Zeitung Heute : Unter diesen Umständen

Selbstbestimmung kann bedeuten, dass Verantwortung auf Frauen abgewälzt wird

Margaretha Kurmann

Ging es ehedem bei der menschlichen Fortpflanzung um Frauen, Leiblichkeit, um Kinder oder keine, zur rechten oder falschen Zeit, hören wir in der Gen-Debatte von Stammzellen, Embryonen, Pluri- und Totipotenz. Hier schweben Eizellen im Raum, kommen Embryonen aus Kühlsystemen, teilen sich, werden bearbeitet. Immer wieder geht es um den Embryo. Er und vor allem, was er denn sei, ist die Hauptfrage im Spiel des Pro und Contra.

Dabei hat keine Frauenorganisation oder Frauendemonstration die Befruchtung im Reagenzglas (IVF), Embryonenforschung oder Pränataldiagnostik (PND) je gefordert; Forderungen von Frauen sind bestenfalls als Reflex auf die Angebote entstanden. Auffallend oft werden dennoch Notlagen von Frauen, ungewollte Kinderlosigkeit und die Angst vor einem Kind mit Behinderung zur Legitimation immer neuer Verfahren beschworen. Dabei formulieren Frauen aus Praxis und Wissenschaft seit über 20 Jahren vielfältige Gesundheitsinteressen von Frauen ohne Resonanz in der Gynäkologie. Und es sind nicht nur die Themen der Debatte, sondern auch die Sprache, Umgangsformen und Rituale, die nicht von Frauen bestimmt werden, an die sie sich aber scheinbar zu halten haben, wenn sie mitreden wollen.

Pränataldiagnostik ist ohne große Debatte Alltag in der gynäkologischen Schwangerenvorsorge geworden – und hier werden viele ungelöste Widersprüche von Gentechnik und Fortpflanzungsmedizin sichtbar. Frauen können sich den Anforderungen im Hier und Jetzt nicht durch akademische Erörterungen entziehen, sondern müssen sich ganz konkret verhalten. Ultraschalldiagnostik oder die Fruchtwasseruntersuchung erheben Befunde, die in der Regel keine Behandlung zur Folge haben. Was bleibt ist oft nur der Abbruch einer erwünschten Schwangerschaft. Verfahren, die lediglich „Risiken und Wahrscheinlichkeiten“ errechnen, werden inzwischen immer mehr schon in der Frühschwangerschaft angeboten: mit 700 000 Frauen im Jahr eine lohnende Klientel.

Der Umsatz von PND funktioniert vor allem über den Appell an die Angst vor „Behinderung“, die zum Symbol für Bedrohung geworden ist. Der teilweise irrationale Umgang mit PND zeigt, wie die Angstmaschinerie mit dem Motor „Behinderung“ funktioniert. Dies muss umso mehr verwundern, als der tatsächliche „Nutzen“, wenn man ihn denn überhaupt als sinnvoll annimmt, in keinem Verhältnis steht zum Aufwand und zu den Risiken und negativen Folgen.

Individuell formulieren Frauen ihre Erfahrungen mit PND als eine Balance zwischen dem, was ihnen vernünftig erscheint und dem, was Herz und Intuition sagen. Dazu kommt die Angst, verantwortlich für eine mögliche Behinderung des Kindes zu sein. Konkret heißt PND für Frauen: Wartezeiten auf Tests und Befunde, Angst vor einer Fehlgeburt oder einem Schwangerschaftsabbruch, Verunsicherungen durch falsche oder ungenaue Befunde – oder aber unverständliche so genannte Risikozahlen. Denn was soll eine Frau schon mit eine Aussage wie „Bei einem statistischen Hintergrundrisiko auf Trisomie 21 von 1 : 350 ist Ihr statistisches Risiko nach dem Test 1 : 295“ anfangen?

Auch in der Werbung für Medizintechniken werden Frauen angesprochen, nämlich dort, wo sie zu treffen sind: in dem Wunsch, alles gut zu machen; in den hohen Ansprüchen, die sie an sich selbst stellen, vor die sie sich aber auch gestellt sehen; in dem Bedürfnis nach Unterstützung und gangbaren Wegen; in dem Wunsch, Kinder und eigene Lebensplanung, insbesondere Berufstätigkeit, zusammenzubringen – und in der Sorge, dass dies nicht leicht sein wird.

Frauenpolitisch geht es um Selbstbestimmung und darum, dass die Potenziale von Frauen zum Beispiel für die Erforschung neuer Techniken genutzt werden, ohne dass sie bestimmen, dass Frauen die individuellen und sozialen Folgen wie neue Normen und soziale Zwänge tragen müssen. Medizintechniken müssen gesellschaftlich verantwortet werden, die „Moral“ darf nicht den Frauen aufgebürdet werden, wird argumentiert. Denn Frauen wissen, dass sie immer noch letztendlich für Kinder zuständig sind, gerade dann, wenn nicht alles glatt läuft. So erscheint Pränataldiagnostik eine Möglichkeit, zu verhindern, ein behindertes Kind versorgen zu müssen.

Gentechnik und Fortpflanzungsmedizin versprechen Frauen, sie von ihrer „Natur“ als „Schicksal“ zu befreien, so dass sie „selbstbestimmt“ auch ihre Fortpflanzung in die Hand nehmen können. Wenn aber Selbstbestimmung – im Trend der Zeit – „Selbstverantwortung“ heißt, bedeutet dies für Frauen mit Kindern – wie auch für Menschen mit Beeinträchtigungen – dass sie aus sozialen Netzen entlassen werden. Selbstbestimmung kann aber auch bedeuten, dass bei beschränkter tatsächlicher Entscheidungsfreiheit vor allem die Verantwortung für die negativen Folgen auf die Einzelne abgewälzt wird. Daran ändert auch Beratung nichts. Denn die kann weder die Hierarchie zwischen wissenden Experten und hilfesuchenden Laien, noch den Druck gesellschaftlicher Normen aufheben.

Natürlich sind Frauen unterschiedlich: Während die Einen die Techniken als Möglichkeit zur Umsetzung ihrer Vorstellungen und Wünsche ansehen, zahlen andere einen hohen Preis. Alle Frauen müssen die allgemeine Suche nach Behinderung hinnehmen, müssen sich mit Fragen auseinander setzen, die sie von sich aus so nicht haben. Während die Einen durch PND beruhigt werden und damit wissen, dass alles in Ordnung ist, werden die Anderen erst durch PND in ihrem guten Gefühl verunsichert.

Fortpflanzungsmedizin und Selbstbestimmung: Erstaunlicherweise wird der Lebensalltag von Frauen, die Kinder haben, ausgeblendet. Dieser hat, wenn Frau nicht privilegiert ist, mit Selbstbestimmung wenig zu tun. Das, worum es in der Repromedizin geht, wird, wenn die Kinder da sind, anscheinend uninteressant: Fürs „Baby-machen“ mittels Medizintechniken wird das neue Frauenmodell bevorzugt – die selbstbestimmt und informiert souverän entscheidende Frau. Wenn Kinder da sind, besinnt man sich doch lieber wieder auf das alte Modell: Mutter ist zuständig und sieht zu, wie sie es gestalten kann, privat versteht sich.

Die Autorin ist Referentin in der Arbeitsstelle Pränataldiagnostik / Reproduktionsmedizin beim Bundesverband für Körper- und Mehrfachbehinderung e.V.: www.bvkm.de www.reprokult.de ; www.bzga.de

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