Zeitung Heute : Unterirdische Wunderwelten

Marlis Heinz

"Sonnen"-Untergang. Langsam verlöschen die Scheinwerfer. Finsternis. Eine leise Melodie dringt durch das Dunkel der Grotte. Die Besucher stehen, staunen und gruseln sich vermutlich ein bisschen. Wenig später erwacht der nächste Tag: Der See im "Märchendom" spiegelt eine mystische Landschaft mit Felsen und turmbewehrten Burgen. Die Musik schwillt an.

Sich für die Führungen durch die Saalfelder Feengrotten musikalische Schützenhilfe zu holen, ist nicht vermessen. Immerhin inspirierten die filigranen Landschaften in der Tiefe des Berges auch die Künstler. Siegfried Wagner zum Beispiel, der Sohn Richard Wagners, fand im "Märchendom" die Anregung zu seinem "Tannhäuser"-Bühnenbild für die Bayreuther Festspiele.

Ein Geheimtipp sind die Feengrotten längst nicht mehr. 200 000 Besucher jährlich pilgern durch die Höhlen und Stollen, die seit dem 16. Jahrhundert in die Tiefe getrieben wurden. Die Bergleute förderten Alaunschiefer und als der mit der Industrialisierung nicht mehr gefragt war, machte die Grube dicht. Sie geriet in Vergessenheit und blieb dem formenden Fließen und Tropfen der unterirdischen Gewässer überlassen, bis sie 1910 wiederentdeckt und 1914 als Schaubergwerk eröffnet wurde.

Die Feengrotten sind vermutlich die bekannteste Höhle Thüringens, aber nicht die einzige. Und genau genommen sind sie wie die meisten nicht einmal echte Höhlen, also naturgegebene Hohlräume, sondern aufgelassene Bergwerke. Der Bergbau in Thüringen begann vor etwa 1000 Jahren. Es wurde im Laufe der Jahrhunderte an vielen Orten nach den verborgenen Schätzen der Erde gesucht, man fand und schürfte auch, zumeist Erze, mitunter auch Steinkohle, Flussspat oder Sand. Aber so bedeutsam wie beispielsweise im Erzgebirge, das sogar nach diesem Broterwerb seiner Bewohner benannt wurde, war der Bergbau in Thüringen nie. Und reich ist diese Gegend davon auch kaum geworden. Zumeist überließ man die mühsam ins Innere der Berge gebahnten Wege wieder der Natur. In den längst verschlossenen Stollen experimentierte diese mit Formen und Farben, ungestört vom Bergmann, der sich inzwischen enttäuscht anderen Gewerken gewidmet hatte. Und so entstand im Thüringischen eine Vielzahl unterirdischer Wunderwelten, von denen ein reichliches Dutzend zu besichtigen ist.

Zauberhaftes Glitzern tausender Kristalle von perlmuttartigem Glanz bringt die Besucher der Marienglashöhle von Friedrichroda zum Staunen. In der Sandsteinhöhle Walldorf (bei Meiningen) spaziert man wie in den Poren eines riesigen Schwammes durch die Hohlräume, die im 19. Jahrhundert nach dem Abbau feinkörnigen Sandes zurückblieben. Die Morassina (bei Schmiedefeld) ist ähnlich den Feengrotten durch den Alaun-Abbau entstanden und besticht ebenfalls durch ihre Farbenpracht. Weltweit einzigartig darf sich das Kali-Bergwerk Merkers bei Bad Salzungen nennen, das durch die Kaliförderung entstand. Hier sind Kristalle mit einer Kantenlänge bis zu einem Meter zu bestaunen. Wer die sehen möchte, muss allerdings mit einem Förderkorb 500 Meter und mehr in die Tiefe und wird dort unten mit Mannschaftswagen auf einem Straßennetz von Hunderten Kilometern von einer Sehenswürdigkeit zur anderen umhergefahren. Und dann wären da noch die Goetz-Höhle Meiningen, die Parkhöhle von Weimar, die Barbarossahöhle ... Höhlen-Freaks müssen sich also ihren Thüringen-Urlaub nicht vom Sonnenlicht verderben lassen.

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