Zeitung Heute : Unsterblich schön

Aus Moskau und Sankt Petersburg kommen bedeutende Klangkörper nach Dresden, die beim diesjährigen Thema „Russlandia“ kraftvolle Akzente setzen. Entdeckungen garantiert

Zum Start. Das Russische Nationalorchester eröffnet die Dresdner Musikfestspiele in der Semperoper mit Werken von Rachmaninow und Tschaikowsky, mit dabei der Stargeiger Vadim Repin. Foto: Russisches Nationalorchester
Zum Start. Das Russische Nationalorchester eröffnet die Dresdner Musikfestspiele in der Semperoper mit Werken von Rachmaninow und...

Moskau und Sankt Petersburg – diese beiden Metropolen konkurrierten von jeher um die kulturelle Hegemonie in Russland. Ein Wettstreit der Künste, der Architekten und Komponisten anzog, der Musiker und Tänzer in glanzvollen Compagnien vereinte. Im Zentrum stehen dabei die beiden großen Opern- und Ballettbühnen, das Mariinsky-Theater in Sankt Petersburg und das Bolschoi-Theater in Moskau. Zwei Musentempel mit großen Traditionen – und großen Klangkörpern.

Die Geschichte des Mariinsky- Orchesters reicht über 200 Jahre zurück und beginnt mit dem ersten Ensemble der kaiserlichen Oper. 1860 wurde unter Zar Alexander II. ein Theater errichtet, nach der Frau des Zaren Maria Alexandrowna, Mariinsky-Theater genannt. Berühmte Komponisten und Dirigenten reisten nach Sankt Petersburg, das sich der westlichen Kultur öffnete. Berlioz, Wagner, Tschaikowsky, Mahler und Rachmaninow arbeiteten mit den Musikern. Das Mariinsky-Theater ist berühmt für sein gewaltiges Sängerensemble, mit Künstlern wie Fjodor Schaljapin, Sergej Leiferkus, Olga Borodina, Wladimir Galusin – und Anna Netrebko.

Als Gesangsstudentin aus der Provinz wischte sie im Foyer des Mariinsky-Theaters auf. Tag für Tag kam Direktor Valery Gergiev an ihr vorbei. Irgendwann fasste sie sich ein Herz und fragte, ob sie ihm vorsingen dürften. Sie durfte. Gergiev hat sein Haus durch unermüdliche Gastspiele berühmt gemacht. Das Mariinsky-Theater ist unter seinen Händen zu einer Institution von internationalem Rang aufgeblüht. Um sein Theater-Imperium mit den 2500 Mitarbeitern, dem 240-köpfigen Ballettensemble, rund 250 Orchestermitgliedern und einem neuen Konzerthaus kümmert sich Gergiev wie ein Patriarch. 1988 wählte das Ensemble ihn zum Künstlerischen Leiter, seit 1996 ist er obendrein Chefdirigent und Direktor. Als Russland in den Wirren nach der Wende am Boden lag, hat er es wie eine Insel der Seligen abzuschotten versucht. „Das Mariinsky“, sagt er, „war unser Vatikan.“ Seine Religion: Hoffnung wider besseres Wissen. Gergiev hat es geschafft, hat unermüdlich Gelder beschafft, Zukunft aufgebaut, Kontakte geknüpft. Die Scala will Dirigate von mir? Okay, aber nur, wenn es Koproduktionen mit dem Mariinsky gibt.

Bei den Dresdner Musikfestspielen musiziert das Orchester des Mariinsky-Theaters am 25. Mai im Kulturpalast unter Gergiev Wagners „Tannhäuser“-Ouvertüre, Ravels Klavierkonzert und Tschaikowskys „Pathétique!“. Solistin ist Hélène Grimaud.

Den Schatten, den ein Weltstar wie Gergiev wirft, liegt auch ein bisschen über dem Moskauer Bolschoi-Theater. Zumal das klassizistische Traumgebäude gegenwärtig die berühmteste Baustelle Russlands ist. Nach umfassender Sanierung soll sich 2011 wieder der Vorhang heben. Bis dahin touren die Ensembles des Hauses besonders intensiv durch die Welt.

Chor und Orchester des Bolschoi-Theaters gastieren am 6. Juni bei den Dresdner Musikfestspielen unter Vassily Sinaisky mit einer konzertanten Aufführung von Tschaikowskys „Jolanthe“ in der Semperoper. Ein zauberhafter Opern-Einakter nach einem Andersen-Märchen: Die Königstochter lebt, von Kindheit blind, in einem künstlichen Paradies, das ihr Vater für sie schuf. Sie soll nicht wissen, dass es Licht, dass es Farben gibt, dass die Blumenpracht, die so betörend duftet, auch schön anzuschauen ist. Sollte ihr jemals ein Mensch davon berichten, droht ihm die Todesstrafe. Ein bewegendes Klangbild von erwachender Sinnlichkeit.

Wie man in Russland ein Orchester gründen kann, dass frei von staatlichen Institutionen existieren kann, beweist das Russische Nationalorchester. Der allmähliche Zusammenbruch der Sowjetunion im Gefolge von Perestroika und Glasnost bot auch Raum für marktwirtschaftliches Musizieren. 1990 von dem Pianisten und Dirigenten Mikhail Pletnev aus russischen Spitzenmusikern, auch aus den Reihen der bekannten Moskauer und Sankt Petersburger Orchester, gegründet, ist das Russische Nationalorchester das erste staatsunabhängige Orchester seit 1917. Es finanziert sich nach westlichem Vorbild aus Konzerteinnahmen, Aufnahmen, Tourneen und Sponsorengeldern. Der künstlerische Erfolg von Pletnevs Pionieren ließ nicht lange auf sich warten. „Ist es möglich, dass gewöhnliche Sterbliche so spielen können?“, jubelte das britische Musikmagazin „Gramophone“ nach der ersten CD-Einspielung des Ensembles. Und es erkannte dem Russischen Nationalorchester im Jahr 2008 einen Platz unter den 20 besten Orchestern der Welt zu.

Bei den Dresdner Musikfestspielen wird es „Orchestra in Residence“ sein und auch das Eröffnungskonzert bestreiten. Am 19. Mai spielt das Russische Nationalorchester in der Semperoper unter der Leitung von Mikhail Tatarnikov, der als einer der viel versprechendsten Dirigenten Russlands gilt. Auf dem Programm stehen Tschaikowskys Violinkonzert und Rachmaninows Sinfonie Nr. 2. Solist ist der Geiger Vadim Repin. Unter seinem Chef Mikhail Pletnev und mit dem Pianisten Emanuel Ax bestreiten die Musiker am 30. Mai ihren zweiten Festivalauftritt mit Brahms’ Klavierkonzert Nr. 2 und der 4. Sinfonie von Sergej Tanejew – einem Werk, das im Westen noch zu entdecken ist. Willkommen in Russlandia!

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