Zeitung Heute : Unterhalten – ganz ohne Niveau

Von Harald Martenstein

Harald Martenstein
Harald Martenstein HP Kontur

Die RTL-Dschungelshow „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ war extrem erfolgreich. Fünf bis sechs Millionen Zuschauer pro Folge. Wieso eigentlich? Den meisten Fernseh- und Kulturkritikern fällt zu dieser Frage nur ein, dass diese Show dumm sei und an niedrige Instinkte appelliere. Ich bin heute mal unhöflich und arrogant. Ich finde, wer so argumentiert, hat nichts kapiert.

Wie funktionierte eigentlich das alte Theater? Durch Katharsis. Das heißt, auf der Bühne werden, stellvertretend für uns im Publikum, die einfachen Gefühle ausgelebt. Böse werden bestraft oder läutern sich, Gute werden belohnt. Der dumme August kriegt eins auf die Mütze. Nach diesem einfachsten, ältesten und wirkungsvollsten aller dramatischen Rezepte lief es in den Komödien jahrhundertelang ab, vom Kasperletheater über die Commedia dell’arte bis zu den Klassikern von Molière. Am lustigsten, schrieb Lessing, sind immer noch Prügeleien auf der Bühne. Die Leute gingen, von Anfang an, ins Theater, um zu sehen, wie die Welt in Unordnung gerät und wieder in Ordnung kommt, wie belohnt und bestraft wird.

Genau nach diesem Rezept läuft es auch in der Dschungelshow, sie ist erfolgreich, weil sie so einfach und klassisch ist.

Zehn Halbprominente wollen Erfolg und Reichtum und sind bereit, dafür, in Maßen, zu leiden und sich lächerlich zu machen. Das Publikum kann dafür sorgen, dass die Unsympathischen, die Wichtigtuer und die Langweiler bestraft werden, sie werden aussortiert, am Ende bekommt, wie im Volkstheater, der sympathischste oder interessanteste Charakter das, was er will. In den spöttischen Kommentatoren Dirk Bach und Sonja Zietlow besitzt das Stück einen antiken Chor. In den Ekelprüfungen, bei denen die Protagonisten in Bottichen voller Würmer versinken, bekommt das Publikum bestätigt, was es sowieso zu wissen glaubt – wer nach oben will, muss bereit sein, sich schmutzig zu machen. Gleichzeitig versöhnen die Ekelprüfungen das Publikum – man ist nicht prominent oder reich, man ist nicht im Fernsehen, aber man muss immerhin keine Würmer fressen. Lust und Ekel sind verwandte Gefühle, und über Missgeschicke lachen die Menschen, seit es sie gibt.

Zehn Leute, die für Geld und um zu siegen im Dschungel durch Würmer waten, kommen mir nicht sinnloser oder sinnvoller vor als elf Leute, die für Geld Bälle in Tore schießen. Wer Fußball, Volkstheater, Zirkus, Molière oder Dschungelshows verurteilen will, darf es gern tun. Aber so jemand weiß halt nicht, was Unterhaltung ist. Ich schaue mir das an. Es ist wirklich niveaulos. Aber ununterbrochen niveauvoll zu sein, ist mir persönlich zu anstrengend. Wer behauptet, er sei immer, in jeder Sekunde, niveauvoll, soll es mir bitte mal vormachen.

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