Zeitung Heute : Unter Barkeepern und Baulöwen

Bei einem Bummel durch die Friedrichstraße bekommt man heute ein neues Berlin zu sehen – und die Geschichte der Stadt auf Schritt und Tritt zu fassen

Lothar Heinke

Dieser Blick vom einstigen Checkpoint Charlie nach Norden durch die Friedrichstraße: ein schnurgerader Verkehrsweg, gesäumt von hellen oder dunkelgrau polierten Fassaden, sehr neu und glänzend. Die Sonne spiegelt sich in den Fenstern der Büros und Wohnungen, und aus den Bistros duftet Kaffee durch die einladend geöffneten schweren Glastüren. Moderne Häuser stehen neben Plattenbauten, hier und da ein paar geliftete Alt-Gebäude mit plastischem Schmuck und bunten Mosaiken aus Jugendstils Zeiten. Die Friedrichstraße, für die die Zukunft gerade begonnen hat, zeigt jedem unverhüllt auch die Reste ihrer Geschichte.

Die früher Geborenen kennen sie noch als Flanier- und Amüsiermeile zwischen Oranienburger und Halleschem Tor, aber der Krieg hinterließ auch in der Friedrichstadt sein Trümmerfeld. Nur mühsam und notdürftig reparierte die DDR die Schäden und setzte mit dem Friedrichstadtpalast, dem Internationalen Handelszentrum und dem Grand Hotel wenigstens drei Glanzpunkte; das alte, gemütliche Lindencorso mit Tanzcafé, Restaurant und Bars sollte freilich nach der Wende ebenso wenig Bestand haben wie die als großes Einkaufszentrum geplanten „Friedrichstadtpassagen“. Der Sturm auf die Mauer besiegelte auch das Schicksal dieses als KaDeWe des Ostens gedachten Konsumtempels. Er wurde, fast fertig, abgerissen. Und etwas Neues mit dem alten Namen hingebaut.

Das alles ist noch nicht einmal zehn Jahre her. Aus einer tiefen Baugrube, dieser damals viel fotografierten Sehenswürdigkeit, wuchsen mittlerweile die Quartiere 205, 206 und 207, drei voluminöse Häuser, mit Passagen verbunden. Jedes für sich sollte zu einer attraktiven Bereicherung der Straße werden. „Zum Lafayette hier aussteigen!“ rufen touristenfreundliche Bus-Fahrer heute an der Ecke Unter den Linden / Friedrichstraße in ihr Mikrofon. Das ist so etwas wie der Ritterschlag für das gläserne Pariser Kaufhaus an der Französischen Straße, direkt neben dem edel ausgestatteten „206“ und dem mit Boutiquen und Cafés vollgestopften 205, wo der freundliche Manager Sascha Papadopulos gern den Lifestyle-Club „Holmes Place“ zeigt: In diesem Schönheits- und Fitnesstempel möchte man mit Beauty, Wellness, Sonnenbänken, Saunen, im Schwimmbad wie im Whirlpool „das Lebensgefühl der Menschen verändern“.

Lebensgefühl verändern? Die Friedrichstraße selbst ist es, die Gefühle wachruft und beeinflusst, jedenfalls in ihrem Hochglanz-Teil zwischen dem einstigen Grenz-Bahnhof und dem Checkpoint, zwischen jenen beiden Orten, die stets mit dem Kalten Krieg wie mit der Selbstbefreiung der DDR verbunden bleiben. Die Wende hat die Friedrichstraße neu und jung gemacht: Mit Geld. Unternehmergeist. Risikofreude. Weitsicht. Mut, Vertrauen in die Zukunft und, natürlich, Spekulation und Hoffnung auf boomenden Gewinn gerade an dieser Stelle in der Mitte der Bundeshauptstadt. „Hier entstand eine besondere Atmosphäre, eine Mischung aus Geschäftsleben, privatem Wohnkomfort und touristischer Neugier, und dieses gewisse neue Etwas strahlt eine dynamische Spannung aus, die man anderswo so nicht findet“, sagt die Geschäftsführerin der Interessengemeinschaft Friedrichstraße, Dorothee Stöbe, und bezieht den benachbarten Gendarmenmarkt als klassischen Ruhepol zur quirligen Straße nebenan ins Bild der City an dieser Stelle mit ein: Mittags sonnen sich die beschlipsten Herren aus den Büros mit ihren hübschen Damen auf den Treppen des Schauspielhauses, und da denkt man sofort an Rom und Florenz. Auch in Spreeathen sitzen inzwischen die toleranten und manchmal ausgeflippten Lebenskünstler neben schicken Leuten, Künstlern und Politikern, von deren Wünschen die Edelboutiquen profitieren. Und wen treffen wir noch zur Mittagszeit zwischen Einstein, Dussmann und Starbucks in der Geschäfts- und Flanier-Avenue? Touristen, Studenten, Manager, Mal-schnell-Gucker, Minister, Millionäre, Rucksackberliner, Kaffeegenießer, Stylisten, Bänker, Bundestagsabgeordnete, Barkeeper, Baulöwen. Alles da, seit kurzem, und von Jahr zu Jahr in immer größerer Zahl.

Dabei war das alles Terra inkognita vor zehn Jahren, und die ersten, die kamen, fühlen sich noch heute wie die Pioniere einer anderen Zeit. Zum Beispiel die Damen von Escada, deren exquisite Moden 1991 in den Schaufenstern Paradiesvögeln auf dem Hühnerhof glichen. Oder Christ’s Schmuckwaren, die plötzlich aus den Schaufenstern vom „Haus der Wissenschaft und Kultur der UdSSR“ strahlten und, wie es schien, glitzernd den Sieg des Kapitalismus verkündeten. Der goldene Mann im Foyer, Genosse Lenin, fand das nicht so gut und verließ seinen Sockel auf Nimmerwiedersehn.

Ein etabliertes Stück Stadt

Im Jahr „Eins“ der neuen Friedrichstraße kam Josef Beat Lauber aus Zürich ins renovierte „Haus der Schweiz“, um unter der Plastik vom Walter Tell das Geschäft vom Juwelier Türler zur Blüte zu bringen. „Als das Lindencorso abgerissen wurde, blickten wir von unserer Galerie aus durch die Staubwolken auf die Rückseite vom Restaurant Borchardt und bis zum Französischen Dom“, erinnert sich der Uhrmachermeister und spricht von „hohem Stolz“, der ihn erfüllte, weil er zeigen wollte, welches Gesicht diese Straße einmal haben kann. „Nehmen Sie einen rohen Diamanten: Wir hatten das Glück, eine der ersten Facetten zu sein.“

Nur einige hatten Visionen, aber heute ist dies ein etabliertes Stück Stadt geworden – mit dem sprichwörtlichen Berliner Tempo, aber auch mit dem Nachteil allzu großer Verlockungen: Nach drei Raubüberfällen öffnet der Juwelier seine Tür nur nach einem Klingelzeichen und eingehender Gesichtskontrolle. In Kürze wird er Berlin verlassen, aber „den Kopf in der Friedrichstraße behalten, denn hier waren die spannendsten Jahre meines Lebens“.

Ähnlich empfindet das auch Ulrich Thorn, der Geschäftsführer der Gesellschaft für Städtebau und Projektentwicklung (gsp). Der Architekt zog mit seiner Firma aus der Mommsenstraße über das Lafayette, damals, Anfang ’97, „war wenig los, man konnte die Kunden der Geschäfte an der Hand abzählen,“ und heute solle man den Einzelhändlern der ersten Stunde, die durchgehalten haben, für ihren Mut einen Orden verleihen.

„Die Straße hat ihre Möglichkeiten klug genutzt und wird sich auch an ihren Nord- und Südenden weiterentwickeln“, ist Ulrich Thorn überzeugt. Er wohnt inzwischen in einem der attraktiven Gebäude des Beamtenbundes, also inmitten der Faszination einer Architekturmischung aus Alt und Neu, die die Enge der Straße prägt.

Und gestern konnte man schon wieder etwas Neues entdecken: Einen Kaffeeladen, einen Bäcker, Ausstellungshalle und Donut-Shop im neuen Friedrich-Carrée. Die Straße bleibt immer im Werden und ist nie fertig. Spannend.

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