Zeitung Heute : Unterm Pantoffel

In einer Gelsenkirchener Schule tragen die Kinder Hausschuhe – sind sie deshalb so friedlich?

Jeannette Krauth[Gelsenkirchen]

Ein kleiner Garten, zwei barfüßige Mädchen darin. Eine gießt den Johannisbeerstrauch, die andere steht nur da und schaut auf den kleinen Baum, der mal Äpfel tragen soll, bisher aber nicht größer ist als die Siebtklässlerin selbst. Eine dritte eilt durch die Terrassentür hinaus, streift sich noch Pantoffeln ab, in der Hand hält sie eine Sprühflasche Glasreiniger. Ein Mittag in einer Schule. Im Garten der 7B. Heute ist Elternsprechtag, die Mädchen haben jetzt frei. Es gibt heute keine Schulstunden mehr, sie machen auch keine Strafarbeit. Sie könnten nach Hause gehen, statt Tische zu wischen und Büsche zu gießen.

Die drei sind Schülerinnen der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck. Diese Schule hat es zur Berühmtheit in Deutschland gebracht unter dem Namen „Pantoffelschule“, weil die Jugendlichen hier im Unterricht Hausschuhe tragen – und es heißt, dass sie deshalb weniger gewaltbereit sind, dass es hier keine Schläger gibt.

Deutschland diskutiert über Schulkleidung, über Möglichkeiten der besseren Integration, über Gemeinschaftsgefühl, das sich über gleiche Pullover einstellen soll. Vielleicht braucht es das ja gar nicht, sondern nur eine Hausschuh-Pflicht?

Die Schule liegt in einem Stadtteil, der gutbürgerlich aussieht, mit seinen Reihenhäusern und begrünten Plätzen. Es ist nicht zu sehen, dass hier 40 Prozent aller Menschen arbeitslos sind, dass der „Stern“ vor einigen Jahren noch über den Stadtteil Bismarck schrieb: „Wer hier geboren wird, hat verloren.“ Man sieht, dass Gelsenkirchen zehn Jahre lang Geld in diesen Bezirk gesteckt hat.

Die Gesamtschule selbst ist auch kein gewöhnlicher Gebäudeklotz. Vor dem Eingang liegt ein halbrunder Platz mit einem Holzhäuschen und einem Teich. Die Schule ist ein Ensemble aus bunt verputzten und hölzernen Bauten, verbunden durch Wege aus Tonsteinen, man geht unter Pergolas hindurch, an Gärtchen vorbei. Ein buntes Feriendorf, so wirkt es.

Aber zurück zur Geschichte mit den Pantoffeln: Eigentlich ist daran das Wetter schuld und ein paar Bauarbeiter. So erzählt das der didaktische Leiter der Schule, Martin Weyer-von-Schoultz. Dem huscht ein Grinsen über das Gesicht, wenn man ihn nach dem pädagogischen Trick fragt. „Eigentlich war das ein Zufall“, sagt der 43-Jährige. Die Schule wurde nach und nach gebaut, über sechs Jahre, bis 2005, und „bei dem rheinischen Schmuddelwetter haben die Kinder dann den ganzen Dreck in die Klassenzimmer getragen.“ Da kam man auf die Idee, sie Hausschuhe tragen zu lassen.

Die Idee passt sehr gut in das Schulkonzept der Gesamtschule. In Gelsenkirchen setzte man wie Alfred Hinz, der das Vorzeige-Ganztagskonzept „Bodenseeschule“ in Friedrichshafen entwickelt hat, auf die vier „Rs“, die Kinder brauchen: Raum, Regeln, Rituale und Reviere. Das wird vor allem in der Architektur der Schule deutlich. Ein Haus beherbergt jeweils sechs Klassen. Jede Klasse hat ihren eigenen Eingang, einen Flur, ein Klassenzimmer, von dem aus es direkt in den klasseneigenen Garten geht, und eine Empore, auf der Sofas stehen, Kickertische, Bücher und Spiele. Von der 5. bis zur 10. Klasse bleiben die Jugendlichen in ein und derselben Räumlichkeit. „So fühlen sie sich heimisch und verantwortlich“, erklärt Weyer-von-Schoultz. Die ersten Klassen hätten zu Baubeginn sogar mitentscheiden dürfen, wie ihr Baumodul aussehen soll: Ob es eine Terrasse oben auf der Empore bekommt oder lieber ein verwinkeltes Dach mit Kuschelecken.

Was sich unglaublich luxuriös anhört, hatte einen Kubikmeterpreis von 262 Euro, die Schule besitzt eine Gesamtfläche von 16 179 Kubikmetern. „Unverputzter Waschbeton, heimische Hölzer – wir haben einfachste Materialien und Fertigbauweise genutzt“, erklärt der Schulleiter den günstigen Preis.

Und die Pantoffeln? Die gehören zum Prinzip, dass die Schüler vor dem Unterricht ihr Alltagsleben ablegen. Der Flur vor jedem Klassenzimmer dient als eine Art Schleuse. „Wenn da ein großkotziger Junge mit Kaugummi im Mund, Handy an, Baseballkappe auf und eingestöpseltem MP3-Player ankommt, muss er diese Fassade vor der Klasse ablegen“, sagt Weyer-von-Schoultz, „Unterhaltungselektronik und Statussymbole zählen hier nicht mehr, ich sag den Kids dann: Tu das Geschmeide weg, das will ich hier nicht haben“. Der Unterricht ist Job, der Lohn ist Großzügigkeit.

Die Höhepunkte von Gewalt und Vandalismus dieser Schule befinden sich im Schrank von Martin Weyer-von- Schoultz: die einzige konfiszierte Waffe bisher – ein Gasspray zur Selbstverteidigung. Die höchste Form der Zerstörung findet sich auf den Schreibtischen einer zehnten Klasse, oben auf deren Empore: „Kai ist ein Affe“ ist dort eingeritzt in die Tischplatte. Was für zahme Worte! Und das in einer zehnten Klasse. Da ist es ja geradezu beruhigend, dass vor dem Schuleingang drei Jungs stehen, die nach ganz normalen Teenagern aussehen. Der eine trägt eine steife Hip-Hop-Schirmmütze, alle Turnschuhe, und sie lachen, als sie hören, dass der Ruf der Pantoffelschule bis nach Berlin gedrungen ist. „Ab der sechsten Klasse fangen eh alle an, sich dagegen aufzulehnen“, sagt Timo, der mit der Mütze, 18 Jahre alt ist er, „ und irgendwann zieht man die eben nicht mehr an.“ Aber die Schule, die wäre schon prima, nur einmal sei einem Schüler der Arm bei einer Prügelei gebrochen worden. Im Teich vor der Schule glänzen die Goldfische.

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