Zeitung Heute : Unter Menschen bleiben

David Ensikat

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Sie hieß Luzi und war bisher das eifersüchtigste weibliche Wesen an meiner Seite. Jahrelang habe ich mit Luzi zusammengewohnt, habe mich um ihr Essen und ihr Klo gekümmert, habe ihre hellen Haare von meinem dunklen Pullover gezupft. Luzi haarte sehr. Andere weibliche Wesen, welche selten, aber manchmal doch in meine Wohnung kamen, ließ Luzi sofort wissen, wie wenig sie von ihnen hielt. Sie sprang auf den hohen Ofen und fauchte von dort hinunter in Richtung Fremdweibchen. Wenn eine ihr zu nahe kam, hat sie sie gekratzt.

Die Frauen nahmen der Katze das kaum übel und mir gar nicht, dafür hatte ich das Gefühl, dass Luzi bedingungslos zu mir steht. Auch wenn wir uns eigentlich nichts zu sagen hatten. Da war so ein stummes Einverständnis: Ich fütterte sie und säuberte ihr Klo, sie war da und fauchte Besuch vom Ofen aus an. Was das eigentlich Wunderbare an unserer Zweisamkeit war, weiß ich nicht; wie gesagt, der Austausch fehlte. Es muss wohl Luzis Eifersucht gewesen sein. So was schmeichelt ja auch.

Luzi ist schon lange tot, einen Ofen habe ich nicht mehr, dafür aber Familie. Die Frage nach einer neuen Katze hat sich nie gestellt, da wir hin und wieder einen fremden Kater zu beaufsichtigen haben. Doch, doch, der ist sehr fremd. Der ist so durch und durch gut, faucht nie und springt voller Liebe und mit vollem Bauch auf einen rauf, wenn man gerade am Einschlafen ist (Luzi schlief dezent am Fußende). Mit ihm reden kann man auch nicht, er guckt einen sogar noch viel verständnisloser an als meine Katze das tat. Auf Eifersucht habe ich sowieso keine Lust mehr – ich glaube, ich will nie wieder ein Haustier.

Wir haben es ja sogar mit einer anderen Rasse versucht. Auch die enttäuschte. Es handelte sich um ein Rudel Triops. Triops sind pflegeleichte und robuste Urviecher, es gibt sie seit über 200 Millionen Jahren, sie haaren nicht, fressen wenig, und man muss ihr Klo nicht sauber machen. Triops sind kleine Flusskrebse, die im Wasserglas von links nach rechts und andersrum schweben und aussehen wie Tarnkappenbomber. Mein Sohn bestand darauf, Triops aufzuziehen, er erweckte den Eindruck, dass die Aufzucht sein soziales Wesen bestärken würde. Außerdem versprach er, darauf zu achten, dass die Tiere nie ihr Wasserglas verließen. Also wuchsen und gediehen die Triops prächtig, sie ließen jeden Besuch erschaudern, und als sie etwa einen Zentimeter maßen, begannen sie, sich gegenseitig aufzufressen. Der Zuchtverantwortliche beteuerte, die Nahrungszufuhr streng nach Triopsanleitung zu organisieren, er krümele keinesfalls zu wenig Krümel ins Triopswasser. Das half aber nichts, offenbar schmeckten den Triops die Krümel zu wenig nach Artgenosse. Auch alles Zureden nützte nichts. Der letzte Triops war sehr dick und starb wahrscheinlich deshalb auch sehr schnell.

Seitdem sind wir allein, reden miteinander und nicht auf ignorante Viecher ein. Wir erwarten auch nicht, dass ignorante Viecher uns was sagen. Ich halte das für sehr gesund.

Eine Ausstellung über die vor allem lächerliche Kommunikation mit dem Tier: Tiere lügen nicht (warum wohl? d. Verf.), Museum für Kommunikation, Di-Fr 9-17 Uhr, Wochenende 11-19 Uhr, Eintritt frei.

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