : Unsicherheitsfaktor Mensch

Der Tagesspiegel

Von Stefan Hermanns

München. Dieter Hoeneß hat in der vorigen Woche eine schreckliche Entdeckung gemacht. Es war, als der Manager von Hertha BSC erfuhr, dass der Deutsche Fußball-Bund Uwe Kemmling als Schiedsrichter für das Spiel bei Bayern München ausgewählt hatte. „Da wusste ich, dass wir gegen mehr als die Bayern spielen“, sagte Hoeneß nach der 0:3-Niederlage. In der Tat: Gerade eine halbe Stunde war gespielt, als sich Herthas Manager in seiner Einschätzung bestätigt fühlte.

Dieter Hoeneß ist ein emotionaler Mensch. Wenn er im Stadion sitzt, leidet und jubelt er wie ein Fan in der Kurve. Nach dem Abpfiff aber bemüht er sich um Contenance. Manchmal weiß er selbst, dass ihm das schwer fällt, und dann sagt er lieber gar nichts als etwas, das er am nächsten Tag bereuen könnte. Am Samstag aber redete er, und selten hat man Hoeneß wütender erlebt. Psychologisch könnte man seine Reaktion als Self-fulfilling Prophecy deuten: Weil er von Kemmling ohnehin nur das Schlimmste erwartete, sah sich Hoeneß in seinen Ahnungen gleich bei dessen ersten Fehlhandlung bestätigt. „Man hatte den Eindruck, er hat nur darauf gewartet“, sagte Hoeneß. „Bei der ersten Gelegenheit ist er zur Exekution geschritten.“ In der 34. Minute schickte Kemmling Herthas Abwehrchef Dick van Burik vom Platz.

„Der Spieler hat mich beleidigt“, sagte Kemmling. „Tatsache ist, dass keine Worte gefallen sind, die eine Rote Karte in irgendeiner Weise gerechtfertigt hätten“, sagte Herthas Trainer Falko Götz. „Leck mich am Arsch, das war kein Foul“, hatte van Burik gesagt. Dafür wollte ihm der Schiedsrichter zunächst Gelb zeigen, doch als der Holländer dessen unsinniger Aufforderung nicht nachkam, seinen Namen zu nennen, sondern sich stattdessen umdrehte und auf die Beflockung seines Trikots verwies, verschärfte Kemmling das Strafmaß.

„Wir fühlen uns ganz klar benachteiligt“, sagte Falko Götz. Manager Hoeneß fand es erschreckend, dass Kemmling mit dem Platzverweis „fast eine ganze Saison entscheidet". Darin liegt wohl der wahre Grund für die Erregung. Die Herthaner sehen sich um die Chance gebracht, die Qualifikation für die äußerst werthaltige Champions League zu erreichen. In einem hoch kommerzialisierten Millionengeschäft haben sie hilflos feststellen müssen, dass sie letztlich vom unberechenbaren Faktor Mensch abhängen. Denn aus ihrer Sicht hat ihnen ein 41 Jahre alter Verwaltungsangestellter mit einem Pfiff die Möglichkeit genommen, bis zu 20 Millionen Euro zu verdienen. „Das Problem ist, dass du gar keine Chance hast, dich gegen solche Leute wie Kemmling zu wehren“, sagte Hoeneß nach der Niederlage, die bedeutet, „dass wir den dritten Platz abschreiben können".

So einfach ist es natürlich nicht. Die unbefriedigende Platzierung liegt ja auch daran, dass Hertha in dieser Saison etwa nicht gegen St. Pauli und Cottbus gewinnen konnte. Angesichts eines Spielplans, der Hertha zum Schluss noch einmal alle Chancen zu offerieren schien, rückt das eigene Versagen jedoch ein wenig in den Hintergrund. Dass die Mannschaft nicht zwangsläufig gegen Bayern, Schalke und Leverkusen gewinnen würde, haben einige vielleicht verdrängt.

Statt auf Real oder Juve in der Champions League zu hoffen, müssen sich die Berliner nun im Uefa-Cup mit Gegnern wie TE Zalaegerszeg oder Belasica Strumica beschäftigen. Die offizielle Saisonplanung hatte den Uefa-Cup zwar als Ziel vorgesehen, doch nie war es wichtiger, in die Champions League zu kommen, als in diesem Jahr. Angesichts der Kirch-Krise hätten die garantierten Millionen aus der Uefa-Kasse Manager Hoeneß erfreuliche Planungssicherheit beschert.

Im Uefa-Cup ist längst nicht so viel Geld zu verdienen wie in der Champions League. Die Uefa-Cup-Spiele werden einzeln vermarktet. Bisher hatte das für die Vereine den Vorteil, dass die Sender die Preise für die Übertragungsrechte gegenseitig in die Höhe getrieben haben. Jetzt aber werden die Kirch-Sender Sat 1 und DSF horrende Summen für ein Spiel am frühen Dienstagnachmittag kaum noch zahlen wollen, und auch der neue ZDF-Intendant Markus Schächter hat bereits angekündigt, bei den Ausgaben für Sportübertragungen zu sparen. Für Hertha BSC sind das keine schönen Aussichten. Nach dem Spiel gegen die Bayern wollte ein Fernsehreporter bereits von Dieter Hoeneß wissen, ob er sich den teuren Trainer Huub Stevens jetzt überhaupt noch leisten könne.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar