Unter HEIMWERKERN : „Ich besorge Lampen“

Protokoll: Michael Schneider

JULIA HILARIUS, 24

kauft

2 Flurlampen

1 Badlampe

alles für 100 Euro

Vor einem Jahr habe ich einen Handel gemacht. Mit meinem Vater. Ich war gerade von meinem Auslandssemester in Brüssel zurückgekehrt. Mein Vater war so lieb gewesen, meine Wohnung zu hüten. Doch als ich nun mit meinem Freund und meinem kleinen Sohn wieder nach Berlin kam, wollte er partout nicht mehr ausziehen! Seine Begründung: Er habe einfach zu viel zu tun, um sich jetzt um die Einrichtung einer eigenen Wohnung zu kümmern. Na ja, mein Vater arbeitet als Chef einer mittelständischen Firma wirklich sehr viel, bestimmt 80 Stunden pro Woche.

Um ihn trotzdem rauszukriegen, versprach ich, mich um die Inneneinrichtung seiner neuen Wohnung zu kümmern. Seitdem komme ich mir vor wie seine Mutti. Heute bin ich mit meiner besten Freundin losgezogen, um Lampen für Wohnzimmer, Flur und Bad zu kaufen. Natürlich zahlt mein Vater, also war die erste Station ein Designerladen in Kreuzberg, der Mann legt nämlich sehr viel Wert auf eine elegante und moderne Einrichtung. Wir haben dort eine Wohnzimmerlampe für 150 Euro gekauft. Aber ich dachte, man muss es ja nicht übertreiben, für Flur und Bad reicht auch etwas Günstigeres. Deshalb haben wir einen Abstecher in den Baumarkt gemacht. In der Lampenabteilung beim Regal „für den anspruchsvollen Kunden“ sind wir dann auch tatsächlich fündig geworden. Für 100 Euro weniger als in Kreuzberg. Der Hersteller ist zwar nicht der gleiche, aber Form und Farbe sind fast identisch.

Ob ich die Lampen selbst anbringe? Das kann sich mein Vater schön abschminken! Ich schaffe es ja noch nicht mal, einen Nagel gerade in die Wand zu schlagen. Übrigens genau wie mein Freund. Er ist Lehrer. Das letzte Projekt, das er in die Hand nahm, war ein Desaster. Es ging um neue Vorhänge im Kinderzimmer. Zweimal startete er den Versuch, eine Gardinenstange anzubringen – zweimal kam sie wieder runter. Schließlich hat sich mein Opa drum gekümmert. Der ist mit seinen 70 Jahren noch ein fitter Heimwerker und übernimmt nun auch den Lampenanbau für meinen Vater. Möglicherweise ist Opa auch der Grund, warum ich selbst so wenig Ambitionen zum Heimwerken habe. Wenn es jemanden gibt, der alle diese Arbeiten übernimmt, dann hat man ja keinen Anreiz, es selbst zu lernen. Was meinen eigenen Sohn betrifft: Klar wäre es toll, wenn er ein versierter Heimwerker würde. Doch wer soll’s ihm beibringen? Die Hoffnung heißt auch hier: Opa. Protokoll: Michael Schneider

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