Unter  HEIMWERKERN : „Ich gestalte den Flur neu“

Protokoll: Michael Schneider
Foto: Michael Schneider
Foto: Michael Schneider

RITA MEIER, 63

kauft

2 Holzlatten

für 10 Euro

Zusammen mit meinem Vetter gestalte ich gerade den Flur meiner Altbauwohnung im Wedding neu. Der hat zwei Teile: eine kleine Empfangshalle, ein sogenanntes Vestibül, und einen langen Flur, der davon abgeht. Das Vestibül möchte ich zum Computer-Arbeitszimmer umfunktionieren. Mein Vetter hat schon neue Leitungen unter der Decke verlegt. Nun wird noch eine Pendeltür eingebaut, um die beiden Bereiche voneinander zu trennen. Weil die Wände in Altbauten oft extrem schief sind, brauchen wir die Latten, um den Abstand zwischen den beiden Pendeltüren auszugleichen. Die Türscharniere werden dann auf die Latten geschraubt.

Meine Wohnung ist wirklich sehr schön. Und groß: Ich habe 134 Quadratmeter für mich allein. Allerdings mit Ofenheizung. Wenn ich heute einziehen würde, könnte ich mir das im Traum nicht leisten, aber ich wohne dort schon seit über 30 Jahren. Ich war noch Studentin, als ich einzog. Damals war das noch ein sogenanntes Abrisshaus – das schließlich als einziges an der Straße stehen blieb. Aufgrund gesundheitlicher Probleme bin ich seit drei Monaten Rentnerin. Während meiner Berufstätigkeit fehlte mir immer die Zeit, die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Und auch das Geld. Wie das eben so ist, wenn man seiner studierenden Tochter Unterhalt zahlt. Jetzt hat meine Tochter ihren Magister in der Tasche und das Geld, das ich an Unterhalt spare, stecke ich nun in die Renovierung.

Das meiste mache ich zusammen mit meinem Vetter. In puncto Werkzeug habe ich alles da. Die Speisekammer habe ich zum Heimwerker-Reservoir umfunktioniert: Schwingschleifer, Dreieck-Schleifmaschine, zwei Bohrmaschinen, Bohrschrauber-Set, verschiedene Hämmer und Handsägen.

Woher mein Heimwerker-Faible kommt, kann ich gar nicht sagen. Wahrscheinlich angeboren. Ich habe Grafikdesign studiert und später als Lehrerin Werken und Kunst unterrichtet. Ich male sehr viel, allerdings behalte ich alle Bilder. Als arme Studentin, als meine Wohnung noch kaum möbliert war, hatte ich den Traum, an die Wohnzimmerwand ein Bild zu malen. Es sollte ein Fenster mit Ausblick aufs Meer zeigen. Davor wollte ich dann einen Schaukelstuhl stellen. Ich dachte, wenn ich schon kein Geld habe, ans Meer zu fahren, dann hole ich es mir eben in die Wohnung. Dann kamen meine Tochter und immer mehr Möbel. Der Traum ging nie in Erfüllung. Aber das ist in Ordnung. Manche Träume müssen eben Träume bleiben. Protokoll: Michael Schneider

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