Zeitung Heute : Unsichtbar in Mitte

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Von Norbert Thomma

Es ist kein Donnerstag wie jeder andere in Berlin, man merkt das schon an ein paar Kleinigkeiten. So findet sich beispielsweise der Plenarsaal des Deutschen Bundestages anständig gefüllt, obwohl doch eigentlich eine sitzungsfreie Woche wäre; zudem passiert es nun wirklich das erste Mal im Leben der Backwaren-Verkäuferin Stefanie Böhm, dass sie zu einem Sicherheitsrisiko erklärt wird; und der Grünen-MdB Christian Ströbele radelt schneller als sonst durch den blühenden Tiergarten, heiter gestimmt in dem Wissen, der von ihm wenig geschätzte US-Präsident habe ihn nicht auch noch 35 Euro gekostet.

George W. Bush ist in der Stadt. Und das macht so manches ein wenig anders an diesem 23. Mai. Um 14 Uhr 12 tritt Bush ans Rednerpult im Reichstagsgebäude, blauer Anzug mit Streifen, rote Krawatte. Eben noch hat ihn Wolfgang Thierse begrüßt, und Bush wirkt gerührt. Man kann diese Ansprache des US-Präsidenten mit politischen Ohren anhören, einerseits. Was sagt er zum Nahen Osten, dem Angriff auf den Irak des Saddam Hussein, den Erwartungen an die Europäer? Andererseits sind da die eher berlinerischen Ohren. Sie lauschen den Worten auf der Suche nach einem Satz, der Geschichte machen könnte. Einer, der über das Aktuelle hinausreicht, einer der in den Büchern weiterlebt.

Präsident Bush ist gefordert. John F. Kennedy hat sein „Ich bin ein Berliner“ hier gelassen, Jimmy Carter den jambischen Vers „Was immer sei, Berlin bleibt frei“, und Ronald Reagans „Tear down this wall“ ist so unvergessen wie Bill Clintons sinnleichtes „Alles ist möglich“. Bush also sagt: „Wir sind Erben der gleichen Zivilisation.“ Ist das so ein geschichtsträchtiger Satz? Oder sein „… diese wunderbare Stadt …“ Könnte das irgendwie gehen? Nun, es ist nur eine Sequenz, wenn auch eine berlinspezifische.

Der Abgeordnete Ströbele gehört zu den Privilegierten, die den Auftritt von George W. Bush hautnah miterleben durften. Er ist auch frühzeitig aus seinem Büro in der Dorotheenstraße 101 aufgebrochen und die paar Schritte zum Plenarsaal gegangen. Auf seinem Schreibtisch liegt noch das Fax der Parlamentarischen Geschäftsführung von Bündnis 90/Die Grünen, Vermerk: „Es besteht Präsenzpflicht Gesamtfraktion“. Er trägt sich dann ordnungsgemäß in die Anwesenheitsliste des Bundestags ein, andernfalls werden 35 Euro von seinen Diäten abgezogen. Als der US-Präsident den Reichstag betritt, bricht Christian Ströbele auf. Er will diesem Politiker nicht stehend Beifall klatschen, das hat er schon beim Besuch von Wladimir Putin so gehalten. Sein schwarzes Kettler-Alu-Rad hatte Ströbele morgens „taktisch gut“ zwischen fünf Polizeiwagen abgestellt, und er fährt nun – Hanfhose, gelbes Hemd, graue Haare – flugs durch Polizeisprerren und den Tiergarten zur Gedächtniskirche. Die ARD wartet.

So ist entstanden, was die Amerikaner eine „win-win“-Situation nennen; alle Beteiligten haben einen Vorteil. Das Fernsehen hat einen prominenten Politiker, der die 31-minütige Rede des US-Präsidenten sofort kommentiert („nicht historisch, sehr unkonkret“), und Ströbele kann öffentlich seinen Protest gegen die Politik von George W. Bush bekunden. Vielleicht ist das taktisch ganz gut für einen, der sich bei der Wahl im September in Friedrichshain-Kreuzberg um ein Direktmandat müht.

Derart erfolgreich verläuft der gestrige Donnerstag für Stefanie Böhm nicht unbedingt. Sie ist wie immer bei der Frühschicht um 4 Uhr 17 in Marzahn in die S-Bahn gestiegen. Normalerweise erreicht sie ihren Arbeitsplatz, einmal umsteigen, kurz vor fünf. Doch ihre Station Unter den Linden ist geschlossen. Sie muss das letzte Stück vom Bahnhof Friedrichstraße zu Fuß gehen. An jeder Ecke hier in Mitte stehen Polizisten, drei Mal wird sie kontrolliert, Ihren Ausweis bitte! „Ein bisschen komisch“ fühlt sie sich auf dem Weg, „einsam“. Der Verkehr ruht. Auf den Straßen sind die Kanaldeckel mit Siegeln verplombt, Polizei Berlin, auch an den Türchen der Straßenlaternen kleben Haftstreifen. Wohin man schaut: rot-weiße Absperrgitter.

Eine halbe Stunde später als sonst betritt die 20-Jährige die Bäckerei Wiedemann. Stefanie Böhm zieht den langen schwarzen Rock an, weiße Bluse, schwarze Fliege, steckt das weiße Häubchen mit den Spitzen in die blonden Haare, Dienstkleidung. Dann werden die im Keller aufgebackenen Brezeln in die Theke gelegt, die duftenden Pizzastücke und Croissants. Es gibt nur das Wenige, was schon tiefgefroren im Lager war, der Fahrer mit der frischen Ware ist an den Kontrollen hängengeblieben. Um sechs Uhr öffnet der Laden; er wirkt „wie ausverkauft“, sagt Böhm. Wenn die Verkäuferin durch das Schaufenster blickt, sieht sie das Hotel Adlon. Auf dem Dach stehen Wächter und beobachten jede Bewegung mit Ferngläsern. Hier schläft Präsident Bush.

So nahe kommen ihm nur wenige. Die Gegend um das Brandenburger Tor und den Reichstag ist weiträumig und hermetisch abgeriegelt. Anwohner werden von Beamten begleitet, alle Fenster sind während des Präsidenten-Besuches geschlossen zu halten. Vor Tagen schon wurden die Personalien von Frau Böhm und ihren zwei Kolleginnen aufgenommen, Sicherheits-Check.

An sich würden um diese Zeit nach und nach Arbeiter lärmen, in der Bäckerei einen Kaffee trinken; später würden die ersten Touristen folgen. Nun liegen Haufen von Pflastersteinen und Sand unberührt neben Stapeln von Granitplatten und Marmorquadern. Die Akademie der Künste – ein Rohbau neben dem Adlon; die neue französische Botschaft ist eingerüstet, das Brandenburger Tor mit Plastikplanen verhüllt, darauf der Slogan: „The world’s getting closer – T-Mobile“; die ganze Fläche ist mit Säulen bemalt, durch die das Weiße Haus schimmert, Stars and Stripes wehen. Es ist ein rührender Versuch, der Gast möge sich im Provisorium des Pariser Platzes ein wenig heimisch fühlen.

Dort hinten in der Ecke, im Restaurant „Theodor Tucher“, hat George W. Bush am Mittwochabend gegessen. Um 20 Uhr 11 war die Air Force One des Präsidenten in Tegel gelandet, Begrüßung durch eine Ehrenformation aus Marinesoldaten, um neun saß er am Tisch. Das Tucher ist unprätentiös, ein hoher Raum, dorische Säulen aus Holz, Fenster bis zur Decke, Bücherregale. Deff Haupt ist der Chef hier, kurze schwarze Haare und ein freundliches Gesicht schauen aus der weißen Kluft des Kochs. Er hat bei Paul Bocuse gelernt und bei Joel Robuchon, zwei „Köchen des Jahrhunderts“. Trotzdem bestimmten die Wahl des Lokals mehr sicherheitstechnische als kulinarische Gründe.

Apfelstrudel mit Currywurst

Bush hat im ersten Stock Platz genommen, im Literatensalon, umgeben von Biedermeiermöbeln, antiquarischen Büchern und lindgrüner Stofftapete; auf dem unechten Marmorkamin liegen Ausgaben von Schiller, Eichendorff und Goethe. Hier oben speisten nur noch Botschafter Daniel Coats, Gerhard Schröder und Bürgermeister Klaus Wowereit; zwei Dolmetscherinnen übersetzten, Bodyguards sicherten die Fluchtwege.

75 Minuten lang tafelten die Politiker gut gelaunt, angeboten wurden zuerst kleine Spezialitäten des Hauses. Man hörte die 120 geladenen Gäste, die unten und im Innenhof des Gebäudes aßen. Hier steht die Skulptur „Großer Mann mit kleinem Mann“ von Stephan Balkenhohl, fast schon symbolische Kunst zu diesem Anlass. Es gab Apfelstrudel mit Vanilleeis – der Koch registrierte herzhaften Appetit bei Bush; der Kanzler hielt sich an die Currywurst. Der Präsident verabschiedete sich „per Handschlag“ vom Wirt, „ein lässiger Typ“. Um Mitternacht war das Lokal aufgeräumt und Deff Haupt sagte amüsiert, „die Rechnung geht ans Auswärtige Amt“.

Die entspannte Atmosphäre bei Tisch war nicht gerade identisch mit dem Bild, das die Gegend um das neue Regierungsviertel in den vergangenen Tagen bot. Wer sich immer mal wieder zwischen Staatsoper und Alexanderplatz aufgehalten hat, konnte allerhand Demonstranten antreffen. Stundenlang rollte die „Achse des Friedens“ durch die Straßen. Schon am Dienstag waren es 20 000 Menschen, 243 Gruppen und Organisationen hatten sich zu einem Bündnis gefunden und zum Protest aufgerufen; am Mittwoch kamen eher noch mehr zum großen „Bush-Trommeln“ – wonach einige Hundert Autonome die angekündigte Randale folgen ließen; und noch am Donnerstagnachmittag, als George W. Bush seine Rede im Reichstag hält, ziehen 2500 Menschen vom Prenzlauer Berg zur Humboldt-Universität.

Es ist lange her, dass der Besuch eines US-Präsidenten ähnliche Reaktionen hervorrief. Bill Clinton, das war der, der sich vor dem Vietnam-Krieg gedrückt hatte; er galt als einer, der beim Stichwort Kuba erstmal an Zigarren dachte; der konnte sich vor zwei Jahren noch mit einfachem Personenschutz am Kollwitzplatz unter die Leute mischen. Doch nun ist dieser Bush in Berlin, der bei seiner Vereidigung zum Anzug Cowboystiefel trug; der mit martialisch-biblischen Metaphern erschreckt, mit neuen Rüstungsprogrammen und dem der Klimaschutz egal ist, ein Internationaler Strafgerichtshof sowieso. Oder gibt es noch andere Gründe für das, was der „Spiegel“ in einer aktuellen Umfrage fand: Nur 19 Prozent aller Deutschen beurteilen den US-Präsidenten positiv.

Ein wenig verwundert war man dieser Tage schon, unter all den Protestierern die grauen Raspelhaare von Konstatin Wecker zu finden. Ist der nicht… ein alter Spezl von Rudolf Scharping, dem treuen Waffenpartner der USA? Sogar auf Weckers Hochzeit hatte sich der Sozialdemokrat eingefunden. Jetzt stand der Sänger neben der Bühne mit dem Schriftzug: „Wir wollen ihre Kriege nicht, Herr Präsident.“ Er mochte nichts Böses sagen über Scharping, nein, das nicht; lieber lächelte er mild: „Wenn der Freund eines Pazifisten zum Verteidigungsminister wird, gibt es Probleme, ist doch klar.“

Und dann redete er mit dieser rrrollenden Wecker-Stimme, noch immer voller Pathos und Gefühl, redete von der Enttäuschung über diese Regierung, „von der ich dachte, das seien meine Leute“, redete von „der rhetorischen Kunst, mit der sie Gewalt und Krieg als humanitär verkaufen und wieder salonfähig machen“, und dass die Grünen inzwischen Pazifisten schon gar nicht mehr zuließen. Das rege ihn auf, sagte er, und dass er zum Demonstrieren habe kommen wollen, ehe er als Musiker dazu gebeten wurde.

Dann musste er lachen, als Geschwätz alter Säcke werde das gerne abgetan, aber das sei nicht die Wahrheit, wenn er sich so umschaue: viele junge Gesichter. Er ist dann auf die Bühne gestiegen und hat gesungen, von „bitterkalter Zeit“ und vom Ungehorsam, „sag: Nein!“ Konstanin Wecker, 54, sah nicht mehr allzu viele Mitstreiter von da oben, es war spät geworden, und wenn er von seinem schwarzen Yamaha-Flügel über die Transparente und Fahnen schaute, blickte er auf das Hochhaus Alexanderplatz/Karl-Marx-Allee. Dort hing über neun Stockwerke ein Filmplakat: „Star Wars II – Angriff der Klonkrieger.“

Es könnte nun der Eindruck entstehen in diesen Tagen, George W. Bush sei ganz und gar unbeliebt in Berlin. Das ist gewiss nicht richtig. Man muss sich nur an den rührigen „American Women’s Club of Berlin“ wenden. Dort erzählt einem die Präsidentin Angelika McLarren, sie hätten schon gerne gezeigt, „dass wir ihn unterstützen“. Nur, wo wäre das gegangen?

Das ist ja kein Staatsbesuch, was der Präsident da nach dem Auftaktessen im Tucher absolviert. Ein Arbeitstreffen, abgeschirmt von 10 000 Polizisten und 600 US-Agenten, mit straffem Programm und kleinstmöglichem Radius: Hotel Adlon, Schloss Bellevue (10 Uhr 08 Uhr Hymne und Hand aufs Herz) bei Johannes Rau, kurz vor 11 Besuch bei Gerhard Schröder, 13 Uhr 07 Uhr Pressekonferenz vorm Kanzleramt, 14 Uhr 43 Abgang aus dem Reichstag. Zwischendurch Händeschütteln für die Fotografen, man könnte sonst später denken, Bush habe in Berlin gar nicht stattgefunden.

Ein bisschen Pro-Bush

Bei vielen Besuchen zuvor waren die Damen vom „American Women’s Club“ als Gäste geladen gewesen, zusammen mit anderen Amerikanern, bei Clinton etwa, so schön habe der geredet am Brandenburger Tor. Diesmal würden sie zu Hause bleiben wie die anderen auch. „Bedauerlich“, sagte Frau McLarren, dass „das Fußvolk“ nicht vorkomme diesmal.

Ein bisschen Pro-Bush hat es aber doch gegeben. Die Junge Union lud vorm Präsidentenbesuch zum Checkpoint Charlie, ein symbolträchtiger deutsch-amerikanischer Ort mit dem Mauer-Museum. Auf dem Podium dort standen die CDU-Politiker Christoph Stölzl, 58, Friedbert Pflüger, 47, und Frank Steffel, 36, hinter ihnen das Bild des jungen Sowjetsoldaten. Kaum 100 Menschen konnten sich für diese Manifestation erwärmen.

Ein Fahnenverkäufer war auch da, Hemd aus Stars and Stripes, ebensolche Schürze, lange blonde Locken. Das kleine US-Fähnchen machte einen Euro, die größeren konnte man für 2 Euro 50 haben. Nach zwei Stunden bilanzierte sich der Umsatz auf acht verkaufte Flaggen. Es war dem Mann anzusehen, dass er sich in seinem Unternehmergeist von den Christdemokraten nicht richtig unterstützt fühlte.

So hat sie eben auch ihre unspektakulären Momente, diese Stippvisite des George W. Bush. Die akkreditierten 1400 Pressevertreter haben kaum mehr gesehen als der „American Women’s Club“. Am Nachmittag sind die geplanten 19 Stunden Aufenthalt in der deutschen Hauptstadt vorüber. Der Präsident besteigt um 15 Uhr 44 die Air Force One. Nur noch kurz ist die blaue Nase der Boeing 747-200 B zu sehen, dann verschwindet sie am Himmel über Berlin.

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