Unter HEIMWERKERN : Stephen Mooney

kauft Dispersionsfarbe Seidenglanz-Lack

Für meine Abschlussarbeit als Fotodesigner möchte ich eine Szene aus dem ersten Buch von Jean Paul Sartre, „Der Ekel“, darstellen. Da das Ganze in einer Bar spielt, baue ich mir in meinem 20 Quadratmeter großen WG–Zimmer in Kreuzberg eine zusammen. So richtig mit allem drum und dran: Wände, Fußboden und Barmöbel. Dafür mussten meine Matratze und meine eigenen Möbel auf den Flur ausweichen. Zum Glück wohne ich mit meinem besten Freund zusammen. Es stört ihn nicht, dass unsere Wohnung zur Zeit mit meinem Krempel voll steht.

Vor sechs Jahren habe ich wegen der Liebe meine Heimat England verlassen und bin nach Berlin gekommen. Seit drei Jahren lerne ich nun Fotodesign am Lette-Verein in Wilmersdorf. Das Thema für meine Abschlussarbeit durfte ich mir selbst aussuchen. Da ich gern Gedichte schreibe und mich viel mit Literatur beschäftige, habe ich mich entschieden, ein ganzes Buch in einem Bild umzusetzen.

So ein Foto ist viel Arbeit, da gehört neben dem Technischen und Künstlerischen auch das Handwerkliche dazu. Mit dem Seidenglanz-Lack bestreiche ich einen Laminatboden, den ich nur für das Bild verlegt habe. Der Lack bringt den Boden auf Hochglanz und lässt ihn edel aussehen. Das Laminat habe ich von meiner Freundin bekommen, sie hatte noch Reste von ihrem letzten Umzug übrig.

Ich habe noch mehr im Baumarkt besorgt: Mit diesen Farben, Braun und Ocker, bemale ich die Wände hinter der Theke. Sie tragen zum dunklen, schummrigen Ambiente bei. Eine Theke und Barhocker habe ich schon, mir fehlt nur noch ein echter Bartisch.

Am meisten begeistert mich an meinem Beruf allerdings die Technik. Ich fotografiere mit einer Großbildkamera. Das sind die alten Kästen, hinter denen der Fotograf mit einem schwarzen Tuch über dem Kopf verschwinden muss, um überhaupt durchschauen zu können. In diese Kamera muss ich für jedes Bild einen neuen Film einlegen. Auf den Film passt nämlich nur je ein Foto.

Das Komplizierte an einem solch aufwändigen Bild ist die Beleuchtung. Am richtigen Licht tüftele ich manchmal Tage lang herum. Das ist besonders schwierig in meinem kleinen Zimmer.

Ab und zu fotografiere ich auch an anderen Orten. Meist kostet das viel Geld, und ich kann mir nicht so viel Zeit lassen wie zu Hause. Die meisten Inszenierungen entstehen deshalb in meinem Zimmer. Das kann man an den Bildern sehen, sie sind wegen des Platzmangels immer aus der gleichen Perspektive aufgenommen.

Die Szene in der Bar muss bis spätestens 11. Juni fertig sein, dann werden die Bilder unseres Jahrgangs ausgestellt. Was genau auf dem Bild zu sehen sein wird, bleibt bis dahin noch mein Geheimnis.

Protokoll: Christina Franzisket

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