Zeitung Heute : Unterirdisch trauern

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

David Ensikat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Neulich lag ich auf einem dunklen U-Bahnsteig im Liegestuhl, trank süßen indischen Tee und dachte: Ein Glück ist aus dem 200-Kilometerplan von 1955 nichts geworden. In der Ecke, ein paar Meter vor mir, saß eine jungen Frau, die die Gitarre zupfte und sanfte Popsongs wisperte. Sie sang von dem pain, welcher sie kille, sie sang: open your eyes, sie sang: it’s all for you, oh yeah, yeah, yeah. Bei einem der Yeahs guckte sie mich leidend an, und da konnte ich mich gar nicht mehr übers Misslingen des 200-Kilometer-Plans freuen. Ich machte mir jetzt große Sorgen um die junge Frau in der Ecke des dunklen U-Bahnhofs. Sie sang so schön, aber sie hatte kaum Publikum. Genau genommen, war ich ein Fünftel ihres Publikums, die anderen vier saßen etwas weiter entfernt, ebenfalls in Liegestühlen und klatschten kaum zwischen den Liedern.

Sie chillten. So heißt das, wenn man in düster kitschiger Umgebung rumsitzt, Musik auf sich einplätschern lässt und sonst nichts tut. Am Eingang zum U-Bahnhof hatte jemand gesagt: „Da hinten stehen Liegestühle, nimmste dir einen, haust dich da hin, irgendwo, wo du’s spacig findest, und chillst einfach ’n bisschen.“ Wenn sich so eine junge Frau hinhockt, wo alle nur chillen, und dort plätschernde Lieder singt, dann muss sie sich doch eigentlich nicht wundern, wenn sie keinen Riesenbeifall bekommt. Aber ich hatte den Eindruck, dass die Wisperei immer trauriger und verzagter klang, dadurch irgendwie auch immer plätschernder – irgendwann würde das gesamte Publikum, also alle Fünfe, ich eingerechnet, nur noch chillen und also gar nicht mehr klatschen (Wer so richtig chillt, klatscht nicht, ist ja klar). Ein Teufelskreis, dem ich mich mal lieber entzog, auch wenn das die traurige Sängerin möglicherweise noch viel tiefer hinabziehen würde. Oh yeah, yeahhhhh.

Ich stemmte mich aus dem knarzenden Liegestuhl, gab den Pfandbecher ab, aus dem ich den süßen indischen Tee getrunken hatte, und lief in Richtung Ausgang. Vorbei an Bildern, welche zumeist esotherischen Themen gewidmet sind, vorbei an schimmernden, symmetrischen Fadengebilden, deren Thema der schimmernde Faden ist, vorbei an einer klimpernden Gebläseinstallation mit Tampon-Karussel, vorbei am Klo – doch, doch, es gibt ein Klo auf diesem U-Bahnhof, aber eines, bei dem man nicht recht weiß, ob man dem Klogeruch trauen darf, denn es hängen auch da Bilder an der Wand, und im Vorraum liegt ein Hefter auf einem Tischlein, darin stehen Dinge wie: „Die Toilette ist ein Ort des Müssens und der Muße zugleich.“

Ich lief hinaus, hinauf ins Tageslicht und dachte: Komische Sache, traurig für die junge Frau, gewiss, aber irgendwie auch lustig. Ein Glück, dass sie 1955 ihren 200-Kilometer-Plan nicht umgesetzt haben. Es sollten damals lauter neue U-Bahn-Linien unter Berlin entstehen, so auch die U3 unterm Potsdamer Platz durch. Nun gibt es hier diesen leeren U-Bahnhof, in dem man vom Liegestuhl aus das deprimierendste Yeah-yeah in der Geschichte des Personennahverkehrs erleben kann.

Ausstellung „Fluidum – Schwarzlichtkunst“ im U-Bahntunnel unterm Sony-Center, noch bis 31. Oktober, 14-22 Uhr, Eintritt: 3 Euro.

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