Zeitung Heute : Unterm gnädigen Schutz des Generals

„Ich kann mit 200 Mann hier nicht Sicherheit aufbauen“, sagte Oberst Baur. Am Samstag reiste der Verteidigungsminister zu ihm nach Kundus. Das Vertrauen der Afghanen gewinnen die Soldaten, indem sie Brunnen bohren. Und Struck stattete Militärchef Mohamed Daud einen Besuch ab.

Robert Birnbaum[K] us

Die Sonne scheint warm und milde auf die lehmverschmierten Ziegelmauern rund um das alte Bauerngehöft, und sie bescheint auch zwei junge Männer, genussvoll hingestreckt auf Plastikstühlen. Ein Bild des Friedens an diesem Vorfrühlingstag im Tal von Kundus; ein wenig irritierend bloß ein paar Details: die fleckigen Tarnanzüge zum Beispiel, das rote Fallschirmjäger-Barrett, zu schweigen von Panzerweste, Funkgerät, Pistole, Gewehr. Peter Struck muss leicht grinsen, als er um die Ecke biegt und das martialische Idyll sieht: „Hört mal, seid ihr in Urlaub oder was?“ Man könnte auf den Gedanken schon kommen. Man kann überhaupt auf Gedanken kommen an diesem Samstagnachmittag im Nordosten Afghanistans. Dass 215 deutsche Soldaten nicht zur Sommerfrische hier kampieren, ist schon klar. Bloß – wofür eigentlich ist die Bundeswehr in Kundus?

Man bekommt auf diese Frage eine ganze Reihe recht unterschiedlicher Antworten. Aber um sie zu verstehen, muss man vielleicht erst einmal einen Vormittag in der usbekischen Hauptstadt Taschkent ein paar Stunden wartend verbracht haben, bis endlich einer sagt: Wir fliegen. Später, nachdem die Propeller der Transall über tief verschneite Viertausender hinweggedröhnt sind, nach dem kurvenreichen Landeanflug auf ein rumpeliges Flugfeld, und wenn dann die Heckklappe der Transportmaschine aufschwenkt und den Blick freigibt auf einen ausgebrannten VW Käfer am Rande der Piste und ein Großaufgebot von Fallschirmjägern und Scharfschützen auf dem Dach des halb verfallenen Towers, später dann also mag man sich schon die Frage stellen, ob es wirklich nur das Wetter war, das den Besuch des Bundesministers so viel kürzer ausfallen lässt als geplant.

Politik der Symbole

Wie der Bus wohl vor langen, langen Jahren den Weg aus München hierher gefunden hat? „Mit uns Reisen“ steht an den Seiten. Jetzt balanciert er in Schlangenlinien zwischen Schlaglöchern über die Nationalstraße 2, der in Deutschland auf der Stelle sogar die Zulassung als Feldweg entzogen würde. Draußen zieht eine Löß-Landschaft vorbei, flache Felder, ein paar Anhöhen, dahinter eine Hochfläche. Noch ist alles lehmig braun. Aber erste grüne Halme sprießen aus dem Boden. Der Weizen ist ausgesät. Wenn er abgeerntet ist, wird der Reis kommen. Bauern mit Eselskarren ziehen vorbei. Der fette Lehmboden in den Flusstälern der Provinzen um Kundus ist die Kornkammer Afghanistans. Mohn wächst nur auf magerem Boden. Dort gedeiht er gut. Aber das ist anderswo. Wo? „Da wir nicht suchen, sehen wir nichts“, wird später der Oberst Klaus Schiebold die amtliche Linie formulieren, er hat drei Monate lang das deutsche Camp aufgebaut.

Dafür gedeihen heute entlang der Nationalstraße 2 die Soldaten des 6. Afghanischen Korps des Generals Daud. Alle paar Meter steht einer, die Kalaschnikow präsentiert, die braune runde Kappe der Massud-Kämpfer auf dem Kopf. Massud war der Held des Nordens. Seitdem seine Gegner ihn bei einem vorgetäuschten TV-Interview mit einem Sprengsatz in der Kamera umgebracht haben, hängt sein Bild überall. Daud war sein Militärchef. Darum ist er jetzt hier der starke Mann am Ort, von langer Hand gelenkt durch Mohammed Fahim, Verteidigungsminister in Kabul.

Das ist, jedenfalls im Groben, die Konstellation der Macht. Im Feinen ist es viel komplizierter, der neue deutsche Kommandeur Ferdinand Baur wird später von einem „ausbalancierten friedlichen Miteinander“ sprechen, einem „sehr zerbrechlichen“ obendrein. Daud, ein junger Mann von Anfang, Mitte 30 mit schwarzem Bart und schwarzem, langem Mantel, hat den deutschen Minister am Flughafen empfangen. Und er hat ihn, an den vielen Soldaten vorbei, erst mal unprogrammgemäß zu seinem Hauptquartier geführt. Womit schon mal klargestellt wäre, wer in Sachen Sicherheit auf wen angewiesen ist. Politik ist in Afghanistan oft Politik der Symbole.

Oberst Schiebold trägt einen strammen weißen Bart und Oberst Baur einen schmucken schwarzen. Ohne Bart, sagen der scheidende und der neue Kommandeur, ist der Deutsche für den Afghanen kein Mann. Ohne „Langwaffe“, sagt der Presseoffizier, ist er es auch nicht. Die „Langwaffe“ ist aber auch so ungefähr das Bedrohlichste, was die fünf Hektar große „Isaf-Insel Kundus“ zu ihrem Selbstschutz aufzubieten hat. Auch kein Panzer weit und breit, nur Jeeps und ein paar Unimogs. Ein Umstand, der der FDP-Bundestagsabgeordneten Helga Daub schweres Unbehagen bereitet. Frau Daub ist gerade auf dem Weg ins Camp mächtig zusammengezuckt, als ein Afghane plötzlich von der Seite auf die Besucher zusprang: „Ich dachte, jetzt ist es soweit!“ Baur ist ein diplomatischer Militär. Also erklärt er für die Frau Daub noch einmal, wie das so ist mit der Sicherheit der Bundeswehr in Kundus.

Es ist ziemlich kompliziert und zugleich ziemlich simpel. „Ich kann mit 200 Mann hier nicht Sicherheit aufbauen“, sagt Baur. Also entsteht Sicherheit aus Netzwerken, aus Verbindungen, aus Informationen. Zwei-, dreimal die Woche fährt ein Dutzend Soldaten im Konvoi von zwei, drei, vier Fahrzeugen in die vier Provinzen Kundus, Baghlan, Badachschan und Tachar. Sie erkunden die Gegend, und sie reden mit den Dorfältesten. Wie ist die Lage? Alles ruhig bei euch? Die etwa 2000 verbliebenen Taliban-Anhänger im Griff? Anschläge hat es im Nordosten bisher nicht gegeben. Aber in irgendwelchen Erdlöchern in den Bergen liegt mit Sicherheit jede Menge Munition und Schießgerät bis hin zur Schulter-Lenkrakete gegen Flugzeuge. Ach, und übrigens – sollen wir diese kaputte Brücke vor eurem Dorf reparieren?

Klar, dass die Dorfältesten nicken. Dann repariert die Bundeswehr. Wenn sie das nächste Mal kommt, sind die Dorfältesten wahrscheinlich noch ein bisschen mehr zum Reden bereit. Knapp 60 solcher Gesprächskontakte gibt es inzwischen regelmäßig. Sicherheit als Verhandlungssache, kleine Geschenke per Brücken- und Brunnenbau eingeschlossen. „Quick Impact Project“ heißt so ein Vorhaben im Einsatzkauderwelsch, Projekt mit schneller Wirkung, Kostenobergrenze 2500 Euro. Die hat nichts mit Strucks knappem Etat zu tun, sondern mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit der Kollegin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Das fand den Militäreinsatz nicht gut. Nun, man hat sich arrangiert. Der Grünen-Abgeordnete Winni Nachtwei ist sogar regelrecht begeistert darüber, dass hier erstmals vier Bundesministerien – Auswärtiges Amt und Innenministerium mit der Polizei kommen dazu – „an einem Strick ziehen“. Auch wenn die Häufigkeit, mit der in Kundus alle Soldaten versichern, sie seien „kein Konkurrenzunternehmen“ zu den zivilen Helfern, den Verdacht nährt, dass die Liebe so richtig tief nicht geht. Die Militärs betonen auch, dass diese Quick Impact Projects immer dem Auftrag Sicherheit dienen: Über kaputte Straßen und Brücken kommen auch Soldaten langsamer voran.

Wir halten also für unsere Eingangsfrage schon einmal als erste Antworten fest: Die Bundeswehr in Kabul produziert Sicherheit für sich selbst. Und sie beweist, dass deutsche Bundesministerien zusammenarbeiten können. Womit wir bei der Frage wären: Produziert sie Sicherheit auch für die NGOs? „Endschious“, wie sich das im Kauderwelsch der Nothelfer-Gemeinde spricht, im Deutschen übersetzt als „Nichtregierungsorganisationen“, sind alle von der privaten Ärzteinitiative bis zur großen Deutschen Welthungerhilfe. Besonders Letztere wird nicht müde, den Militäreinsatz in Kundus überflüssig zu nennen. Wenn man Oberst Baur glaubt, hat sich das bis zu deren Vertretern am Ort nicht herumgesprochen. Ja, die NGOs seien anfangs sehr skeptisch gewesen. „Inzwischen sagen alle: Gut, dass ihr da seid“, sagt Baur. Auch die Welthungerhilfe? „Gerade die!“

Und wie geht es nun also weiter? Demnächst wird die Isaf-Insel Kundus größer werden, 75 Hektar auf einer Hochfläche, zwölf Millionen Euro Baukosten für das neue Camp. Und der Hauptmann Jürgen Oberbossel hat in seinem Büro schon den Umbauplan für das Haus, das er und sein Major gerade in Taloqhan gekauft haben, 75 Kilometer oder zweieinhalb Fahrstunden entfernt. Zwölf Mann soll der erste Außenposten am Ende beherbergen.

Leben ohne Mohn

Aber worauf das alles hinausläuft? Es gibt Leute wie die Frau vom Entwicklungsdienst, die den Kopf schütteln über Peter Strucks Provinz-Wiederaufbauteam (PRT). Im friedlichsten Teil des ganzen Landes, unter dem gnädigen Schutz des General Daud, der gut erkannt hat, dass die Bundeswehr der Preis für all die Aufbauhilfe ist – „ja wie soll denn das die Autorität der Zentralregierung erhöhen“? Und wo denn überhaupt der Plan sei, wie das alles weitergehen soll? Es gibt andere Leute wie die Obersten Schiebold und Baur, die sich ihrer militärischen und politischen Grenzen sehr bewusst sind – in anderen Landesteilen würde es so nicht funktionieren – und die es doch für möglich halten, dass ein Vorbildeffekt entstehen könnte nach zwei Jahrzehnten Bürgerkrieg. Ein Beispiel, wie man leben kann ohne Mohn. Oder jedenfalls nicht nur mit Mohn. „Die Leute wollen die Drogen nicht“, sagt Baur. Die wollten friedlich ihr Land bestellen. „Die gieren nach unserer Hilfe!“

Und es gibt Leute wie den Fallschirmjäger-Offizier, der mit dem Fernglas den Horizont absucht, weil gleich der Minister hier vorbeikommt. Die Truppe aus dem niedersächsischen Varel kennt die Welt der Landesverteidigung am Hindukusch: In Kabul war sie, auch in Bosnien, im Kosovo. Fallschirmjäger sind nüchterne Menschen. Dieser General Daud, der habe das ja wohl alles im Griff. Und solange man es sich mit dem nicht verderbe – alles bestens. „Hoffentlich kommt bloß keiner auf die Idee, dass wir hier Drogenbekämpfung machen sollen“, sagt der Mann. „Dann können wir sofort gehen.“ Aber sie sollen ja noch bleiben. Wie lange? „Jahre“, sagen alle, die sich auskennen. Der Fallschirmjäger-Offizier hätte nichts dagegen. Gemessen an Kabul und Prizren, sagt er, ist es gar nicht übel auf der Isaf-Insel Kundus. Vielleicht, weil dieser Einsatz so ein Widerspruch in sich ist: Die Bundeswehr – eine NGO mit Langwaffen.

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