Zeitung Heute : Unter gewissen Vorbehalten

Adelheid Müller-Lissner

Trotz einer Rekordzahl an Transplantationen stehen fast 12000 Patienten auf einer Warteliste für eine Organspende. Wie kommt es, dass die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage so groß ist?

Im Jahr 2003 wurden in Deutschland insgesamt 4175 Organe gespendet. Hinter dieser Rekordzahl stehen meist Nieren, bei denen eine Lebendspende möglich ist, aber auch Herzen, Lebern und Lungen von Spendern nach der Feststellung des Hirntods. Mit 12000 Patienten ist aber auch die Warteliste für eine Organspende länger geworden. Zwar haben nur acht bis zwölf Prozent der Bundesbürger einen Organspenderausweis. Einer Forsa-Umfrage zufolge wären aber 60 Prozent bereit, im Ernstfall ein Organ zu spenden. Warum tun es dann nicht mehr? Unwissenheit und Ungewissheit sorgen für Vorbehalte.

Voraussetzung für eine Organspende ist die Feststellung des Hirntodes – eines Todes, den viele nicht als tatsächlichen Tod akzeptieren, gerade weil ja die Organe noch weitgehend funktionieren. Die meisten Organspender sind heute nicht junge Opfer von Verkehrsunfällen – 80 Prozent der Spender sind einer Hirnblutung oder einem Schlaganfall erlegen und die Hälfte ist über 50 Jahre alt. Im Bundesdurchschnitt kamen 2003 (die Zahlen für 2004 liegen noch nicht vor) auf eine Million Einwohner 14 Organspenden. In Mecklenburg-Vorpommern sind es sogar knapp doppelt so viele. „Sensationell“ nennt das Claudia Hagel, Sprecherin der Deutschen Stiftung Organtransplantationen (DSO). Die Arbeit der DSO hat dazu geführt, dass sich im nordöstlichsten Bundesland alle in Frage kommenden Krankenhäuser an der Gemeinschaftsaufgabe Organspende aktiv beteiligen. Im gesamten Bundesgebiet sind es dagegen nur 40 Prozent der 1400 Kliniken, die über Intensivstationen verfügen. „Man muss ein gutes Verhältnis zu den Krankenhäusern entwickeln, damit die Kollegen bereit sind, ihrem gesetzlichen Auftrag nachzukommen“, sagt der Mediziner Claus Wesslau, der für die Arbeit in der Region Nordost der DSO verantwortlich ist, zu der auch Berlin und Brandenburg gehören.

Um Vorbehalte abzubauen, sei es ganz wichtig, so Wesslau, ob im Krankenhaus Raum für das Gespräch mit der Familie gegeben ist. Nur zwei Prozent aller Patienten, die als Spender in Frage kommen, haben einen Spenderausweis. Im Todesfalle sind dann die Angehörigen gefragt. Das Transplantationsgesetz von 1997 enthält eine erweiterte Zustimmungsregelung, derzufolge sie der Organentnahme zustimmen müssen, wenn kein Spenderausweis den Willen des Verstorbenen belegt. Die meisten haben vorher nie über dieses Thema gesprochen. „Wenn dann mehrere Generationen am Krankenbett versammelt sind und es nicht zum Konsens in der Familie kommt, wird im Zweifelsfall ‚nein’ gesagt“, berichtet Wesslau.

Im Nationalen Ethikrat wurde deshalb schon darüber nachgedacht, ob eine Widerspruchsregelung, wie sie in anderen Ländern existiert, für mehr Gerechtigkeit sorgen könnte. Dort ist eine Entnahme grundsätzlich möglich – es sei denn, der Betroffene oder seine Angehörigen lehnen eine Entnahme ausdrücklich ab. Claudia Hagel plädiert aber eher dafür, die vorhandenen gesetzlichen Vorgaben voll auszuschöpfen.

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