Zeitung Heute : Unter der Haube

Dachbepflanzungen sind nicht nur ökologisch sinnvoll. Auf lange Sicht ist mit einem Gründach auch finanziell zu rechnen

Anne Meyer

„Alles, was waagerecht ist unter dem Himmel“, schreibt der Architekt Friedensreich Hundertwasser, „gehört der Natur.“ Nach diesem Leitsatz, so folgert er, müssen alle flachen Dächer begrünt werden. Dieser ökologischen Philosophie hat sich auch Fritz Hämmerle verschrieben, der viele Jahre dem Fachverband Bauwerksbegrünung vorsaß. Der Schwabe Hämmerle rechnet vor: Jeden Tag werden durch Straßen- und Häuserbau siebzig Hektar Landschaft versiegelt. „Um der Natur ein Stück zurückzugeben, ist das Dach besonders gut geeignet,“ sagt er. In Deutschland werden inzwischen ein Sechstel aller neu gebauten Flachdächer bepflanzt.

Schon in der Antike haben die Menschen ihre Häuser begrünt. Diese Bautradition setzte sich allerdings nicht durch, und erst in der Öko-Bewegung der achtziger Jahre kam die Bauwerksbegrünung mit Schlagworten wie „Natur aufs Dach“ oder „Grün statt Kies“ wieder in Bewegung. Heute ist das grüne Dach zu einem modernen Gestaltungsmerkmal beim Hausbau geworden. „Es erlangt eine ernst zu nehmende ökologische Dimension", sagt Hämmerle. Deutschland war lange Vorreiter in Sachen grüne Dächer; in letzter Zeit schließen sich vor allem Ballungsräume wie Shanghai oder Tokio an. Dort muss laut Bauverordnung jedes neu gebaute Flachdach begrünt werden, damit die Luft in den Metropolen erträglich bleibt.

Wer sich dafür entscheidet, sein Dach in einen Garten zu verwandeln, schützt aber nicht nur das Klima und verringert die Feinstaubbelastung. Hämmerle betont, dass grüne Dächer sich auch ökonomisch rechnen: „Die finanziellen Aufwendungen haben sich nach zehn bis 15 Jahren amortisiert. Danach macht der Bauherr sogar Gewinne." Gründächer verdunsten im Jahr 500 Liter Wasser pro Quadratmeter; durch die Verdunstungskälte sind die Räume darunter im Sommer kühl. Umgekehrt sparen die Bewohner im Winter Heizkosten, weil grüne Dächer die Wärme dämmen.

In Deutschland gibt es eine Vielzahl von Fördermaßnahmen für umweltgerechtes und energieeffizientes Bauen. Einige Programme befassen sich auch mit der Begrünung von Dächern bei Neubauten und Sanierungen. Die Palette reicht von direkten finanziellen Zuschüssen über Kostenersparnisse bei den jährlichen Niederschlagswassergebühren bis hin zu zinsgünstigen Krediten. In Berlin gilt: Wer sich ein neues Haus mit grünem Dachwerk baut, bekommt von den Berliner Wasserbetrieben die Hälfte der jährlichen Abwassergebühr erlassen. „Mit Ausnahme der KfW-Förderprogramme gibt es in Deutschland leider noch keine einheitlichen Förderleitlinien für Gründächer“, sagt Wolfgang Ansel, Deutscher Dachgärtner Verband e.V. Sein Verband biete aber Unterstützung und Beratung, wenn es darum gehe, die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen der verschiedenen Förderprogramme zu finden.

Hämmerles Kosten-Nutzen-Kalkulation gilt allerdings nur für die „extensiven“ Gründächer, um die man sich nicht weiter kümmern muss, sobald sie einmal angelegt sind. Als Pflanzen eignen sich besonders gut trockenresistente Gräser, Mauerpfeffer oder Kräuter wie Schnittlauch, Thymian und wilder Majoran. Wer sich allerdings einen kompletten Garten aufs Dach setzen will, muss mit weitaus höheren Kosten rechnen. Die Anforderungen an die Statik sind hier besonders hoch, die Bauweise ist teuer. Bei der „intensiven“ Dachbegrünung muss außerdem der Garten, genau wie der ebenerdige, regelmäßig gepflegt werden.

Für eine Begrünung geeignet sind prinzipiell alle Flachdächer mit einer Neigung von bis zu fünf Grad. „Auch Dächer mit 15 Grad Neigung lassen sich mit einem etwas höheren technischen und gärtnerischen Aufwand ohne Probleme begrünen“, so Hämmerle. Wer eine kleine Fläche wie eine Garage bepflanzen möchte, „kann das auch an einem Samstag mit einem Freund zusammen machen“. Es gibt Firmen, die entsprechende Bausätze dafür nach Hause liefern. Natürlich kann man der Garage die grüne Haube auch ganz allein aufsetzen. Dazu müssen zunächst verschiedene Schichten ausgelegt werden, die verhindern, dass die Wurzeln durch das Dach geraten und es beschädigen. Auch das Wasser muss gut abfließen können.

„Viele Fehler werden bei der Statik gemacht“, so Hämmerle. Ob das Dach die Erde trägt, die sich bei Regen mit Wasser vollsaugt, kann am besten ein Statiker beurteilen. Für ein extensives Gründach muss die Konstruktion ein Gewicht von ungefähr hundert Kilo pro Quadratmeter tragen können. „Dachbegrünung ist nur für Häuser geeignet, die über die entsprechende Statik verfügen", warnt Gilbert Lösken, Professor für Landschaftsarchitektur an der Universität Hannover. Wer seine Dachkonstruktion nachträglich für einen Garten fit machen woll, müsse mit hohen Kosten rechnen. „Das ist finanziell meist nicht vertretbar", so Lösken. Aufpassen muss auch, wer in einem denkmalgeschützten Haus wohnt: Es könnte Ärger mit der Behörde geben. „An einem alten Haus soll man die Begrünung von unten nicht sehen können – sonst stimmt der Gesamteindruck nicht mehr", so der Landschaftsarchitekt.

Hämmerle setzt sich seit Jahren für eine grünere Dachlandschaft ein. Sein Fazit lautet: „Gründächer eröffnen viele Chancen. Die Risiken sind kalkulierbar.“ Zum Schluss kommt er auf die Tier- und Pflanzenwelt zu sprechen – und schwärmt. „Der Apollo-Falke und die Kartäuser-Nelke waren in Deutschland nahezu ausgestorben“, sagt er. Nun seien sie wieder öfter anzutreffen – vor allem auf bepflanzten Häusern. Hämmerle: „Das sind richtige Gründach-Fans.“

Weitere Informationen unter: www.dachgaertnerverband.de

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