Zeitung Heute : Unterm unheimlichen Himmel

NAME

Von Christine-Felice Röhrs, Überlingen

Die Eltern sind da. Seit zwei Tagen und zweieinhalb Nächten wissen die Mütter und Väter aus Baschkirien, dass ihre Kinder tot sind. Jetzt ist Donnerstag, und die Eltern sind in Friedrichshafen eingetroffen, mit einer Sondermaschine. 140 Angehörige seien es, heißt es. Sie tragen Schwarz. Und Kränze. Einer hat Feldblumen aus der Heimat mitgebracht, weil seine Tochter die geliebt hat. Später, bei einer improvisierten Trauerfeier am zerborstenen Heck der abgestürzten Tupolew, wird er sie niederlegen.

Das erzählen sich die Menschen in Überlingen an diesem Tag, und es scheint, als würde die Unruhe im Bodensee-Städtchen noch einmal zunehmen. Kaum einer wird sie wirklich zu Gesicht bekommen, die Eltern der toten Kinder, sie werden abgeschirmt. Aber die Überlinger wissen, dass sie da sind, dass sie im Krankenhaus in Friedrichshafen einen gekachelten OP werden betreten müssen, oder einen Kühlkeller, dann wird man Laken zurückschlagen, und die Eltern müssen helfen, ihre Kinder wieder zusammenzusetzen.

Mittwoch. Zwei Tage nach dem Unglück. Von seiner Terrasse aus hat Raimund Wilhelmi einen schönen Ausblick. Wie blauer Satin glänzt der Bodensee in der Sonne, es duftet nach frisch gemähtem Gras, und ein Apfelbaum trägt winzig kleine Früchte. „Eine echte Heillandschaft ist das hier“, sagt Wilhelmi. Er ist Chef der Buchinger Klinik, eines großen Gesundheits-Instituts. Die Menschen kommen zum Fasten her. Sie haben Bluthochdruck, zu viel Fett auf den Rippen oder Stress. Sie sollen entspannen. Angst und Schrecken ziehen in dieses Haus erst am Donnerstagabend ein - wenn sieben Zimmer mit Angehörigen der Todesopfer belegt werden, vielleicht. Die Stadtverwaltung hatte angefragt: Könnt ihr sie unterbringen? Natürlich, hat Wilhemi gesagt, er möchte helfen, auch aus dem Wissen heraus, dass Überlingen grenzenloses Glück gehabt hat.

Metall, zerknittert wie Papier

Überlingen, das ist eine Feriengegend. Ein großer Teil der Stadt lebt vom Tourismus. Etwa 576 000 Übernachtungen werden jährlich gezählt, damit ist Überlingen Spitzenreiter am See. Trotzdem ist dies kein allzu geschäftiger Ort. In Überlingen ziehen vor allem die Kliniken, die Sanatorien und Kurheime viele Menschen an. Die Gesundheitsfarmen ballen sich hier am nordwestlichen Ufer, im einzigen Kneippheilbad in ganz Süddeutschland, das auch „Klein-Nizza am Bodensee“ genannt wird. Beschaulich ist Überlingen, freundlich und tolerant. Dies ist eine Stadt, in der sich grüne, liberale, konservative und sozialdemokratische Politiker in ihrer Freizeit ein kleines Schiff teilen, was dann interfraktionelle Bootsgemeinschaft genannt wird. Im Kurpark spielen alte Männer Schach. Und in der Stadt sitzen die Menschen in Cafés unter Balkonen mit herabflutenden Geranien und bewundern die mittelalterliche Kulisse.

Man könnte meinen, die Menschen in Überlingen seien stabil, gesunde Naturgeschöpfe, und dass all die Schönheit um sie herum ihre Seele gestärkt hat. Aber es ist gerade anders herum, hat Überlingens Oberbürgermeister Volkmar Weber an einem dieser Tage nach dem Unglück gesagt: „Die Überlinger sind ein eher bedächtiger Menschenschlag, sie sind an Katastrophen nicht gewöhnt und brauchen länger zum Verarbeiten. Und vergessen Sie nicht: Hier wohnen überdurchschnittlich viele alte Menschen.“ Sie haben schon einiges erlebt im Leben, wird Weber wohl gemeint haben, und nun kracht die Katastrophe in den Ort, wo sie einen friedlichen Lebensabend verbringen wollen.

Taisersdorf. Ein abgeschiedener Weiler. Er gehört zu Owingen, der Gemeinde, die am stärksten vom Unglück betroffen ist. Nur um Haaresbreite haben die Trümmer hier die Gebäude verschont: im Ortsteil Brachenreuthe eine Schule; in Aufkirch das Haus des Golfclubs Lugenhof. In Taisersdorf also ist die Boeing abgestürzt, fast senkrecht in ein abschüssiges Waldstück. Zerzauste und verkohlte Zweige und Baumrinden liegen bis hoch hinauf zur Straße, sie müssen wie Peitschenschnüre durch die Luft gezischt sein. Am Hang der Flugzeug-Rumpf, rot-weiß. Das Metall ist zerknittert wie Papier, und die weißen Fetzen im Unterholz sind Briefe, die nun nicht mehr zugestellt werden.

Barbara Beck lebt hier, nur 150 Meter weiter einen grasbewachsenen Hügel hinauf in einem alten Haus. Der gelbe Anstrich blättert schon ab, hinten im Hof hockt sie an diesem Tag, eine schmale Frau in einem orangefarbenen Kleid, barfuß und Baby Rahel in einem Tragetuch vor der Brust. Sie zeichnet etwas auf ein Stück Pappe, das die Kinder nachher ausschneiden sollen. Ein kleines Mädchen guckt zu, blond, die bloßen Beine in Gummistiefelchen. Die Kinder haben kaum etwas mitbekommen von dem Doppelknall in der Nacht auf Dienstag: vom Donnergrollen des Zusammenstoßes und dann vom Feuerwerk des Aufpralls der Boeing. Aber Barbara Beck hat an der Babywiege gestanden und geweint, vor Schreck und Erleichterung, dass ihrer Familie nichts passiert ist.

Barbara Beck hat sich viele Gedanken gemacht. Wie in einen Eimer sei das Flugzeug gefallen, sagt sie: Der Wald habe die ganze Wucht der Explosion aufgefangen. Drei-, viermal höher als die Baumkronen hätten die Flammen geschlagen, sie hat es vom Schlafzimmerfenster aus gesehen. Wenn der Wald nicht gewesen wäre, dann wären ihr die Trümmer aufs Dach geschleudert worden, ins Haus, in die Kinderbetten. Ob der Pilot vielleicht doch noch hat steuern können, wohin seine Maschine stürzt? Barbara Beck hat für ihn gebetet. Nicht viele denken hier auch an die Erwachsenen, die ums Leben gekommen sind.

Grausiger Fund

Auch manches andere geht der 34-Jährigen durch den Kopf. Wie oft Menschen derartige Unglücke sogar absichtlich inszenieren, wie viel Böses doch den Menschen zuzutrauen ist, wie wichtig es deshalb ist, überall Frieden zu schaffen. Noch sind die Gedanken ungeordnet. Aber es wird wohl darauf hinauslaufen, dass sich die Ex-Bio-Gärtnerin, die Ex-Demonstrantin, die lange nur Mutter war, bald wieder mehr engagieren wird für das, woran sie glaubt. In Taisersdorf führt die Dankbarkeit, verschont worden zu sein, zum Aufbruch. Aber hier liegen ja auch keine Kinderleichen im Wald.

In Owingen ist die Stimmung anders. Zehn Minuten nur sind es mit dem Auto vom Absturzort der Boeing zur Gemeinde, in der die meisten Trümmerteile der Tupolew verstreut liegen. Man spürt, dass sich etwas verändert, schon weit vor dem Ortseingang, da, wo das Heck mit den drei Turbinen heruntergekommen ist. Schwärzlich ragt es aus einem gelben Feld. Es stehen ein paar Zuschauer am Weg, alles Anwohner. Andere dürfen hier nicht hin, fast alle Straßen sind gesperrt. Nur Polizeibusse fahren an den Ackerrändern entlang, es ist gespenstisch leblos. Auch in Owingen selbst ist es still. Die Menschen bleiben im Haus, viele sind nicht zur Arbeit gegangen. Die Kindergärtnerin Heike Drexler hat am Dienstag nach nur zwei Stunden mit ihren quirligen Schützlingen ihren Vater angerufen: „Papa, komm mich holen“, hat sie gesagt, „ich kann nicht mehr.“ Das Kichern der Kinder, ihre Blicke, haben sie daran erinnert, was im Wald liegt.

Im Ratssaal warten Pfarrer Reinhard Schacht und Psychologen vom Kriseninterventionsteam auf Dorfbewohner, die sich aussprechen möchten, denn hier haben fast alle Einwohner irgendetwas aufgelesen in ihren Gärten: Dämmmaterial, Gepäck, Finger, Ohren, Beine. Marlies Schächter vom Sägewerk müsste eigentlich hierherkommen. Sie will aber nicht. Marlies Schächter hat das tote Mädchen gefunden.

Feuer im Sägewerk, hatte Marlies Schächter zuerst gedacht. Montagnacht, gegen 23 Uhr 40, nach dem Knall. Brennt das Holz? Aber dann hatte sie gesehen, dass das Feuer 200 Meter weiter oben wütete, im Fahrwerk der Tupolew. Trotzdem haben sie alle Holzstapel nach Glutnestern durchsucht. Auch die auf dem Platz neben der Sägehalle. Und da lag er, der Turnschuh. Marlies Schächter hat zuerst nach rechts und links geguckt. Dann, ganz langsam, nach oben. In dem Baugerüst für die Dachdecker hing ein Körper, wie eine verdrehte Gliederpuppe. „Er hatte gar keine Haut mehr“, sagt Marlies Schächter und schlingt die Arme fest um sich. „Nur, weil da lange Haare waren, habe ich erkannt, dass es ein Mädchen ist.“

Den ganzen Dienstag noch ist das Mädchen im Gerüst geblieben, bis die Spezialkräfte kamen. Es war wie ein Magnet. Marlies Schächter, eine drahtige, blonde Frau mit Fältchen um die braunen Augen, hat immer wieder hinsehen müssen, auf die Plane, bei ihren Wegen durchs Sägewerk. Sie hat gearbeitet. Natürlich. Nur wer stehen bleibt, fängt an zu denken. Vielleicht will sie auch deshalb nicht zu Pfarrer Schacht. Denken müssen. Reden müssen. Lieber nicht. Die Familie hilft, sagt sie mit fester Stimme. Aber an die Eltern des Mädchens, an die muss sie immer wieder denken, „immer wieder“, sagt sie, und nun schießen ihr doch die Tränen in die Augen.

Das Mädchen vom Baugerüst. Noch liegt es im Goldbacher Stollen wie alle anderen Leichen, bis sie nach und nach zur Obduktion ins Friedrichshafener Krankenhaus gebracht werden. Goldbach ist ein Ortsteil von Überlingen, eingebettet in saftig-grüne Weinberge. Den Stollen haben 1944 KZ-Häftlinge ins Gestein treiben müssen. Hitler hat hier seine Geheimwaffe, die V2-Rakete, bauen wollen. Das ist Goldbach erspart geblieben. Die toten Kinder nicht. Die Menschen, die über die Straße gehen, schauen nicht in Richtung des Stollens, obwohl der doch mitten in der Stadt liegt, beim Campingplatz; sie wollen Rücksicht nehmen. In Goldbach sollen auch die zehn russischen Experten schon gewesen sein, um Gespräche zu führen mit den 80 BKA-Beamten, die drinnen versuchen, die Überreste einander zuzuordnen. Aber keiner hat sie wirklich gesehen, die ausländische Delegation, keiner kann sie beschreiben.

Kuchenbacken für die Hilfskräfte

Die Russen bewegen sich fast wie Geister durch die Stadt. Nie sind sie dort, wo man sie angekündigt hat. Einmal sieht man sie von ferne laufen, Mittwochmittag in Überlingen, die Seestraße hinunter Richtung Hotel Ochsen. Drei Herren, klein, vierschrötig, grau gekleidet. Sie reagieren nicht, wenn man sie anspricht. Ein Nachzügler hält kurz an, ein massiger Mann im schwarzen Anzug, der russische Generalkonsul Sergej Netschajew. „Das russische Volk trauert“, sagt er. In seiner Delegation von hochrangigen Beamten soll einer dabei sein, der selbst eine Tochter verloren hat. In einer Zeitung gab es ein Bild, wie dieser Trauernde mit auf die Oberschenkel gestützten Ellenbogen dasitzt, das Gesicht in den Händen vergraben.

Mittwochnachmittag steht er vor dem Polizeiquartier im blauen Anzug und brüllt in sein Handy. Der, der neben ihm steht, mit hängenden Schultern, soll der zweite Angehörige sein, der schon vorzeitig eingetroffen ist. Der, der Frau und zwei Töchter verloren hat, fünf und 14 Jahre alt. Es ist ein kleiner Mann. Brauner Anzug, braunes Hemd, zu warm für das Wetter, er merkt es nicht, starrt abwesend zu Boden.

68 Tote sind bis Donnerstagnachmittag gefunden. Am Susobrunnen in der Hofstatt, dem Überlinger Marktplatz, liegen Blumensträuße, und die Seiten des Kondolenzbuchs im Rathaus sind fast alle voll. Beim Bürgermeister klingelt das Telefon Sturm, die Leute wollen Kuchen backen für die Hilfskräfte. Die Touristen bleiben. Keine Abreise, keine Stornierungen, meldet das Fremdenverkehrsamt.

Nun sind die Eltern da. Immer hat man sich auf den Himmel über Überlingen verlassen können, er hat Regen im Frühling gebracht für den Wein und die Äpfel und Sonne im Sommer für die Touristen. Jetzt sind die Kinder herniedergestürzt. Und erstmals ducken sich die Überlinger unter ihrem Himmel.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben