Zeitung Heute : Unter Wasser, unters Messer

KOMISCHE OPER Barrie Kosky erzählt in Dvoráks „Rusalka“ von einer Nixe, die ein Mensch werden will

UWE FRIEDRICH

Eine Nixe ist die Hauptperson in Antonín Dvoráks Märchenoper „Rusalka“. Komplett mit Fischschwanz will Regisseur Barrie Kosky sie auf der Bühne haben, denn ganz ohne Märchenelemente kann man diese Geschichte nicht erzählen, betont der designierte Intendant der Komischen Oper. Dieser Fischschwanz wird der Nixe allerdings schon im ersten Akt in einer schmerzhaften Operation abgeschnitten. Als Ersatz erhält sie menschliche Beine, damit sie ihrem geliebten Prinzen entgegengehen kann. Eine Art Schönheitsoperation, von der sich die Nixe erhofft, dass sich auch ihr Charakter dadurch verändert: Jetzt soll der Prinz sie endlich lieben.

Ein Fehlkalkulation, wie sich schnell herausstellt, denn in dieser Oper bleiben alle Personen vollkommen alleine mit ihren Wünschen und Sehnsüchten. „Das Stück würde nicht funktionieren, wenn ich es bloß als folkloristisches Märchen erzählen würde“, erklärt Kosky. „Ich möchte aber auch keine platte Gegenwartsgeschichte, in der beispielsweise ein muslimisches Mädchen unbedingt christlich sein will oder ein schwuler Mann auf jeden Fall heterosexuell leben möchte. Das steckt sowieso in der Geschichte drin und jeder im Publikum kann die Parallelen selber herstellen. Jeder kennt doch die Situation: Man wünscht sich sehnsüchtig, einen anderen Körper zu haben, weil man glaubt, dann seien alle Probleme gelöst.“

Schon die erste melancholische Melodie der Ouvertüre verrät dem versierten Operngänger das unglückliche Ende dieses Abenteuers. Im dritten Akt ist Rusalka zurückgekehrt an ihren See, darf aber nicht zurück ins Wasser. Sie befindet sich in einem Zwischenreich, ist weder lebendig noch tot, muss aber den Prinzen durch ihren Kuss töten, falls er zu ihr zurückkommen will. „Dieser todbringende Kuss konnte nur im tschechisch-österreichischen Kulturraum um 1900 eine so bedeutende Rolle haben“, betont Kosky. „Der Prinz will zum Schluss unbedingt, dass Rusalka ihn küsst und dadurch umbringt. Diese Angstlust wäre 30 Jahre früher ebenso undenkbar wie 30 Jahre später. Wir dürfen es uns aber auch nicht so leicht machen zu sagen, es sei bloß eine Männerfantasie des späten 19. Jahrhunderts, denn schon alleine durch Dvoráks Musik ist diese Oper viel mehr als das.“

Für Barrie Kosky ist Rusalka keineswegs das Opfer einer ruchlosen Männerwelt. Vielmehr entscheidet sie sich selber für die verhängnisvolle Operation, obwohl alle Vertrauenspersonen ihr vorher dringend abgeraten haben. Drei Akte lang verfolgt nun das Publikum die schreckliche Liebesgeschichte einer zu allem entschlossenen Frau, die den falschen Mann für sich gewinnen will. Alle anderen Personen sind für den Regisseur bloß Nebenfiguren. Den Chor verbannt er hinter die Bühne, der Wassermann kommentiert resignierend das Geschehen, auch Jezibaba und die fremde Fürstin bleiben im Hintergrund. Im Zentrum steht das Kammerspiel zwischen einem deprimierten Antihelden, der sich nicht geliebt fühlt, und einer rückhaltlos Liebenden. Wenn sie sich zum ersten Mal treffen, gibt es keine langsame Annäherung, sondern der Prinz legt sofort los mit dem vollen Programm der großen Emotionen. „Das ist sehr schwer, das überzeugend zu spielen“, sagt Kosky. „Er ist auf der Suche nach dem ganz Besonderen, dem überwältigend Großen, weiß aber nicht genau, was das sein könnte. Ein einsamer, gelangweilter Aristokrat, der dabei aber nicht böse ist. Er will Rusalka nicht vernichten, er ist in seiner Passivität verloren in jedem Sinne des Wortes.“ Für Kosky ist die Oper so zerbrechlich, so traurig und anrührend, dass sich spektakuläre Bühneneffekte von selber verbieten. „Sehnsucht, Melancholie und Verzweiflung beherrschen diese Liebesgeschichte – alles Laute und Grelle würde sie nur zerstören.“

UWE FRIEDRICH

Premiere 20.2., 19 Uhr

Weitere Vorstellung 26.2., 19.30 Uhr

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