Zeitung Heute : Unternehmensgeschichte, die nicht vergeht

„History Marketing“: Humboldt-Absolventen haben eine Vergangenheitsagentur gegründet – und bleiben der Wissenschaft treu

Anke Assig

Als kleinem Jungen erschien Alexander Schug die Vergangenheit als eine Mischung aus Rittern, Trutzburgen und Filmhelden, die in Sandalen „Ave Caesar!“ riefen. Schon da wusste er, Geschichte ist sein Ding. Den Ausschlag, das Fach zu studieren, gab sein Zivildienst in einer Gedenkstätte in Polen, sagt der heute 30-Jährige. Tagtäglich von der deutsch-polnischen Vergangenheit umgeben, wollte er die Dinge systematisch erforschen. Während seines Studiums an der Humboldt-Universität und der Technischen Universität Dresden begann sich der angehende Historiker mehr und mehr für die Geschichte von Unternehmen zu interessieren. Auch die Unternehmen interessieren sich zunehmend für ihre Vergangenheit – nicht zuletzt aus Marketinggründen.

„Wir können das“

Alexander Schug sah die Marktlücke und begann, im Auftrag kleiner und mittelständischer Unternehmen, aber auch von Non-Profit-Organisationen, Firmengeschichten zu recherchieren: Für den Lions Club beispielsweise oder die Katastrophenhilfe des Diakonischen Werkes. So machte Schug sein Fach Geschichte, das gemeinhin als brotlos gilt, zur Grundlage seiner Geschäftsidee: „Vergangenheitsagentur“ taufte Schug sein Geschäft mit der Unternehmensgeschichte.

History Marketing nennt der Humboldt-Absolvent seine Dienstleistung, die er gemeinsam mit seinem ehemaligen Kommilitonen Hilmar Sack betreibt. „Die PR-Fachleute in den Unternehmen können Archivarbeit nicht in großem Umfang leisten“, sagt Alexander Schug. „Wir können das. Und wir stellen die Ergebnisse zudem in einen gesamthistorischen Kontext.“ Die Ergebnisse fassen Schug und Sack in Publikationen zusammen, präsentieren aus den besten Fundstücken im Firmenarchiv Ausstellungen oder drehen für ihre Auftraggeber einen Dokumentarfilm.

Gut aufgearbeitete Unternehmensgeschichte sei als Markting-Instrument „sehr zeitgemäß“, erklärt Schug. Deshalb griffen immer mehr Unternehmen auf die Dienstleistungen seiner Agentur zurück. Wenn im Zeitalter der Globalisierung immer neue Firmen immer neue Produkte anpreisen, verliere der Kunde leicht den Überblick. Auf lange Sicht verankerten sich deswegen gerade solche Unternehmen erfolgreich im Bewusstsein der Käufer, die auf eine Generationen übergreifende Tradition verweisen könnten.

Für ihre Recherche öffnen ihre Auftraggeber den Historikern Firmenarchive, die jahrzehntelang keinem Außenstehenden zugänglich waren. Vor allem in Vorstandsprotokollen und Personalakten offenbart sich die Firmenbiografie. „Wir haben uns von Anfang an auf Qualitätsstandards unserer Arbeit geeinigt“, sagt Alexander Schug. Beim History Marketing also gelten wissenschaftliche Maßstäbe. „Auch bei einer bezahlten Auftragsarbeit kommen Weglassen und Schönfärben nicht in Frage, schon weil es unsere Glaubwürdigkeit untergraben würde – und die des Auftraggebers.“

Dabei sehen viele Firmen schwer wiegende Gründe, Teile ihrer Geschichte, zum Beispiel die Zeit zwischen 1933 und 1945, nicht weiter auszuleuchten. Für die Öffentlichkeit ist jedoch besonders dieser Zeitabschnitt interessant. So wiesen Historiker nach, dass nahezu jedes Unternehmen im Dritten Reich Zwangsarbeiter beschäftigt hat: vom Großbetrieb über kleine Handwerksbetriebe und sogar bis hin zu den Kirchen. Ende der Neunziger Jahre wurden etliche Unternehmen im Zusammenhang mit der Entschädigung der Zwangsarbeiter mit ihrer Vergangenheit konfrontiert – und wehrten zunächst ab. Klüger sei es, sich auch schwierigen Erkenntnissen zu stellen, sagt Schug: „Die Öffentlichkeit honoriert einen ehrlichen Umgang mit der Vergangenheit.“

Networking? Mehr als Gerede

Für den Erfolg ihrer Agentur ist auch das Netzwerk wichtig, das die Jungunternehmer zu Studentenzeiten an der Humboldt-Universität geknüpft haben: Aus dem Freundeskreis kommen schon mal Tipps, welche Firma als Kunde interessant sein könnte. „Als Student fand ich das Gerede von ‚Networking’ in den so genannten Karrierezeitschriften zwar total lächerlich“, sagt Schug. „Aber wenn man dann im Berufsleben steht, erkennt man den Wert seiner Kontakte.“ Seine Erfahrung gibt er daher gern an andere weiter. Vor kurzem hat Schug das Buch „History Marketing“ veröffentlicht (Transcript-Verlag, Bielefeld, 2004).

Darin beschreibt er, wie Absolventen der Geschichtswissenschaften auch jenseits von Uni, Museum und Archiv eine Existenz aufbauen können. Bedenken, sich die Konkurrenz selbst zu schaffen, hat er nicht. „Wer Angst hat, wird nicht zum Unternehmensgründer.“ Noch in diesem Jahr wollen die beiden Vergangenheitsagenten ihren ersten Mitarbeiter einstellen.

Informationen im Internet:

www.vergangenheitsagentur.de

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