Zeitung Heute : Unsichtbar und unverzichtbar

Die Informatik bietet neue Chancen für Kreativität, den digitalen Alltag und die Zukunft Deutschlands

Annette Schavan

Das Informatikjahr kann die Menschen für eine Wissenschaft begeistern, die vielen als spröde und abstrakt gilt. Dabei ist Informatik unser ständiger Begleiter im Alltag – und für die Wirtschaft ein wichtiger Innovationstreiber.

Die Informatik ist allgegenwärtig. Sie prägt unseren Alltag, überall und jederzeit. Internet, Handy und MP3-Player sind nur einige Beispiele. Für die meisten Menschen bleibt die Informatik unsichtbar – oder sie wird verkannt als spröde Wissenschaft. Dabei ist die Informatik spannend und lebensnah: Sie verbindet die Menschen weltweit miteinander, sie steuert Arbeitsprozesse und sie verhütet Katastrophen. Kurzum: Die Informatik ist aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken.

Das Informatikjahr möchte die Neugier für diese Wissenschaft wecken. Wir werden deshalb an Beispielen zeigen, wo und wie sehr die Informatik in unserem Alltag präsent ist. Mit dem Informatikjahr möchten wir viele interessante Fragen beantworten: Wie stark greift die Informatik zum Beispiel in unseren privaten Lebensbereich ein? Welche Rolle spielt sie für die Wirtschaft? Wie sehen digitale Visionen aus und über welche Risiken der Informatik sollten wir diskutieren? Das Informatikjahr möchte zum Weiterdenken anregen und neue Chancen für Kommunikation, Kreativität, den digitalen Alltag und die Zukunft Deutschlands aufzeigen. Und wir möchten deutlich machen, welche Herausforderungen für Forscher es in dieser Wissenschaft gibt. Denn es besteht kein Zweifel: Die Informatik wird sich in den nächsten Jahren stark weiterentwickeln – dank intensiver Forschung.

Es gibt viele weitere Beispiele für die herausragende Bedeutung der Informatik – vom Management internationaler Geldströme, der Nutzung des Internets bis hin zum satellitengestützten Tsunami-Frühwarnsystem. Die Informatik ist zudem der Taktgeber und das Rückgrat der Wirtschaft – und damit auch der Garant für neue, zukunftssichere Arbeitsplätze im globalen Wettbewerb.

Die Informatik als Basiswissenschaft für den Informations- und Kommunikationssektor ist ein wichtiger Innovationstreiber für die Wirtschaft. Ein Viertel der Ausgaben für Forschung und Entwicklung in den Unternehmen und ein Fünftel aller Patentanmeldungen entfallen schon heute auf diesen Bereich – mit steigender Tendenz.

Mehr als die Hälfte der Industrieproduktion und mehr als 80 Prozent der deutschen Exporte hängen von der Informations- und Kommunikationstechnik ab. Im Zusammenspiel mit moderner Materialforschung, mit Nanotechnologie, mit Biotechnologie, mit Energie-, Umwelt- und Verkehrstechnik entsteht die volkswirtschaftliche Dynamik, die Deutschland in einer globalisierten Welt erfolgreich positioniert. Das Stichwort lautet „Konvergenz“, also die intelligente Neukombination des Wissens.

Es mangelt in Deutschland weder an Ideen, wissenschaftlichen Erfolgen und technologischen Innovationen. Das Problem liegt woanders: Zu häufig gelingt es noch nicht, aus herausragenden Forschungsergebnissen auch gute Produkte zu machen, die am Markt erfolgreich sind.

Deshalb wird die Bundesregierung im Rahmen ihrer Hightech-Strategie Forschung und Entwicklung in dieser Legislaturperiode mit zusätzlichen Investitionen im Umfang von sechs Milliarden Euro stärken. Hierzu gehört, Wissenschaft und Wirtschaft in Clustern zusammen zu bringen und die Innovationstätigkeit in der Wirtschaft insgesamt zu stimulieren. Dazu gehört auch, eine Innovationskultur zu fördern, in der Vertrauen durch eine verantwortliche Nutzung neuer Technologien entsteht – ohne dass wir dabei die Risiken ausblenden.

Auf die Informatik bezogen heißt das: Wir müssen die Menschen mitnehmen auf dem Weg in die Wissens- und Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Das Informatikjahr 2006 bietet hierfür eine gute Chance.

Wir wünschen uns im Informatikjahr einen breiten Dialog über die Wissenschaft und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen. Wir möchten Impulse, Anregungen und Anstöße geben, sich mit den Informationstechnologien in allen ihren Anwendungsfeldern auseinander zu setzen - mit allen ihren Chancen, Potenzialen, aber auch mit ihren gesellschaftlichen Auswirkungen und ihren Risiken.

Dabei sollte nicht nur die Frage im Mittelpunkt stehen, wie die Informatik unser Leben beeinflusst. Wir möchten auch debattieren, welchen Einfluss der Informatik wir uns in Zukunft überhaupt wünschen. Was bedeutet es etwa für ältere Menschen, wenn wichtige Informationen immer häufiger nur noch im Internet bereitgestellt werden oder wenn Handys immer kleiner werden und damit immer schwerer zu bedienen sind? Werden ältere Menschen von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen? Oder ermöglichen gerade neue barrierefreie Informationstechnologien den Älteren und Kranken, eng mit ihren Familien und Freunden in Kontakt zu bleiben?

Es gibt noch weitere spannende Fragen: Wie wollen wir in Zukunft das Wissen der Menschheit strukturieren und speichern? Wird es eine Art digitale Bibliothek von Alexandria geben? Werden deren Schätze eines Tages ebenso verschwunden sein wie jene des antiken Vorbilds? Und zwar einfach dadurch, dass niemand mehr in der Lage sein wird, das digitale Format zu lesen? Dies alles sind Fragen, mit denen wir uns beschäftigen, um die Zukunft nach den Bedürfnissen der Menschen zu gestalten.

Die Politik kann Projekte wie das Informatikjahr initiieren, Anstöße und Unterstützung geben. Für die Umsetzung sind wir allerdings auf unsere Partner angewiesen.

Deshalb fordere ich die Wissenschaft und die Wirtschaft auf, sich im Informatikjahr zu engagieren und mit den Menschen bei möglichst vielen Gelegenheiten über diese spannende Wissenschaft zu reden. Jeder Partner im Informatikjahr ist aufgefordert zu erklären, was sein Unternehmen leistet und welche Bedeutung diese Leistung für die Lebenswelt der Menschen hat. Es ist eine spannende Aufgabe für uns alle. Denn jeder wird dabei Neues lernen und vielleicht am Ende des Jahres viele Dinge mit anderen Augen sehen.

Zahlreiche Partner begleiten das Informatikjahr bereits. Das inzwischen siebte Wissenschaftsjahr wird fachlich vor allem von der Gesellschaft für Informatik (GI) unterstützt. Aber auch zahlreiche Partner aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur – darunter viele Schulen und Universitäten, Musikschulen, Theater, Museen sowie Festivals, Kulturstiftungen, Bundesländer und Kommunen, Unternehmen und Medien – veranstalten das Jahr mit uns gemeinsam und beteiligen sich mit eigenen Beiträgen, um die Diskussion über Wissenschaft anzuregen und den Dialog zwischen Forschern und der breiten Öffentlichkeit zu ermöglichen. Besonders am Herzen liegen uns die jungen Menschen. Ihnen möchten wir Lust auf die Auseinandersetzung mit zukunftsweisender Wissenschaft machen.

Dr. Annette Schavan ist seit dem 22.

November 2005

Bundesministerin für Bildung und

Forschung und

Initiatorin des

Wissenschaftsjahres 2006 Informatik

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