Unternehmenswelt : Eine Firma, zwei Sprachen

Wir waren mal eine Familie, sagen die einen. Wir gehen dahin, wo das Geschäft ist, die anderen. Siemens steckt im radikalen Umbau. Und das betrifft Angestellte und Arbeitsplätze viel stärker als der Schmiergeldskandal.

Moritz Döbler Corinna Visser
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Hektische Zeiten. Der Vorstandsvorsitzende von Siemens, Peter Löscher, baut den Konzern um - radikal und tiefgreifend. -Foto: dpa

Von außen sieht man nicht, was innen vorgeht. Seit Monaten schon ist die Siemens-Zentrale – das gediegen-klassizistische Palais Ludwig Ferdinand am Wittelsbacherplatz in München – eingerüstet. Bauarbeiten. Die Planen, die das Gebäude verhüllen, zeigen eine Reproduktion der altrosafarbenen Fassade. Beim Konzern insgesamt ist das ähnlich – der Blick auf das, was die Menschen drinnen wirklich bewegt, ist verstellt.

Außen, in der Öffentlichkeit, vollzieht sich die Aufklärung der Korruptionsaffäre, die mit einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft München im November 2006 ihren Anfang nahm. Von 20 Millionen Euro war damals die Rede, die bei Tarnfirmen und auf schwarzen Konten gelandet sein könnten. Inzwischen hat Siemens 1,3 Milliarden Euro an fragwürdigen Zahlungen zugegeben. In Nigeria, Argentinien, Russland, fast überall auf der Welt soll Schmiergeld geflossen sein. 270 Beschuldigte führen die Staatsanwälte in ihren Akten. Spätestens von diesem Montag an wird die Öffentlichkeit noch mehr darüber erfahren, wenn sich Reinhard S. vor dem Landgericht München verantworten muss. Reinhard S. arbeitete 40 Jahre für Siemens. Er gilt als Buchhalter des kriminellen Systems, der Prozess ist der Auftakt der gerichtlichen Aufarbeitung des Schmiergeldsystems.

Der Wandel ist radikaler als jemals zuvor

Doch während die Klärung des Kriminalfalls das öffentliche Interesse an der Firma Siemens nahezu vollständig bindet, verändert sich der Konzern hinter der Fassade radikaler und schneller als vielleicht jemals zuvor in seiner mehr als 160-jährigen Geschichte. Während von der Schmiergeldaffäre nur einige Dutzend Manager direkt betroffen sind, bricht der Konzernumbau die Arbeitswelt jedes einzelnen Mitarbeiters um. Und das ist nicht erst seit Peter Löscher so, der vor knapp einem Jahr das Büro des Vorstandsvorsitzenden in München bezogen hat. Schon Vorgänger Klaus Kleinfeld hatte den Konzern umgekrempelt und Schluss gemacht mit dem patriarchalen Führungsstil des Heinrich von Pierer.

Siemens, das ist einer der größten deutschen Industriekonzerne, Jahresumsatz rund 70 Milliarden Euro. Aber Siemens, das war auch einmal eine große Familie. Wer zu ihr gehörte, war stolz darauf und konnte sich auch beschützt fühlen. „Die Familie gibt es nicht mehr“, sagt einer, der seit mehr als 20 Jahren bei Siemens arbeitet. „Die neuen Manager an der Spitze, die verkaufen heute Autos, morgen Strümpfe, was sie verkaufen, ist ihnen egal. Sie sind keine Siemensianer.“

Der erste Nicht-Siemensianer

In der Tat ist Peter Löscher, 50, der erste Nicht-Siemensianer an der Spitze. Der Österreicher kam vom US-Pharmakonzern Merck & Co., zuvor saß er im Vorstand von General Electric, einem der ärgsten Siemens-Konkurrenten. Seit er in München ist, hat sich das Tempo des Umbaus nochmals beschleunigt. „Bei der letzten großen Neuorganisation vor 20 Jahren ging es darum, aus dem großen Tanker Siemens viele bewegliche Schiffe zu machen, die selbstständig agieren“, sagt ein Mann, der schon seit 1978 im Betriebsrat sitzt. „Jetzt versucht man, die Zersplitterung wieder aufzuheben.“ Löscher will so klare Verantwortlichkeiten schaffen und die Strukturen straffen. Zugleich erhöht er den Druck. Er hat die Gewinnvorgaben noch mal heraufgesetzt.

Peter Löscher hat den Konzern jetzt in die drei Sektoren Industrie, Energie und Gesundheit gegliedert. Weitere Geschäfte, die nicht ins neue Schema passen, stehen auf der Verkaufsliste, und die, die die Renditeanforderungen nicht erfüllen, müssen fürchten, bald auf der Liste zu stehen. Außerdem will Löscher die Verwaltungskosten um 20 Prozent senken, die Ausgaben für externe Berater von 600 Millionen Euro bis 2010 halbieren, weitere 300 Millionen Euro werden bei der Informationstechnologie eingespart, die Zahl der Gesellschaften im Konzern soll von 1800 auf unter 1000 sinken.

Löscher erinnert an die Unternehmensgeschichte

„Ganz klar“ werde es zu Personalabbau kommen, hat Peter Löscher jüngst gesagt – aber nicht, um wie viele Arbeitsplätze es geht. „Ganz klar“ – das ist ein Ausdruck, den Löscher oft benutzt, auch wenn er vage bleibt. Er spricht eher leise und monoton, und sein österreichischer Akzent legt sich weich über alle Ecken und Kanten. Zum Amtsantritt wurde er gefragt, was denn der Unterschied zwischen ihm und Vorgänger Kleinfeld sei. Seine knappe Antwort: „Ich habe am 1.7. angefangen, und Herr Kleinfeld hat am 30.6. aufgehört.“ Er verzog keine Miene, und so wusste man nicht, ob er eine Banalität von sich gab oder eine Gemeinheit. Sagte er das Offensichtliche, oder unterstrich er seinen Machtanspruch?

Von Anfang an erinnerte Löscher an die Wurzeln des Unternehmens, mehr als Kleinfeld und sogar mehr als Pierer. Tradition und Moral fehlen in keiner Rede – Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit merkte bei Löschers jüngstem Auftritt in Berlin schon säuerlich an, von Tradition allein könne man leider nicht leben. Löscher nutzt die Gefühle, die viele mit dem historischen Namen Siemens verbinden, konsequent. So kam es, dass bei der Hauptversammlung im Januar eine Solidaritätserklärung der Siemens-Familie verlesen wurde. Mit gut sechs Prozent ist sie bis heute größter Einzelaktionär, und sie steht „in allen Punkten“ hinter Löscher.

München ist der Kopf, in Erlangen wird das Geld verdient

Tradition und Moral also, Gefühle, der Reformer Löscher will Wärme verbreiten, und so kann man auch einen Satz interpretieren, den er gleich zu Beginn seiner Amtszeit gesagt hat: Das „Herz der Organisation“ ist Erlangen. Vor allem wollte er damit wohl zeigen, dass er Siemens schnell begriffen hat. Und dass er sich über die Bedeutung dessen, was er vorhat, im Klaren ist. Der Umbau der Organisation wird das Herz, wird Erlangen, ganz besonders treffen. Rund 22 000 Menschen arbeiten für Siemens in Erlangen, und dank Siemens bringt es diese Stadt mit 104 000 Einwohnern auf sagenhafte 92 000 Arbeitsplätze. In Berlin, wo das Unternehmen 1847 als Telegraphen-Bauanstalt gegründet wurde, wird produziert, mit mehr als 12 000 Mitarbeitern ist Berlin weltweit der größte Fertigungsstandort des Konzerns. München wiederum ist der Kopf. Doch in Erlangen wird das Geld verdient.

Erlangen ist kein klassischer Produktionsstandort, hier wird vor allem geforscht und entwickelt, hier sitzen auch Verwaltung und Vertrieb. Die Sparten, die dort ansässig sind, steuern knapp 80 Prozent der weltweiten Umsätze bei.

"Wir spüren den globalen Wettbewerb"

Produziert wird in Erlangen nur in einer Fabrik für Medizintechnik und in einem Gerätewerk. „Die beste Fabrik 2004“ und „Fabrik des Jahres 2006“ steht in großen Lettern über dem Eingang des Gerätewerkes in Erlangens Westen. Drinnen werden unter anderem Kommunikationsmodule gefertigt, die später 300 Kilogramm schwere Motoren steuern, in Pumpen etwa oder in Baggern für den Tagebau. Menschen sieht man kaum in der großen, blitzblanken Halle. Nur lange Reihen von Maschinen – und einen Roboter, der in einem Glaskasten arbeitet, damit er niemanden verletzt. „Wir entwickeln die Gehirne und Muskeln für Maschinen“, erklärt Bernd Heuchemer, Marketingleiter der Geschäftseinheit „Motion Control“. Heuchemer, der seit 25 Jahren für Siemens arbeitet, bemerkt den Wandel schon. „Wir spüren den globalen Wettbewerb, die Prozesse sind schneller geworden, die Mitarbeiter flexibler“, sagt er.

Die Unsicherheit ist groß. Die Kollegen wüssten zwar jetzt, wohin sie in der neuen Struktur gehörten, sagt ein Betriebsrat, aber „ob sie selbst in ein paar Monaten noch da sind, wissen sie nicht“.

Der Schmiergeldskandal stört das Geschäft nicht

Gemessen an der Angst vor dem Umbau sind die Folgen des Schmiergeldskandals gering, für das Geschäft spielt er keine Rolle. „Wir spüren es bei den Aufträgen nicht“, sagt Heuchemer. Die Affäre sei im Privaten ärgerlicher als im Beruf. „Was wir in der Zeitung oder bei uns im Intranet lesen müssen, tut mir oft weh, vor allem, weil untergeht, dass wir ein Supergeschäft machen.“ Dass Norwegens Streitkräfte Siemens wegen des Schmiergeldskandals keine Aufträge mehr erteilen, ist eine Ausnahme. Hart würde es den Konzern treffen, wenn auch die USA Siemens von Aufträgen ausschlössen. Aber es ist offen, ob es so weit kommt.

Der Baustil der Erlanger Verwaltung ist der sachlichen Berliner Siemensstadt nachempfunden, doch weil 1945, als die Siemens-Schuckert-Werke aus dem zerstörten Berlin nach Erlangen zogen, Backstein nicht verfügbar war, musste Putz genügen. Himbeerpalast nennen die Menschen den kolossalen Bau. Es gibt einen Vorstandsturm mit eigenem Eingang.

Hier finden regelmäßig Vorstandssitzungen statt. Unter Pierer war das kein Wunder: Er ist in Erlangen geboren, wohnt immer noch hier und geht an Samstagen auf dem Schlossplatz einkaufen. Und obwohl sich vieles ändert, seit er abgetreten ist: Die Chefs der neuen drei Sektoren haben ihren Sitz noch in Erlangen – auch Jim Reid-Anderson, der neue Chef der Gesundheitssparte. Dieser Mann aus Amerika tritt ein wichtiges Erbe an.

Pierer hat nicht auf die Einflüsterer gehört

Dass die Gesundheit heute noch zum Konzern gehört, hätte Mitte der 90er Jahre kaum jemand erwartet. Der Kapitalmarkt übte damals enormen Druck auf Siemens aus, sich von der defizitären Sparte zu trennen. Aber Pierer habe seine schützende Hand darüber gehalten, sagt Erlangens Oberbürgermeister Siegfried Balleis. „Er hat nicht auf die Einflüsterungen von Analysten gehört.“ Heute ist die Gesundheitssparte ein wesentlicher Gewinnbringer. Mehr noch. Neben der Siemens-Medizintechnik in Erlangen haben sich viele andere Firmen angesiedelt. Ein richtiges Medical Valley ist entstanden.

Es ist nicht zu viel gesagt, dass Korruption einen Anteil an diesem Erfolg zu haben scheint – denn wozu besticht man, wenn nicht, um gute Geschäfte zu machen? Siemens beziffert die dubiosen Zahlungen in der Medizinsparte auf 40 Millionen Euro. Niemand macht Erich Reinhardt, dem Mann, der diesen Bereich seit 1994 führte und aus der Verlustzone brachte, persönlich einen Vorwurf, trotzdem ist er im April zurückgetreten. Er war das letzte Vorstandsmitglied aus der alten Führungsriege um Pierer.

Sehr betroffen sei er gewesen, sagt Oberbürgermeister Balleis. Sofort hat er beim Nachfolger Reid-Anderson um einen Termin gebeten. Balleis hat Befürchtungen. Er will Reid-Anderson – in Bagdad geboren, britischer und amerikanischer Pass – von den Vorzügen der hiesigen Mitarbeiter überzeugen, von seiner Vision der Gesundheitsstadt Erlangen. Mit Reinhardt hatte er sie noch geteilt. „Es ist leichter, einen Manager von Chicago nach Erlangen zu holen, als 10 000 von Erlangen in die USA“, sagt Balleis.

Ein Drittel der Mitarbeiter ist noch in Deutschland tätig

Es hat nämlich eine heftige Auseinandersetzung im Aufsichtsrat darüber gegeben, wo der Sitz der Medizintechnik künftig sein wird, berichtet Wolfgang Niclas, Erster Bevollmächtigter der IG Metall in Erlangen. Selbst wenn der Sitz formal Erlangen bleibe, sei zu befürchten, dass immer mehr Kompetenzen von hier in die USA verlagert werden. „Löscher wird aus dem deutschen Global Player einen reinen Global Player machen“, sagt Niclas. Siemens gehe dahin, wo das Geschäft ist, sagt Löscher. Nur noch knapp 20 Prozent seines Umsatzes macht Siemens mit Kunden in Deutschland. Aber noch arbeiten hier 32 Prozent der Mitarbeiter.

Die neuen Siemensianer sehen das gelassen. Sie sind gut ausgebildet, selbstbewusst und bauen nicht wie ältere Kollegen darauf, ein ganzes Arbeitsleben in einem einzigen Unternehmen zu verbringen. Im Erlanger Traditionslokal „Alter Simpl“ sitzen an einem schönen Abend im Mai drei Einheimische mit Kollegen aus Asien und den USA. Sie reden über Siemens und darüber, wie teuer das Leben in Deutschland geworden ist. Auf Englisch. Es gibt Rostbratwürste mit Kraut. Die Rechnung geht auf die Erlanger. „Das machen wir immer so“, sagt einer, der in der Medizintechnik arbeitet. „Wenn wir in den USA oder Asien sind, zahlen die Kollegen.“ Mal profitieren die einen, mal die anderen.

Der Mann ist um die 30 und arbeitet für die Medizintechnik. Dass sein neuer Chef aus den USA kommt, darüber macht er sich keine Gedanken, sagt er. Er habe einfach zu viel Arbeit im Moment.

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