Zeitung Heute : Unter allen Wipfeln ist Ruh’

Der Bau eines Baumhauses muss kein Kindheitstraum bleiben. Geschickte Heimwerker haben damit kein Problem

Hanke Huber
Nichts für Einsiedler. Das erste deutsche Baumhaus-Hotel befindet sich auf der Kulturinsel Einsiedel bei Görlitz. Es wurde 2007 errichtet und besteht aus fünf Baum-Appartements, die untereinander über Stege und Hängebrücken verbunden sind. Foto: Promo Kulturinsel Einsiedel
Nichts für Einsiedler. Das erste deutsche Baumhaus-Hotel befindet sich auf der Kulturinsel Einsiedel bei Görlitz. Es wurde 2007...

Kaum ein Grundschulkind kennt es nicht – das magische Baumhaus. Anne und Philipp heißen die Kinder dieser Kinderbuchreihe, die im amerikanischen Pennsylvania ein Baumhaus entdecken, das sie durch die Zeit und zu weit entfernten Orten katapultiert. Jeder Besuch verspricht ein neues Abenteuer. Ein Versprechen, dass auch reale Baumhäuser einlösen können.

„In einem Baumhaus ist man der Natur sehr nahe. Es kann ein Ort der Ruhe sein, es hat aber auch etwas Abenteuerliches“, umschreibt Andreas Wenning, Architekt und Autor eines Sachbuchs über Baumhäuser, das ganz besondere Baumhausgefühl. Man ist vor allem eines: Dem Erdboden entrückt.

Der erste Schritt auf dem Weg zum Baumhaus ist, einen geeigneten Baum zu finden. „Er sollte gesund sein und weder in seiner ersten noch in seiner letzten Lebensphase stecken“, erklärt Wenning, der schon weltweit Baumhäuser gebaut hat. Schließlich muss der Baum das Gewicht des Hauses und seiner Besucher sicher tragen können.

Doch wie erkennt man, ob ein Baum gesund ist? „Das erste Kriterium für einen Laien ist, dass der Baum im Sommer schön grün ist“, sagt Bodo Siegert vom Fachverband geprüfter Baumpfleger in Parkstetten (Bayern). Der zweite Blick gilt der Stamm- und Aststruktur des Baums. „Der Baum darf keine größeren Schäden wie Holzfäulungen, Vertiefungen, Wassertaschen oder Spechthöhlen aufweisen“, so Siegert.

Auch Schäden an Astanbindungen, Risse in Ästen oder Stämmen sowie Pilzbefall sind keine guten Zeichen. Das alles ist entscheidender als die Baumart. Prinzipiell kann man ein Baumhaus in jeden Baum bauen – man muss nur kreativ genug sein.

Baumhäuser können hoch professionell geplante Wohneinheiten sein, wie Wenning sie für Erwachsene baut. Kindern genügen zum Spielen und für Fantasiereisen jedoch einfache Varianten, bestehend aus einer Plattform, stabilen Seitenwänden und einem Dach sowie einer Möglichkeit, hinaufzuklettern. Wo die nötigen Astgabelungen fehlen, kann man sich mit zusätzlichen Stützen behelfen. Oder man konstruiert sein Baumhaus zwischen benachbarten Bäumen.

Als Material für Plattform und Wände eignen sich heimische Hölzer wie Lärche oder Eiche, aber auch Kiefer oder Fichte. „Ein Baumhaus für Kinder muss ja in der Regel keine 20 Jahre halten“, sagt Michael Pommer, Trainer der DIY-Academy in Köln. „Worauf man nicht verzichten sollte, das ist der Holzschutz.“ Pommer rät zu Lasuren oder Ölen, die pigmentiert sind und über einen entsprechenden UV-Schutz verfügen.

„Als Verbindung zwischen den Hölzern eignen sich Edelstahlschrauben, etwa V2A- oder V4A-Schrauben, weil sie nicht rosten“, rät Pommer. Bei der Befestigung am Baum dagegen sind für viele Konstrukteure Schraube oder Nagel tabu. Stattdessen können Lastenseile und -gurte so umfunktioniert werden, dass das Haus innerhalb des Baumes hängt. Wichtig dabei: Die Lasten sollten auf verschiedene Punkte verteilt werden, damit nicht zu viel Gewicht an einem Ast hängt. Da der Baum nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Dicke wächst – rund acht Millimeter pro Jahr –, dürfen Schlaufen nicht zu eng sein. Eine enge Drahtschlaufe würde den Baum mit der Zeit regelrecht strangulieren. Auch Auflagedruck und Reibung können Äste schädigen.

„Wenn es Kontaktpunkte gibt mit dem Baum, dann müssen sie glatt sein oder am besten mit Gummipuffern geschützt“, rät Wenning. Nicht immer kann man auf einen Nagel verzichten. Dann sei es aber wichtig, ihn beim Abbauen des Baumhauses nicht einfach herauszuziehen, sagt Siegert. Stattdessen sollte man die Nägel im Stamm lassen und lediglich mit einer Eisensäge absägen. „Das schützt den Baum vor weiteren Verletzungen.“ Die Nägel wachsen einfach mit ein.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Sicherheit. Geländer sollten stabil sein, Nägel nicht herausstehen und Bretter nicht lose sein. Auch für Baumhäuser gibt es Regeln    Ein Baumhaus sollte nur in den eigenen Baum gebaut werden. „Wenn jemand zum Beispiel für sein Baumhaus einen Baum im nahe gelegenen Wäldchen aussucht und dort ohne Genehmigung einen Nagel hineinschlägt, ist das Sachbeschädigung“, sagt Bodo Siegert vom Fachverband geprüfter Baumpfleger in Parkstetten (Bayern). Denn wenn sich das Holz an dieser Stelle verfärbt, verliert es an Wert. Außerdem darf durch das Baumhaus keine Belästigung für die Nachbarn entstehen.

 Und was, wenn ein Kind aus dem Baumhaus fällt? „Bevor Freunde oder Nachbarkinder mit ins Baumhaus klettern, sollte geklärt werden, ob ein Unfall über die normale Haftpflicht- oder Gebäudeversicherung abgedeckt ist“, rät Pommer.

Unter dem Baumhaus können Sand oder Holzhäcksel die Verletzungsgefahr bei Stürzen mildern. Zwei bis drei Meter wird oft als gute Höhe für ein Baumhaus genannt. Für Wenning gehört das Festhalten, Klettern, Sichhindurchwinden und -kriechen zum Baumhaus-Erleben dazu. „Ich denke, Kinder müssen eine eigene Risikowahrnehmung bilden. Und ein Baumhaus muss einem Kind gewisse Experimentierräume bieten.“ Dann braucht es nur noch eine Prise Fantasie – und schon kann sie beginnen, die Abenteuerreise. (dpa)

Weitere Informationen unter www.baumpflegeverband.de

www.baumraum.de

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