Zeitung Heute : Unter der Lichtdusche

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie man dem Winterblues entgeht

Hartmut Wewetzer

Eigentlich kann man den Winter ja ganz gut ertragen. Weihnachten wärmt das Herz, und ein kühler, klarer Tag lädt zu Spaziergängen ein. Wenn nur nicht diese lange Dunkelheit wäre, diese Finsternis, die schon nachmittags einsetzt. Was haben die Menschen in unseren Breiten nur gemacht, als es noch kein elektrisches Licht gab?

Grausam, dieser Winterblues.

Kaum zu übersehen, dass der Schreiber dieser Zeilen ein potenzieller Kandidat für die Diagnose „Winterdepression“ ist. So nennen die Fachleute Episoden von Niedergeschlagenheit, die im Herbst oder Winter beginnen und bis in das Frühjahr des nächsten Jahres andauern können. Wer solche Winterdepressionen in zwei auf einander folgenden Jahren hat, ist ein Kandidat für die Diagnose.

Je weiter man vom Äquator nach Norden kommt, umso häufiger wird naturgemäß auch die Winterdepression. „Fünf Prozent aller Depressiven hat diese Störung“, sagt Isabella Heuser vom Berliner Uniklinikum Charité. Manche Forscher nehmen an, dass der Stoffwechsel des „Schlafhormons“ Melatonin bei den Winterdepressiven gestört ist. Allerdings ist das allenfalls ein Teil der Ursache, denn auch wer Melatonin einnimmt, wird seine Winterdepression leider nicht los. Aber ein anderes Mittel hat sich als sehr hilfreich erwiesen: Licht. Zwei Stunden Lichttherapie am Tag mit einer Stärke von 5000 Lux – das entspricht der Helligkeit des Mittagshimmels – hilft, die Seelenpein Depressiver zu lindern.

Viel häufiger als eine behandlungsbedürftige Störung ist natürlich der ganz gewöhnliche Verdruss an der dunklen Jahreszeit. Auch hier sind Licht und Luft die beste Medizin. „Rausgehen, auch wenn es neblig ist“, sagt Depressionsexpertin Heuser. „Eine halbe Stunde Bewegung genügt.“ Dem pflichtet auch Ulrich Hegerl von der Münchner Uni bei. „Man sollte sich nicht zu sehr zurückziehen und darauf achten, nicht zu lange zu schlafen“, sagt Hegerl, der einen Patientenratgeber geschrieben hat („Depressionen bewältigen“, Trias Verlag).

Durchaus zu empfehlen sind auch Lichtwecker. Sie erhellen das Zimmer schon vor dem Wecksignal mit Morgenlicht und simulierem Sonnenschein.

Auf der anderen Seite sollten wir hinnehmen, dass wir im Winter anders als im Sommer ticken. Viele Menschen sind dann ganz einfach eher auf Moll als auf Dur gestimmt. Man wird träger und ruhebedürftiger, und der Körper bildet weniger von den Botenstoffen Adrenalin und Endorphin – der eine macht wach, der andere löst Wohlbefinden aus. Und das kann Folgen haben.

„Wir müssen akzeptieren, dass wir im Winter einen anderen Rhythmus haben“, sagt Isabella Heuser. Warum also nicht den Spieß umdrehen? Die langen Abende haben auch ihre schönen Seiten. Man hat Zeit zur Muße, kann sich auf der Couch einkuscheln (allein oder zu zweit), Tee trinken, Musik hören, ein Buch lesen.

Und schließlich sollte man nicht vergessen, dass die Tage nach dem 21. Dezember schon wieder länger werden. Wenn das kein Trost ist!

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