Unter  HEIMWERKERN : „Ich weiß gar nicht, was ich bin“

Protokoll: Tiemo Rink
Foto: Tiemo Rink
Foto: Tiemo Rink

Samuel Nieto, 26

kauft

2 Klappböcke

für 7,90 Euro

In meinem Zimmer steht ein Tisch, den möchte ich verlängern. Naja, eigentlich ist das nur ein Brett auf zwei Holzböcken. Das ist zwar schon drei Meter lang, aber das reicht mir nicht. Ich bin Künstler und brauche viel Platz. Ich kaufe zwei weitere Holzböcke, dann kommt da eine Platte drauf und fertig. Die Platte habe ich schon. Sie steht im Hinterhof meiner letzten Wohnung, eine alte Tür, die braucht eh keiner mehr.

Jetzt frage ich mich natürlich, wie hoch die Holzböcke vom Tisch zu Hause sind. Das wäre nicht schön, wenn ich den Tisch verlängern will, und nachher sind die Platten unterschiedlich hoch. Oder man setzt sich dahin und stößt ständig mit den Knien an. Ich nehme jetzt einfach diese zwei Böcke hier und hoffe, dass das alles einigermaßen passt.

Ach, ich glaube, ich bin ein kleiner Messie. Sie sollten mich mal besuchen kommen und sehen, was ich alles auf meinem Tisch liegen habe. Ständig finde ich irgendwelche Sachen auf der Straße, nehme die mit nach Hause und kann mich dann nicht mehr davon trennen. Das sind alles Arbeitsmaterialien. Ich arbeite mit Sand, mit Steinen, Metallrohren und Splittern. Manchmal auch mit Mörtel und Gips. Und Plastikfolien.

Man könnte glauben, ich sei ein Maler, aber ehrlich gesagt, weiß ich selber gar nicht so genau, was ich eigentlich bin. Ich bin halt Künstler.

Ich klebe zum Beispiel einen Stein auf die Leinwand und bemale den. Steine reagieren ganz anders auf Farbe als eine Leinwand. Oder Sand! Wenn man Sand anmalt, braucht man ganz viel Farbe. Der Sand saugt die Farbe einfach auf. Dafür ist der Farbton nachher fast genauso wie der auf der Leinwand, aber es fühlt sich anders an, flächiger und tiefer. Ich habe einen Kollegen, für den kaufe ich manchmal Holzblöcke. Die zersägen wir dann. Er bekommt das Holz, und mit dem Holzmehl kann ich arbeiten. Momentan arbeite ich mit matten Farben, das ist so eine Phase. Wenn Sie mich in einem halben Jahr fragen, mach ich sicher wieder was ganz anderes. Es ist ein Abenteuer.

In Madrid habe ich Kunst studiert, aber da konnte ich nicht das machen, was ich wollte. Seit Januar bin ich in Berlin, hier ist mehr möglich. Es gibt viele Menschen, die hier kreativ arbeiten. Bevor ich umgezogen bin, habe ich in einem Künstlerhaus gewohnt, da steht ständig irgendwas herum, das niemand mehr braucht. Da geh ich hin und nehm mir, was ich will.

Protokoll: Tiemo Rink

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