Zeitung Heute : Unternehmen Donnerschlag

Deutsche Terroristen entführen 1976 ein Flugzeug mit Touristen, Endstation: Entebbe in Uganda. Sie sortieren Juden aus, um sie zu erschießen. Da starten in Israel Soldaten zur Geiselbefreiung.

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Von Marcus Franken Selbst durch das Megafon klingt Wilfried Böses Stimme noch irgendwie beruhigend. „Ich werde jetzt die Namen der hier Anwesenden verlesen“, sagt er. Böse gilt als der Gründer der deutschen „Revolutionären Zellen“. Zusammen mit seiner Freundin Brigitte Kuhlmann und zwei Kämpfern der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ hat er vor zwei Tagen den Flug 139 der Air France von Athen nach Paris entführt. Jetzt hocken sie mit ihren Geiseln in einem alten Abfertigungsgebäude am Rand des Flughafens der ugandischen Hauptstadt Entebbe und halten mit ihren Kalaschnikows und Handgranaten 241 Passagiere und zwölf Besatzungsmitglieder in Schach. Der 27-jährige Böse trägt sein Maschinengewehr auf dem Rücken. Von einem Jackett verdeckt, hatte er die Waffe so auch ins Flugzeug geschmuggelt. Das Bodenpersonal von Athen hatte nicht so genau hingeguckt. Es befand sich gerade im Streik

„Wenn Sie ihren Namen hören“, sagt er jetzt, „stehen Sie auf und gehen in den Nebenraum.“ Böse stammt aus einem bürgerlichen Elternhaus in Franken, verstand sich bisher eher darauf, in Deutschland Strommasten umzulegen und Bahngleise zu demolieren. Er sieht sich als antiimperialistischer Kämpfer und hat im Jemen ein Ausbildungslager für palästinensische Guerilleros besucht. Jetzt schaut in einen blauen israelischen Pass auf dem Stapel vor ihm: „Hana Cohen“, liest er. Einige Passagiere ahnen, was das bedeutet, sie haben schon mal eine Selektion erlebt: An der Rampe von Auschwitz oder irgendeinem anderen deutschen Konzentrationslager, auch dort haben deutsche Wachmannschaften über Leben und Tod entschieden. Eine Frau bricht in Tränen aus, als wieder jüdische Namen mit deutschem Akzent verlesen werden. Sie trägt noch ihre ins Fleisch gestochene Lagernummer.

An diesem Dienstag, den 29. Juni 1976, gegen 19 Uhr, beginnt Böse die erste deutsche Selektion an Juden seit dem Ende der Nazi-Herrschaft. Diesmal in Uganda. Für die 49 Nicht-Juden, die Böse nicht aufzählt, ist die Entführung am nächsten Tag vorbei. Hana Cohen sieht noch einmal ihren Mann und ihre Kinder an, dann geht sie vorbei an Brigitte Kuhlmann hinaus. Die 28-jährige Pädagogikstudentin aus Hannover gibt sich ungerührt. Sie hält eine Granate in der Hand.

Zwei Tage vorher: Am Sonntag, den 27. Juni 1976, leitet Ministerpräsident Jitzchak Rabin gerade die Sitzung des israelischen Kabinetts, als ihm um 13 Uhr 30 der Minister für Transportwesen einen Zettel zuschiebt. „Flug 139 mit vielen Israelis an Bord ist entweder abgestürzt oder entführt worden“. Droht – so die Vermutung – eine Wiederholung von 1972, als die „Volksfront zu Befreiung Palästinas“ eine belgische Maschine entführt und nach Tel Aviv gelenkt hat?

Sofort begibt sich Verteidigungsminister Schimon Peres zum Ben Gurion Flughafen. Das Bodenpersonal wird durch Spezialeinheiten der israelischen Armee ersetzt. Doch die Air France Maschine dreht nach Süden ab, fliegt immer tiefer nach Afrika hinein und landet schließlich in Sichtweite des Viktoria-Sees, im Reich von Ugandas Herrscher Idi Amin. Als unter den Augen des Diktators weitere palästinensische Extremisten zu den Entführern stoßen, wird für Rabin eines der dunkelsten Szenarien wahr: Israelische Geiseln befinden sich 3650 Kilometer von Israel entfernt in einem feindlichen Land. „Wir haben“, muss Rabin vor dem Kabinett eingestehen, „keine militärische Alternative zu Verhandlungen.“.

Doch in dem Moment, als Wilfried Böse Juden von Nicht-Juden trennt, ist nichts mehr wie es vorher war. Vor allem Rabins Verteidigungsminister Schimon Peres ist entschlossen, die neuen deutschen Selektierer und ihre palästinensischen Kameraden nicht entkommen zu lassen. „Sonst hätte Hitler aus dem Grab heraus doch noch gesiegt“, sagt Jitzchak Hofi, Chef des israelischen Geheimdienstes Mossad.

Mit Idi Amin auf ihrer Seite fühlen sich die Entführer sicher. Der Diktator, der sich tags zuvor den Geiseln zusammen mit seinem achtjährigen Sohn in Phantasie-Uniformen präsentierte, unterstützt die Sache der Palästinenser. Wilfried Böse taufte den entführten Airbus auf den Namen des Palästinenserführers „Arafat“. Von Uganda aus fordert er die Freilassung von 53 Gefangenen aus israelischen, französischen, kenianischen aber auch deutschen Gefängnissen: Sechs Mitglieder der RAF und der „Bewegung 2. Juni“ in Deutschland sind darunter. Der deutsche Linksradikale Böse ist sich der Hilfe von Hitler-Verehrer Idi Amin so sicher, dass die Entführer noch einmal 100 Passagiere entlassen und ihr Ultimatum von Donnerstag auf Sonntag ausdehnen. Dann sollen die Erschießungen der verbliebenen 104 Geiseln beginnen.

In Schimon Peres´ Büros liegen Landkarten und Fotografien vom Flughafen der 20 000-Einwohner-Stadt Entebbe. Agenten des Mossad haben im Nachbarland Kenia Kleinflugzeuge gemietet, das Gelände fotografiert und die Zahl der palästinensischen Kämpfer in der Umgebung ausgekundschaftet: Die Zahl der Entführer – rund zehn – die Stärke von Amins Truppe – 15 bis 60. Israelische Soldaten beginnen die alte Transfer-Halle von Entebbe nachzubauen. Mit Sandsäcken. Die Piloten der Hercules-Transportflugzeuge üben Nachtflüge und schnelle Starts und Landungen auf kurzen, unbeleuchteten Pisten. Und so langsam schält sich ein Plan heraus, der gelingen könnte.

Als Schimon Peres seinem Premierminister Jitzchak Rabin am Samstag, weniger als 24 Stunden vor Ablauf des Ultimatums, die Ideen seiner Militärs vorlegt, hat er vier Hercules-Transporter mit Spezialeinheiten, leichten Panzern, mehreren Landrovern und einem schwarz lackierten Mercedes an Bord bereits auf Israels südlichste Militärbasis verlegt. Hunderte Experten haben an den Details des Plans gefeilt, der jetzt dem Sicherheitskabinett vorgelegt wird. Als die Minister um 15 Uhr 30 der „Operation Donnerschlag“ zustimmen, haben die Hercules-Maschinen schon die ersten 15 Minuten ihres siebenstündigen Flugs absolviert. Peres’ Militärs gehen davon aus, dass die Mission 30 bis 35 Geiseln und eigene Soldaten das Leben kosten wird.

Die entführten Passagiere sind jetzt seit sechs Tagen auf dem Flughafen von Entebbe eingeschlossen. Die Toiletten sind verdreckt, in den Leitungen gibt es kein Wasser mehr. „Alle haben Durchfall und Erbrechen“, schreibt einer der Entführten in sein Tagebuch. Idi Amin hatte wie fast jeden Tag die Geiseln besucht und war schlecht gelaunt, weil die Verhandlungen in Paris nicht vorankamen: „Die Regierung spielt mit ihrem Leben“. Die israelischen Flugzeuge durchqueren ein nächtliches Unwetter über dem Viktoria-See. Was, wenn das Gewitter auch über Entebbe tobt? Aber die Soldaten haben Glück: Der Flughafen liegt im hellen Mondlicht. Selbst die Lichter der Landebahnen brennen.

Im Ufersaum des Viktoria-Sees liegen 50 Fallschirmjäger, die den See von Kenia aus überquert haben. Für die Flugeinheiten kommt alles auf den Überraschungseffekt an. Wenn Ugandas Soldaten oder die Terroristen auch nur Sekunden zu früh den Überfall bemerken, wird es zu einem Massaker an den Geiseln kommen. Doch die Fluglotsen im Tower von Entebbe wundern sich nur über den Schnee auf ihren Radarschirmen. Sie merken nicht, dass die Israelis die Elektronik stören. Oder haben Spezialeinheiten längst die Besatzung im Tower getötet? Kann es denn wirklich sein, dass sie nicht sehen, wie der erste Transporter um 23 Uhr 01 am entferntesten Ende des Flugplatzes aufsetzt? Sobald die Maschine steht, rollt ein schwarzer Mercedes gefolgt von zwei Landrovern aus der offenen Heckluke.

Der Plan der Israelis ist so schlicht wie frech: In Uganda fahren alle Offiziere vom Kompaniechef bis zu Generalfeldmarschall Dr. Idi Amin einen schwarzen oder einen dunkelgrünen Mercedes. Jeder ugandische Soldat – so das Kalkül – würde auch mitten in der Nacht vor einem Mercedes salutieren, statt ihn anzuhalten. Doch als der Wagen die 1400 Meter auf die alte Transithalle mit den Geiseln zufährt, fordern zwei ugandische Soldaten den Mercedes auf, zu stoppen. Oder salutieren sie doch? Egal. „Wir halten auf keinen Fall an“, hatte der Kommandoführer Jonathan Netanjahu befohlen. Jetzt liegt der Lauf einer schallgedämpften Pistole im offenen Fensterspalt, und einer der Ugander bricht lautlos zusammen. Der zweite Soldat wirft sich zu Boden und entkommt. Aus der Deckung schießt er zurück.

Der Mercedes und die zwei Landrover halten gut zehn Meter vor der Transithalle. Fast 30 Soldaten rennen zum Eingang – genau wie sie es am Modell dutzendfach trainiert haben. Wilfried Böse, der die Schüsse gehört haben muss, läuft nach draußen. „Hau ab“, ruft er noch, vielleicht denkt er, ugandische Soldaten feuerten in die Nacht. Dann trifft ihn die Salve eines israelischen Maschinengewehrs. Sekunden später stirbt auch Brigitte Kuhlmann auf dem Rollfeld.

Netanjahus Männer dringen in die Transithalle ein. „Das ist die israelische Armee, legt euch auf den Boden“, rufen die Soldaten auf hebräisch durch Megafone. Die meisten Geiseln lassen sich sofort fallen. Aber für einen Moment bricht Chaos aus: Einige rennen zu den Toiletten, Mütter werfen sich schützend über ihre Kinder. Schüsse peitschen jetzt über die Köpfe, der Raum ist voll beißendem Qualm: Die Palästinenser Fayez Abdul Rahun Jaber und Abed el Latif feuern in Richtung der Soldaten – die israelischen Scharfschützen visieren das Mündungsfeuer an. Wie durch ein Wunder kommt bei der Schießerei in dem überfüllten Raum nur eine Geisel ums Leben. Während Netanjahus Soldaten die Menschen in den Hercules-Transporter drängen, der vor das Terminal gerollt ist, durchkämmen andere Soldaten das Gebäude nach weiteren Entführern: Insgesamt werden sechs oder sieben Entführer direkt erschossen. Dann machen die Israelis noch Fotos von ihnen und nehmen Fingerabdrücke. Um 23 Uhr 52, 51 Minuten nachdem die Reifen der ersten Hercules die Rollbahn berührt hatten, startet die Maschine mit den Geiseln an Bord Richtung Nairobi, um in Kenia für den Rückflug aufzutanken.

100 bis 200 israelische Elite-Soldaten legen derweil den Flughafen von Entebbe in Trümmer: Sie zerschießen mit Schnellfeuergewehren neun MIG-Jäger, die Russland seinem Protegé Idi Amin geschenkt hatte. Niemand soll die israelischen Transportflugzeuge auf ihrem Rückweg abfangen können. Die israelischen Panzer, die mit der zweiten und dritten Maschine gekommen sind, zerstören den Tower des Flughafens und nehmen Idi Amins Leibgarde in ihrer Kaserne unter Feuer. Dann sammelt einer der viermotorigen Hercules-Transporter die Landrover und den schwarzen Mercedes ein. Nach 99 Minuten ist die Aktion vorbei.

Die Entebbe-Operation bestärkte die Israelis knapp zehn Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 in dem Gefühl, eine unbesiegbare Armee zu haben. „Wir waren sehr stolz“, erinnert sich der israelische Militärhistoriker Meir Pa’il, „nach Entebbe wussten wir, dass Israel alles tun würde, um Juden zu retten – wo auch immer in der Welt sie in Gefahr seien.“ Dass ein Militäreinsatz die einzige Möglichkeit war, dem palästinensischen Terrorismus zu begegnen, stand für sie außer Frage. „Niemand außer der radikalen Linken dachte Ende der Siebziger und in der darauf folgenden Dekade daran, mit palästinensischen Terroristen zu verhandeln“, sagt Yoav Gelber, Professor für Geschichte an der Universität Haifa. Erst später wurden Schimon Peres und Jitzchak Rabin zu Akteuren im Friedensprozess.

Völkerrechtlich hatte die Aktion noch ein Nachspiel: Afrikanische und arabische Staaten beantragten eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates und legten eine Resolution vor in der die Verletzung der Souveränität Ugandas durch Israel verurteilt wurde. Die USA und Großbritannien konterten mit einer Resolution, in der die Staatengemeinschgaft zur Zusammenarbeit zur Abwehr von Flugzeugentführungen aufgefordert wurden. Beide Resolutionen scheiterten.

In Deutschland war die Entführung der Air France Maschine für viele Linke ein Wendepunkt in ihrem Verhältnis zu Gewalt und Extremismus: Joschka Fischer, damals 28 Jahre, hatte sich bis dahin „den Genossen im Untergrund eng verbunden“ gefühlt. Jetzt kommentierte er den Tod von Böse und Kuhlmann trocken: „Wenn sich Deutsche noch einmal dafür hergeben, Juden von Nicht-Juden zu selektieren, verdienen sie es nicht anders.“ Die Revolutionären Zellen brauchten länger, Entebbe zu verarbeiten. Sie zerbrachen schließlich moralisch an der Entführung. Jüdische Passagieren gleich welcher Nationalität für die Politik Israels gegenüber den Palästinensern verantwortlich zu machen: Diese „moralische Desintegration ist die schwerste Hypothek, mit der unsere Geschichte belastet ist.“ Kurz nach dieser Erklärung von 1991 lösten sich die Revolutionären Zellen auf.

Neben sechs bis sieben Terroristen starben in Entebbe 45 ugandische Soldaten; auf israelischer Seite ließen vier Geiseln und ein Soldat ihr Leben. Ausgerechnet Jonathan Netanjahu, der ältere Bruder des späteren Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, wurde auf dem Rückzug von einem Querschläger getroffen. Er gilt heute in Israel als Kriegsheld.

Viele Details der Operation wird man dagegen nie erfahren: Was ist mit den drei oder vier Entführern geschehen, die von den Soldaten überwältigt und gefesselt wurden? Wahrscheinlich wurden sie einfach erschossen. Was wussten Länder wie Äthiopien oder Kenia von der Aktion? Haben sie Israel nur heimlich unterstützt, um sich nicht zur Zielscheibe arabischer Extremisten zu machen? Die Antwort kennt nur der Mossad.

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