Unter  HEIMWERKERN : „Meine Frau zerstört alles“

Foto: Julia Prosinger
Foto: Julia Prosinger

Mallek A., 73

kauft

2 rechteckige Holzleisten

1 runde Holzleiste

alles für 2, 60 Euro

Ich bin Ingenieur, Mathematiker – Basteln ist wie Rechnen. Basteln heißt Ideen haben. Es hat nichts mit handwerklicher Begabung zu tun. Ich bin immer auf der Suche nach der elegantesten Lösung. Wenn ich nicht Mathe mache, löse ich Sudoku, wenn ich dazu zu müde bin, repariere ich Dinge.

Heute bin ich mal wieder wegen meiner Frau im Bauhaus. Sie ist sehr begabt: Was sie berührt, macht sie kaputt. Erst hat sie die Tür des kleinen Schränkchens in der Küche abgebrochen, indem sie sich darauf gestützt hat. Ich hab sie repariert. Danach hat sie die Schublade, wo das Besteck drin ist, gewaltsam reingedrückt. Gegen irgendeinen Widerstand. Sie tut dann immer so, als sei sie es nicht gewesen, beschuldigt meinen Sohn oder mich. Dabei ist das unser Spiel: Meine Frau zerstört, ich biege es wieder gerade.

Jetzt muss ich also die Rille der Schublade reparieren, die Schiene, in die die Schublade fährt. Dank meiner Frau ist sie auf der einen Seite abgesplittert. Ich suche gerade die passende Holzleiste, um das zu ersetzen. Einmal ein Zentimeter und etwa ein Meter lang muss sie sein. Soll ich mal aufzeichnen, wie so ein Prisma aussieht?

Wenn ich daheim ankomme, muss ich erst mein ganzes Werkzeug zusammensuchen. Aber nicht, dass Sie etwas Falsches denken: Ein Mathematiker ist nicht chaotisch! Entweder klebe ich diese zwei Holzleisten zu einer mit den richtigen Maßen zusammen und befestige das Ganze mit ein paar Schrauben, oder ich nehme diese runde Stange und flache sie mit Schmirgelpapier und einer Säge ab. Mehr als eine Stunde werde ich dafür nicht brauchen.

Ich bin in einer Berber–Familie in Algerien groß geworden, mein Vater war Lehrer. Er hatte 70 Schüler in einer Klasse und keine Zeit, uns Kindern das Heimwerkern beizubringen. Aber nach der Schule saß ich bei meinen Freunden zum Café au lait. Der Vater des einen war ein jüdischer Schneider, er hat mir gezeigt, wie man mit Kreide ein Schnittmuster auf den Stoff zeichnet, er hat mir das Nähen beigebracht. Der Vater des anderen war Schmied, deshalb kann ich sogar Werkzeug selbst anfertigen. Erst neulich habe ich einen Hammer selbst gemacht.

Ah, da auf dem Boden liegt ein Gummiband, das nehme ich mit, vielleicht kann ich es gebrauchen. Ich kann nicht verstehen, wenn Leute alte Dinge einfach wegwerfen oder für alles sofort eine Werkstatt aufsuchen. Ich warte mein Auto selbst. Und natürlich das meiner Frau, ach. Protokoll: Julia Prosinger

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