Zeitung Heute : Unter Hirschen

Das Mecklenburger Internat Schloss Torgelow besticht durch seine malerische Lage – und mit der gezielten Förderung hochbegabter Schüler

Jens Mühling

Hirschgeweihe, überall. An allen Wänden hängen sie, sogar als Kronleuchter dient ein Konstrukt aus stattlichen Zwölfendern. Die Dekoration des Saals, in dem Mario Lehmann Auswahlgespräche mit potenziellen Schülern führt, stammt noch aus DDR-Zeiten. Lehmanns Schulphilosophie nicht. „Es geht in Torgelow um Leistung“, sagt der Mann mit dem braunen Cordanzug, dessen Familie vor zehn Jahren ein altes Jagdschloss in Mecklenburg zum Elite-Internat umfunktioniert hat.

Wer in Torgelow aufgenommen werden will, wird zunächst einmal unter den Überresten der toten Hirsche platziert. Heute haben auf den schweren Ledersofas der Architekt Thomas Schlicht und sein Sohn Richard Platz genommen. Richard besucht die achte Klasse eines Brandenburger Gymnasiums – und ist unzufrieden. „Wenn ich Fragen zum Lernstoff habe, bekomme ich als Antwort immer nur zu hören: Das kannst du dir ja zu Hause noch mal ansehen.“ Richard glaubt, „dass die Lehrer in Torgelow sich mehr Mühe mit den Schülern geben“. Erzählt hat ihm das sein älterer Bruder Robert, der vor einiger Zeit das Internat besuchte – und nach einem Jahr zurück an eine normale Schule wechselte, weil ihm das Internatsleben nicht behagte. „Aber Kinder sind nun mal verschieden“, glaubt Vater Schlicht. „Außerdem war es damals bei Robert mein Wunsch, dass er ein Internat besucht. Richard dagegen ist selbst auf die Idee gekommen.“ Richard nickt: Stimmt, Papa.

Die Auswahlgespräche dienen in Torgelow mehreren Zwecken, erläutert Mario Lehmann. Vor allem wolle man sich ein persönliches Bild von der Intelligenz eines Kandidaten machen – weil herkömmliche Schulen bei der Beurteilung von Hochbegabten oft versagen, so Lehmann. Und im Gegensatz zu vielen anderen Internaten sei Torgelow keine Abschiebeanstalt für Problemfälle, sondern eben eine Institution für Begabte: Der Notenschnitt der Abiturienten lag im vergangenen Jahr bei 1,7. Zwei Jahre in Folge stellte das Internat Deutschlands jüngste Abiturienten – im vergangen Jahr etwa schloss eine 16-Jährige hier mit einem Schnitt von 1,0 ab. Geprüft werde im Gespräch aber auch die Motivation eines Anwärters: „Wenn ein Schüler mir sagt, Mama will, dass ich ins Internat komme, dann ist das ein schlechtes Zeichen“, erklärt Lehmann. Seine Institution kann sich die hohen Ansprüche leisten: Trotz stattlicher Schulgebühren von 28 000 Euro im Jahr gibt es immer mindestens doppelt so viele Interessenten wie verfügbare Plätze. Enthalten sind in den Jahresgebühren unter anderem Zahlungen in einen Fonds, aus dem Stipendien für Hochbegabte finanziert werden: Bei etwa 13 Prozent der insgesamt 204 Schüler übernimmt das Internat einen Teil der Ausbildungskosten. Mitunter springt auch das Jugendamt ein. Nach dem ersten Gespräch, an dem neben einem Mitglied der Trägerfamilie auch ein Lehrer teilnimmt, wird der junge Kandidat von einem Internatsschüler übers Gelände geführt. Auch das ist Teil der Auswahlprozedur: „Unser Schüler gibt danach sein persönliches Votum ab“, erläutert Lehmann. „Und wenn er der Meinung ist, dass wir diesen Schüler besser nicht aufnehmen sollten, kann das ein entscheidender Hinweis sein.“

Richard wird heute von Katharina herumgeführt, die in Torgelow die neunte Klasse besucht. Sie zeigt Richard erst das Schloss, dann die Kantine, ein altes Fachwerkhaus mit atemberaubendem Blick über den Torgelower See. Der Unterricht findet im angrenzenden Neubau statt, in dem auch die Ein- und Zweibettzimmer der Schüler untergebracht sind – getrennt nach Jungen- und Mädchenetagen, sortiert nach Altersstufen.

Auch die Aula wird Richard gezeigt: Hier versammeln sich jeden Morgen Schüler und Lehrer, um Fragen des Zusammenlebens zu besprechen. Und hier hängt auch jene Liste, die das Wesen des Internats vielleicht am treffendsten charakterisiert: In alphabetischer Reihenfolge werden die Notendurchschnitte sämtlicher Schüler veröffentlicht. Wer sich im letzten Halbjahr verbessert hat, dessen Name ist gelb unterlegt. Katharina stört es nicht, dass hier jeder ihre Fortschritte und Niederlagen begutachten kann. „Im Gegenteil“, sagt ihr Mitschüler Lucas, „das spornt an.“ Mit Begeisterung erzählen die beiden vom Internatsleben, vom Austauschprogramm mit einer englischen Privatschule, von der individuellen Förderung und vom breit gefächerten Freizeitangebot in Torgelow.

Und die Abgeschiedenheit? Das Leben ohne Eltern? Scheint Katharina und Lucas nicht zu stören. Dabei gibt es Regeln in Torgelow, die manchem Gleichaltrigen übel aufstoßen würden: feste Zeiten für die Nachtruhe, Alkoholgenuss nur unter Aufsicht, keine Drogen, kein Sex. „Und keine Kopfbedeckungen in geschlossenen Räumen“, das gibt Herr Lehmann seinem jungen Gesprächspartner gleich mit auf den Weg. Etwas betreten knetet Richard seine Wollmütze zwischen den Fingern. An manches hier wird er sich wohl erst gewöhnen müssen – nicht nur an die Hirschgeweihe.

Weitere Informationen im Internet: www.schlosstorgelow.de

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