Zeitung Heute : Unter nordischen Dächern

Die Nordländer haben beim Bauen ihre Gemeinsamkeiten entdeckt

Falk Jaeger

Ein Spaten mit fünf Griffen wurde eigens angefertigt für den „ersten Spatenstich“, den die fünf Botschafter der nordischen Länder gemeinsam leisteten. Das kuriose Werkzeug ist heute Ausstellungsstück und Symbol für das Zusammenwirken der Nordländer, die ansonsten nicht gerade als eng befreundet gelten. Schweden und Finnland wollten ursprünglich ihre Vorkriegsstandorte im Diplomatenviertel neu beziehen, doch 1994 einigte man sich darauf, das Grundstück auf dem Klingelhöfer Dreieck mit einer gemeinsamen Anlage für die Kanzleien zu besetzen; die Residenzen der Botschafter liegen in Dahlem und Zehlendorf.

Die Gemeinsamkeit wurde auf stupende Art zum architektonischen Manifest, als 1996 der städtebauliche Wettbewerb entschieden war. Die Jury wählte aus 223 Entwürfen die Arbeit der österreichisch-finnischen Architekten Alfred Berger und Tiina Parkkinen aus, die das Verbindende wörtlich nahmen: Ein 15 Meter hohes Kupferband umschließt das Ensemble aus sechs Einzelbauten und gibt ihm eine gemeinsame Erscheinung.

Die nordischen Länder haben sich mit dieser Entscheidung souverän über die damals ziemlich dogmatischen Vorstellungen der Senatsbaudirektion hinweggesetzt. Kein Haus, keine Blockrandbebauung, eine bewegte Bauskulptur steht da am Südrand des Tiergartens, die mit ihrer grünen Lamellenhaut mit den Birken und Ulmen in Zwiesprache tritt.

In dieser wie eine Burgmauer erscheinenden Großform liegen die fünf Kanzleibauten und das gemeinsame „Felleshus“ (Gemeinschaftshaus). An der Südflanke öffnet sich die „Burg“ auf breiter Front gegen die Rauchstraße. Eine Pergola schützt die Eingangssituation, deren Zaun sich allerdings nur zu offiziellen Anlässen öffnet. Der Tageseingang für die Besucher liegt rechterhand im Felleshus. Das Gebäude steht vor dem Botschaftsgelände – sozusagen im exterritorialen Gebiet – und ist offen für das Publikum. Es gibt einen Veranstaltungssaal, ein Kasino und konsularische Räume für die Visumerteilung.

Wie die Länder selbst liegen auch ihre fünf Botschaften innerhalb der Anlage: ganz links an der Südwestseite Dänemark, nordwestlich Island, östlich daneben Norwegen und Schweden und schließlich Finnland am Ostrand. Die Plaza innerhalb des Kupferbandes ist von geometrischen Spuren durchzogen, Wasserflächen symbolisieren das alle Länder verbindende Meer.

Das Gemeinschaftshaus wurde von den Siegern des Gesamtwettbewerbs Berger und Parkkinen entworfen. Sichtbeton, Ahornholz und schwedischer Marmor prägen seine sachliche Architektur und spiegeln die Quintessenz nordischer Baukunst wider. Die lichte Halle mit der einladenden Treppe bietet sich an für den Weg nach oben, um die Ausstellungen oder die Restauration zu besuchen. Das beliebte Kasino wurde bereits umgebaut, um für den Publikumsandrang besser gerüstet zu sein. Über die Mittagszeit ist es den Mitarbeitern der Botschaften vorbehalten. Doch bald schon bildet sich eine Schlange aus Büroangestellten der Nachbarschaft, die Punkt 13 Uhr Einlass finden.

Für die Kanzleigebäude haben die Länder jeweils eigene Wettbewerbe ausgelobt. Bis auf das junge finnische Siegerteam, das direkt von der Hochschule kam, konnten sich jeweils renommierte Architekten durchsetzen. Als ortsansässige Partner traten Pysall Ruge Architekten aus Berlin auf und realisierten alle sechs Häuser und die Tiefgarage.

VIIVA Arkkitehtuuri nennt sich das Büro aus Helsinki, das einen kompromisslosen Bau roher Materialität entwarf. Der Baukörper verbirgt sich hinter einer Holzlamellenhülle, deren einzelne Paneele sich wie Fensterläden öffnen lassen. Im Inneren sind außer viel Glas nur drei Materialien anzutreffen: Sichtbeton für die Wände und Böden, Edelstahl für Treppen und Toiletten sowie Birkenholz für die Türen und den kokonförmigen Besprechungsraum, der im Zenit der Halle schwebt. Das Ambiente ist also nicht gerade anheimelnd – und könnte dazu verleiten, gleich in die Dienstsauna zu entschwinden, die für die Finnen natürlich unverzichtbar ist.

Die Botschafter sind üblicherweise keine glühenden Anhänger rigorosen Designs und bemühen sich seitdem, einen Hauch von Wohnlichkeit in die Räume zu bringen. Ohne Stilbrüche geht das selten ab. Gleich der erste Hausherr hatte die Estrichböden mit Linoleum belegen lassen, was nicht ohne Komplikationen an Treppen, Fenstern und Türen zu bewerkstelligen war.

Nördlich der Finnen schließt sich die „Ostsee“ an, gesäumt von der schwedischen Botschaft. Im Beratungszimmer sitzt man direkt am Wasser. Gert Wingårdh, der Star-Architekt aus Göteborg, hat die im Gesamtplan angelegte Symbolik auf geistvoll abstrakte Weise übernommen: Die unterschiedlichen Fassaden – überlappend montierte schwarze Diabas-Platten aus Brännhult mit grobem Randschlag an der Westfassade sowie heller, fein bearbeiteter gotländischer Norrwange-Kalkstein und Opalglasplatten als Sonnenschutz an der Südseite – sollen „schwedische Materialität“ nach Berlin bringen. Richard Serra gab die Inspiration für die gebogene Kalksteinwand, die den Besucher ins Innere leitet und die Innenwand des Beratungszimmers bildet. Ein Teil kann als tonnenschwere Drehtür geöffnet werden.

Das Foyer, das sich als zentrale Halle in die Höhe entwickelt, strahlt in einem honigbraunen Holzton, der fast physisch Wohlbehagen verbreitet. Die Innenwände sind mit Birke verkleidet, ebenso die Wendeltreppe mit Kalksteinstufen und hölzernen Geländern in wunderbarer Handwerksarbeit. Kleinere Besprechungszimmer und der Balkon des Pausenbereichs schieben sich in verschiedenen Höhen in die zentrale Halle.

Wenn der Botschafter aus dem Fenster seines Büros sieht, fällt der Blick auf den größten Monolithen, der in Berlin zu finden ist. Es ist kein eiszeitlicher Findling, sondern ein vierzehn Meter hohes, vier Meter breites und 140 Tonnen schweres Stück Fjordwand, säuberlich mit Laser ausgeschnitten, nach Berlin geschippert und per Schwerlastkran in den Hof gehievt. Sehr aufregend wirkt der Granitkoloss jedoch nicht, eher matt und unscheinbar. Umso erfreulicher auch hier das perfekte Innenraumdesign von Snøhetta, dem bekanntesten norwegischen Architekturbüro, das jüngst durch die Oper in Oslo Aufmerksamkeit erlangte.

Mit der kleinsten Botschaft ist Island vertreten. Auch der ferne Inselstaat verweist schon mit seiner Fassade auf die Eigenart des Landes. Das Haus ist mit Sandstein verkleidet, der merkwürdige fahlgraue Flecken aufweist. Es sind Lavaeinschlüsse aus vulkanischen Aktivitäten früherer Erdzeitalter. Lavabrocken, von unten glutrot beleuchtet, liegen auch wie zufällig im Lichthof und erzählen Geschichten von glühenden Landschaften. Mehr noch als die anderen Botschaften erscheint das Haus der Isländer wie aus einem Guss, denn der Architekt Palmar Kristmundsson hat nicht nur den Entwurf geliefert, sondern gestaltete eigenhändig alle Details einschließlich der Türklinken und wählte alle Möbel aus.

Die Dänen schließlich haben die Südwestecke besetzt. Es ist das größte Haus, denn hier ist auch die Handelsabteilung des Königreichs untergebracht. Wirken die Fassaden aus perforierten Edelstahlpaneelen nach außen etwas abweisend, öffnet sich im Inneren eine dramatisch inszenierte Halle. Ein langer Treppenlauf – ein „stairway to heaven“ – führt, wenn nicht zum Himmel, so doch hinauf ins Licht und zum Amtszimmer des Botschafters. Um das Architekturerlebnis abzurunden, ist für den Rückweg der gläserne Lift zu empfehlen, von dem aus die Halle mit der haushohen, nach innen geneigten Holzlamellenwand der Büroetagen am besten zu erleben ist. Auch die Kopenhagener Architekten Nielsen, Nielsen & Nielsen, die heute als 3XN firmieren und international höchst erfolgreich sind, sahen sich bei ihrer Arbeit der dänischen Designtradition verpflichtet. Nur die Stucco-Lustro-Verkleidung des Aufzugsturms mutet recht italienisch an. Doch dänische Architekten, so ist zu erfahren, hatten im 19. Jahrhundert eine große Affinität zu Rom und zum Klassizismus, daran mag die mediterrane Putztechnik erinnern.

Dem Rahmenentwurf Berger und Parkkinens, aber auch den architektonisch-kulturellen Gemeinsamkeiten der nordischen Länder geschuldet, zeigt sich das Botschafts-Ensemble trotz unterschiedlicher architektonischer Aussagen als geschlossene Einheit. Im näheren Umfeld des Tiergartenquartiers, aber auch im Gesamtberliner Zusammenhang gesehen, ist es eine attraktive Bereicherung und nicht von ungefähr immer noch Ziel vieler Architekturtouristen.

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