Unternehmenspleite : Am Ende versiegt Quelle

Das waren Zeiten: Jeder zweite Haushalt der Bundesrepublik war Kunde des Quelle-Versands – vor 30 Jahren. Seit gestern ist es mit diesem Wirtschaftswunder endgültig aus. Die Geschichte eines Niedergangs und der Menschen, die ihn begleiteten.

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Bild mit Symbolkraft. Quelle ist am Ende. -Foto: dpa

Dienstagmorgen, 9 Uhr 30, Führungskräftetreffen wie jeden Dienstagmorgen, und Gisbert Schmieder, hier bei Quelle in Fürth Leiter der Abteilung Werbung und Marketingkommunikation, hat Hörnchen und Lebkuchen mitgebracht und eine Flasche Sekt dazu.

Aus den Nachtnachrichten weiß er, dass es aus ist. Man isst das Gebäck, stößt an, Schmieder bedankt sich für die gemeinsame Zeit.

Die Hälfte der Leute beim Führungskräftetreffen sei sehr gefasst gewesen, sagt Schmieder später, zwei, drei Kollegen allerdings zeigten sich „sehr betroffen“. Im Haus trifft er nach der kleinen Abschiedsfeier immer wieder auf Mitarbeiter, die „fix und fertig“ sind. Die Zitterpartie der vergangenen Monate, all die Unsicherheiten, die Tränen, die vergossen wurden, der Rest Hoffnung – und jetzt das. Noch vor ein paar Tagen, sagt Schmieder, habe man sortieren müssen. Entscheiden, wer entlassen wird. Gespräche führen mit jenen, die der zweiten Kündigungswelle zum Opfer fallen sollten. „Alles umsonst.“ Keiner, sagt Schmieder, habe damit gerechnet, „dass es so kommt“. Es habe doch interessierte Investoren gegeben, die Marke sei bekannt gewesen, ein Katalogrelaunch – vor zwei Wochen von Lesern getestet und durchaus positiv bewertet – habe das dicke Buch jünger und spritziger gemacht, „wir waren ja weit besser als das Image“.

Schmieder – seit ungefähr zwei Jahren ist er Werbechef bei Quelle und damit auch gewissermaßen der Herr des Quelle-Kataloges – hatte viel Zutrauen, von Anfang an, im vorigen Jahr holte er seine Familie aus Frankfurt hierher ins Fränkische. Schmieders Partnerin hat ihren gut bezahlten Job dafür aufgegeben, der Sohn wurde ins Gymnasium eingeschult, es gibt Bekanntschaften, etwas ist aufgebaut und steht jetzt wieder infrage.

Für etliche hängt die ganze Existenz an Quelle, Ehefrau, Ehemann, Sohn: alles Quelle-Mitarbeiter. Wer über 50 ist und sein Leben hier verbracht hat, wird es in der Zukunft nicht leicht haben. Für Schmieder geht es eher darum, eine Enttäuschung zu verwinden, mit einer aufreibenden Zeit abzuschließen und sich neu zu orientieren. Er ist, wie er sagt, „um eine Menge Erfahrungen reicher“. Das wird er auch seinen Mitarbeitern in diesen Tagen sagen. Es ist schrecklich, aber das Leben geht weiter, wird er sagen. Und hinzufügen: Wer weiß, wozu es gut ist. Auf dem Einband des ersten Quelle-Kataloges, herausgegeben im Jahr 1928, steht: „Ein Führer durch die Sorgen des täglichen Lebens.“

Im Jahr zuvor, im Herbst 1927, war Quelle gegründet worden, vom damals 32 Jahre alten Fürther Kaufmann Gustav Schickedanz. Es war der Beginn des unglaublichen Aufstiegs einer Familie, vor allem aber der Beginn eines wichtigen Kapitels deutscher Wirtschaftsgeschichte. Schickedanz lässt im Handelsregister des Fürther Amtsgerichts ein Versandhaus registrieren. Auf den Namen kommt er, weil er überzeugt davon ist, dass „die Leute an der Quelle kaufen“ wollen, wie er Anfang der 60er Jahre einer Illustrierten erzählt. Zu diesem Zeitpunkt ist dieser Name bereits in aller Munde, Schickedanz wird von den Zeitungen der „Versandhauskönig“ genannt. Als er im Jubiläumsjahr 1977 stirbt, arbeiten mehr als 43 000 Menschen für Quelle, erwirtschaften einen Umsatz von 8,3 Milliarden D-Mark. Jeder zweite deutsche Haushalt soll damals Quelle-Kunde gewesen sein, die Firma selbst mit fast 25 Millionen Päckchen und Paketen jährlich war der größte Kunde der Bundespost.

Die Familie Schickedanz steht für die deutsche Nachkriegsgeschichte wie sonst wohl nur Familien wie Neckermann. Oder Grundig. In gewisser Weise steht Schickedanz aber noch für ein bisschen mehr. Dass Gustav Schickedanz mit den Nazis sympathisierte, gar für die NSDAP im Fürther Stadtrat saß, gehört ebenso in die Geschichte wie sein damit verbundenes vierjähriges Berufsverbot nach dem Krieg.

Damals trat zum ersten Mal seine Frau Grete an seine Stelle. Nach seinem Tod ein zweites Mal. 1994 starb sie, und fortan war es Tochter Madeleine, die den Namen und das Unternehmen prägen sollte.

Auch sie steht in gewisser Weise für die Geschichte im Nachkriegsdeutschland, vielleicht und vor allem für die Frauengeschichte. Geboren im Luftschutzbunker der Frauenklinik Nürnberg, wuchs sie in einem Haushalt auf, der geprägt war durch einen übermächtigen Patriarchen und eine ähnlich beherrschende Mutter, die der Tochter kaum Luft zum Atmen ließen. Wenn sich der Vater über seine Tochter äußerte, dann war es wohlwollend herabsetzend. „Meine Tochter hat kein richtiges Verhältnis zum Geld“, soll er einmal gesagt haben. „Wenn Sie Madeleine mit zehn Mark zum Bäcker schicken, um ein paar Brötchen zu holen, und der sagt ,Stimmt so’, glaubt sie ihm das und verlangt kein Wechselgeld zurück.“

Die Worte des Vaters sollten die Zukunft seines Erbes und die seiner Erbin stärker bestimmen, als er wohl je zu fürchten gewagt hatte.

Ihr Studium der Betriebswirtschaft brach sie ab. Sie heiratete drei Männer, denen sie in Management- und Vermögensfragen alles überließ. Auch öffentliche Erklärungen überließ sie Männern, wie sie überhaupt die Öffentlichkeit mied. Und als es mit dem Familienkonzern bergab ging, vertraute sie sich, wenn auch nicht privat, wieder einem Mann an. Thomas Middelhoff, Ex-Bertelsmann-Chef, leitete als Arcandor-Chef – so wurde der mit Karstadt fusionierte Quelle-Konzern umbenannt – die letzte Phase des Familienvermögens ein.

Noch 2007, also vor dem Höhepunkt der Finanzkrise, gehörte Madeleine Schickedanz zu den reichsten Menschen der Welt. Auf mehr als fünf Milliarden Dollar wurde ihr Vermögen taxiert.

Damit ist es vorbei. Endgültig. Mit ihrem dritten Mann ist sie noch verheiratet, wichtiger noch: die beiden leben in strikter Gütertrennung, ihm gehören wertvolle Gemälde und Immobilien. Sie wird also weiter in standesgemäßem Rahmen leben, auch wenn die dicken Aktienpakete ihres Konzerns nun wertloses Papier sind.

Der Niedergang der Schickedanz-Dynastie hat die scheue Erbin ins Scheinwerferlicht gezerrt, ob sie das wollte oder nicht. Sie, die immer Interview-Wünsche von Zeitungen und Fernsehen abgelehnt hatte, musste sich plötzlich erklären. Es war eine Katastrophe. Sie habe ihr ganzes Vermögen verloren, sagte sie da. Sie und ihr Mann würden von 600 Euro im Monat leben. Und beim Discounter einkaufen. Das war zu viel. Häme, Spott, Wut entluden sich bei denen, die diese Worte angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise für zynisch hielten.

Es gibt ein paar Dinge, die sind nicht leicht zu verstehen. Dass eine Milliardenerbin unter PR-Gesichtspunkten katastrophale Sachen sagt, gehört dazu. Dass Milliardäre zu den ersten Opfern der Finanzkrise gehörten, gehört auch dazu. Und dass sogar in der Welt der Milliardäre Fleiß, Vertrauen und Treue einen hohen Stellenwert haben können. Gerade dafür steht Madeleine Schickedanz. Sie hat immer Männern vertraut. Bis zum bitteren Ende. Sie war ihnen und ihrem schweren Familienerbe in Loyalität verbunden, so sehr, dass sie, als es längst bergab ging, ihr persönliches Vermögen tatsächlich verpfändete. Sie steckte alles, na ja, fast alles, in den Konzern, in der Hoffnung, ihn retten zu können. Kühl und ausschließlich rational Denkende hätten das nie getan.

Dass ausgerechnet sie ungerechtfertigt plötzlich als öffentlicher Buhmann der Finanzkrise dastand, mit der sie überhaupt nichts zu tun hatte, ist die Folge dieses mehr als unprofessionellen Statements in der Öffentlichkeit, in dem sie den Eindruck erwecken wollte, sie, die Milliardärin, stehe nun mit den Beschäftigten auf einer Stufe. Eine Frau wie sie darf keine Fehler machen, die Öffentlichkeit ist da gnadenlos. Was sie tat für das Familienerbe, das verschwindet.

Als ein Insolvenzverwalter vor vier Monaten in Fürth das Sagen übernahm, war nicht mehr viel zu retten. Leere Konten, das Unternehmen weitgehend verpfändet, ein Kampf um Kredit und die Finanzierung des letzten Katalogs.

Anfang September ein Hoffnungsschimmer: Der Insolvenzverwalter spricht von vier finanzstarken Interessenten – noch in der vergangenen Woche spricht er davon – und von konkreten Verhandlungen. Die wohl spätestens am Montagabend gescheitert sind. Denn da sollen die letzten der Interessenten abgesprungen sein. Danach muss der Insolvenzverwalter reagieren. Er gibt eine Pressemitteilung heraus, informiert die Öffentlichkeit und damit auch die Mitarbeiter. „Es war bis zuletzt ein fieberhaftes Verhandeln“, sagt Quelle-Pressesprecher Manfred Gawlas.

Schmieder, der Herr des Katalogs, sagt: „Die Betriebsversammlung verlief vergleichsweise friedlich und gesittet.“ Gefasst sei die Belegschaft den Ausführungen des „sehr vertrauenerweckenden“ Insolvenzverwalters gefolgt. Kritisiert wurde von Einzelnen nur, dass sie nach den guten Nachrichten der vergangenen Woche so plötzlich und spät aus den Medien vom Untergang Quelles erfahren hätten. Der Insolvenzverwalter habe geantwortet, man habe die Verhandlungen nicht gefährden wollen. Schmieder sagt: „Ich hatte mir die Versammlung dramatischer vorgestellt.“

Aus Fürth, Berlin und Düsseldorf berichten Monika Goetsch, David C. Lerch, Thomas Magenheim und Andreas Oswald

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