Zeitung Heute : Unter Niveau gewinnen

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Man gibt sich erstaunlich oft mit Leuten unter Niveau ab, meint T.

T.s Niveau auf ganz unterschiedlichen Gebieten ist sehr hoch. T. zitiert Wittgenstein, T. kennt alle Bootleg-Platten der Rolling Stones, T. versteht furchtbar viel vom Wein. T. kann sehr anschaulich von Situationen berichten, in welchen sie mit Personen zu tun hatte, die großen Blödsinn erzählten, eigentlich gar nichts dafür konnten, aber eben das Gesamtniveau spürbar senkten. T. erzählt von ihrem Leiden so anschaulich, dass man sofort mitleidet und sich kurzzeitig auf ihrem hohen Niveau wähnt. Später hat man ein wenig Angst, sich selbst gegenüber T. etwas unklar ausgedrückt zu haben, worunter sie möglicherweise ein wenig gelitten haben könnte.

Mit T. spiele ich sehr gerne Federball, ich kann da viel von ihr lernen. T. ist wirklich eine hervorragende Federballspielerin. Sie beherrscht das Spiel seit Zeiten, in denen hier zu Lande noch niemand Badminton dazu sagte, und sie betont gerne, dass sie schon mal viel besser in Form war. Ihre derzeitige Form genügt, mich mit Punktständen zu besiegen, welche ich hier nicht benennen möchte, denn Mitleid will ich nicht. Wenn ich mal einen Punkt erlange, erfährt das zumeist die gesamte Federballhalle, denn in aller Regel ist T. daran schuld. Sie macht hin und wieder Spielfehler. Kaum aber, dass sie einen gemacht hat, ruft sie sehr laut: „Merde!“ (T. spricht auch sonst hervorragend französisch).

Neulich habe ich ein ganzes Spiel gewonnen! T. hat extrem viele Fehler gemacht, und sie hat kein einziges Mal „Merde!“ gerufen. Das hat uns beide verwirrt. Bis T. die Lösung fand: Sie habe sich einfach zu wohl gefühlt. Wohl fühlen und ehrgeizig Federball spielen – das geht nicht zusammen.

Aber warum hat sie sich wohl gefühlt? Hat sie nicht unter ihrer Überlegenheit der vorangegangenen Spiele gelitten? Unterscheidet sich der Sport vom sonstigen Leben so sehr? T. hat lange überlegt, eine passende Stellungnahme Wittgensteins fiel ihr jedoch nicht ein. Schiller fiel ihr ein: Der Mensch sei nur da ganz Mensch, wo er spiele. Wir zuckten die Schultern, hörten auf zu spielen und kleideten uns um.

Federball kann man z.B. in der „Sportoase“ spielen: Moabit, Stromstr. 11 (Tel. 390662-0).

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