Zeitung Heute : Unter Spannung

Die Energiewende könnte die Existenz vieler Betriebe durch hohe Strompreise gefährden. Doch sie bietet auch Chancen

Runde Sache. Der Ruf nach Energieeffizienz macht Unternehmer erfinderisch. So stellt Volker Zwing mit seiner Teltower Firma Carbon Solutions aus Biomasse flüssige Kohle her. Entwässert und getrocknet kann diese wiederum als Energieträger dienen. Foto: dapd
Runde Sache. Der Ruf nach Energieeffizienz macht Unternehmer erfinderisch. So stellt Volker Zwing mit seiner Teltower Firma Carbon...Foto: dapd

Der Atomausstieg ist beschlossene Sache: In spätestens elf Jahren soll auch das letzte der neun noch produzierenden deutschen Akw vom Netz gehen. Gleichzeitig will die Regierung den Umstieg auf regenerative Energien beschleunigen. Sonne, Wind, Biomasse und Co. sollen stärker als bisher für die Stromerzeugung genutzt werden. Eine Hauptrolle kommt dabei dem Mittelstand zu.

„Trotzdem herrscht bei vielen mittelständischen Unternehmern Unsicherheit vor“, sagt Sebastian Bolay, Energie- und Klimaexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Berlin. Wichtigste Forderung an die Politik sei die Versorgungssicherheit. „Viele Mittelständler müssen bei der Produktion so knapp kalkulieren, dass schon ein Stromausfall von wenigen Sekunden existenzbedrohend ist.“ Gerade in hoch automatisierten Betrieben sei eine konstante Stromspannung unabdingbar.

Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit, Nachhaltigkeit – das sind auch die Forderungen des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) an ein neues deutsches Energiekonzept. „Betriebe und Bürger leiden unter hohen Energiekosten“, sagte BVMW-Präsident Mario Ohoven im Mai anlässlich der Vorstellung eines Positionspapiers zur Energiewende. Die Stromkosten seien in wenigen Jahren um über 40 Prozent gestiegen. Rund zehn Prozent der Gesamtkosten eines Betriebes entfielen heute auf Energie. „Auch wir wollen die Energiewende – aber richtig“, so Ohoven weiter. An die Stelle von Großanlagen in der Hand weniger Anbieter müsse eine lokale und regionale Stromerzeugung treten. So müssten einerseits weniger Stromleitungen gebaut werden, was wiederum die hohen Netzentgelte reduziere. Andererseits profitiere der Mittelstand vor Ort von Bau und Wartung der neuen Anlagen.

Sorgen bereitet die Umstellung auf Ökostrom vor allem den energieintensiv produzierenden Unternehmen, die steigende Strompreise befürchten. Dazu gehören etwa Zementhersteller, die Papierindustrie und Produzenten von chemischen Grundstoffen. Laut Verband Deutscher Maschinen- und Anlagebau wären davon etwa zwei Prozent der insgesamt 41 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland betroffen.

Auf mehr Aufträge dürfen dagegen die Hersteller von Windrädern, Sonnenkollektoren und Biogasanlagen hoffen. Hunderttausende neue Jobs werden entstehen, davon ist Angelika Thomas, Energieexpertin bei der IG-Metall in Frankfurt, überzeugt: „Der Umstieg erfordert Investitionen in die Modernisierung der konventionellen Kraftwerke. Und im Norden entsteht durch neue Offshore-Windparks ein ganz neues Beschäftigungsfeld.“ Schneller als erwartet dürften nun an Deutschlands Küsten neue Industrieansiedlungen und Logistikparks entstehen.

Auch das Stromnetz muss ausgebaut werden, um den auf hoher See gewonnenen Strom in die Ballungsräume im Landesinneren zu transportieren. Die Deutsche Energie-Agentur (Dena) rechnet dafür in den kommenden Jahren mit Investitionen von bis zu 25 Milliarden Euro. Beteiligt am Bau der neuen Stromtrassen sind Betonbauer, für den Rohrbau Tiefbauunternehmen, für die Masten und Leitungen Stahlfabriken, Leitungs-, Seil- und Isolatorenhersteller.

Energieeffizienz lautet ein weiteres Stichwort: Allein durch Maßnahmen wie die Verbesserung der Produktionsprozesse und die Wärmeoptimierung in Fabrikhallen kann Experten zufolge ein Großteil des heute von der Industrie verbrauchten Stroms eingespart werden. Profitieren würden hier die sogenannten Querschnittstechnologien wie Pump- und Kühlsysteme, Gebäudetechnik und Maschinenbauer.

Den Vertrieb für ein Produkt, das durch die Energiewende besonderen Rückenwind bekommt, haben die Gründer von Smiles entwickelt: Als Hersteller und Importeur von Elektrofahrzeugen ist das Unternehmen aus der Kleinstadt Aub bei Würzburg schon seit 20 Jahren aktiv. „Aber das Thema Elektroauto rollt erst seit kurzem richtig an“, konstatiert Vorstand Robert Feldmeier. Die Innovation seiner Firma: Sie baut nicht nur eigene Wagen, sondern verkauft auch die E-Cars anderer Hersteller, die bereits in Serie produziert werden und deshalb erschwinglich sind. So wolle man ein „herstellerunabhängiges Vertriebs- und Servicenetz für Elektrofahrzeuge schaffen.“

Ein Beispiel für die Entwicklung ganz neuer Geschäftsideen ist das Unternehmen Next Kraftwerke, das sich auf die Vermarktung von Ökostrom spezialisiert hat. Durch die Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) wird die Förderung regenerativer Energien ab 1. Januar 2012 neu gestaltet. Anbieter „grünen“ Stroms sollen motiviert werden, Energie vor allem dann ins Netz einzuspeisen, wenn sie auch gebraucht wird. Next Kraftwerke will den Betrieben helfen, ihren Strom direkt an der Strombörse in Leipzig zu verkaufen. Dieses „Marktprämienmodell“ ermögliche allen Herstellern erneuerbarer Energien „signifikante zusätzliche Gewinne“, ist Geschäftsführer Jochen Schwill überzeugt.

Auch Bernd Drouven ist Nutznießer der Energiewende. Aber er macht keinen glücklichen Eindruck. Allein eine größere Windturbine benötigt für Umrichter, Trafo, Generator und Rotorblätter bis zu 8300 Kilogramm Kupfer. Als Vorstandsvorsitzender des weltweit zweitgrößten Kupferherstellers Aurubis kann sich Drouven auf ein florierendes Geschäft freuen. Aber zugleich sind gerade energieintensive Betriebe wie das Hamburger Aurubis-Werk auf billigen Strom angewiesen. Daher sind sie zunehmend besorgt über die hohen Strompreise. EU-Energiekommissar Günther Oettinger sagt, nur Dänemark habe in der EU höhere Preise. Der Preis sei durch 48 Prozent Steuern und Abgaben politikgetrieben. Er warnt vor einer Deindustrialisierung, wenn der Preis nicht sinkt. Letztlich kommt es darauf an, dass der Ökoausbau gleichmäßig verläuft und mit Netz- und Speicherausbau Schritt hält.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar