Unter  HEIMWERKERN : „Ich bemale eine Rollgardine“

Protokoll: Michael Schneider
Foto: Michael Schneider
Foto: Michael Schneider

Kristin Espeland, 29

kauft

ein 6er Set Borstenpinsel für 2,99 Euro

ein 10 er Set Ölfarben für 12 Euro

eine Tube Acryl Titanweiss für 4,99 Euro

eine Tube Acryl Blau für 2,50 Euro

eine Tube Acryl Mittelgrau für 2,50 Euro

Ich möchte ein Bild für meine Eltern malen. Sie leben in der Kleinstadt Rjukan in Norwegen. Aus dem Fenster ihres Wohnzimmers kann man den bekannten Berg Gaustatoppen sehen – freilich nur, wenn es ist nicht nebelig ist. Leider ist es das meistens. Meine Geschenk-Idee zu Weihnachten ist nun, den Berg auf die Innenseite einer weißen Rollgardine zu malen, die ich vor die Wohnzimmerfenster hänge. So können meine Eltern auch bei Nebel den Berg-Blick genießen – indem sie ihre Gardinen zuziehen. Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob die Farben, die ich gekauft habe, für Gardinen geeignet sind, aber ich hoffe das Beste.

In der südnorwegischen Kleinstadt, in der ich momentan lebe, gibt es keine Läden. Um solche Farben zu kaufen, müsste ich erst zwei Stunden mit dem Auto nach Oslo fahren. Und da ich gerade eine Studien-Freundin in Berlin besuche, habe ich vor meinem Heimflug nun noch einen Abstecher in den Baumarkt gemacht. Am meisten fasziniert mich das schier unendlich große Sortiment an Schrauben. Ich meine, wer braucht all diese verschiedenen Größen, Formen und Materialen?

Ich würde mir durchaus handwerkliches Talent attestieren. Zumindest wenn ich mich mit meinen bisherigen Freunden vergleiche. Egal ob es darum ging, ein Loch in die Wand zu bohren, einen Ikea-Schrank zusammen zu bauen oder Öl beim Auto nachzufüllen – alle haben sich da eher dumm angestellt. So bin ich dazu übergegangen, nicht mehr auf die Hilfe von Männern zu setzen, sondern es lieber gleich allein zu probieren.

Ich arbeite als Allgemeinärztin in einem kleinen Krankenhaus. In dem Beruf ist Geschicklichkeit im Umgang mit Werkzeugen sehr nützlich. Sei es, ob man einem Patienten einen Nagel entfernen oder eine Wunde nähen muss. Die besten Heimwerker unter den Ärzten sind wahrscheinlich die Orthopäden und die Chirurgen. Sie müssen täglich mit einem riesigen Arsenal an Messern, Scheren, Zangen, Hämmern und Sägen umgehen und brauchen eine ganze Menge Kraft.

Eins der wenigen Werkzeuge, die ich zu hause benutze, ist ein Zwitter aus Hammer und Schraubenzieher, ein Geschenk von einer Freundin. Der Griff ist mit Blumen bemalt. Ich nenne es das „Heimwerker-Mädchen-Set“. Schwierigere Arbeiten übernimmt allerdings mein älterer Bruder für mich. Er ist Tischler - und der einzige Mann, dem ich in solchen Sachen vertraue. Protokoll: Michael Schneider

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