Zeitung Heute : Unterricht im Untergrund

Eine Schule in Minsk wurde geschlossen – und wehrt sich

Volker ter Haseborg[Minsk]

Männer und Frauen in orangefarbenen Arbeitsuniformen fegen und schrubben in den Straßen und Parks. Jeder Papierschnipsel, jede Zigarettenkippe verschwindet. Es sind noch kaum Menschen unterwegs, die es wagen, ihre Füße auf den makellosen Boden zu setzen.

Wenn eine Straße in Minsk Risse bekommt, ist gleich eine Reparaturkolonne zur Stelle, die die Schadstellen mit Beton zugießt. Wenn eine Hauswand Risse bekommt, eilt wieder ein Trupp herbei, der die Fassade mit Hochdruckreinigern abspritzt und dann neu verputzt. Die Schäden innen drin bleiben.

Das Haus in der Straße gleich neben dem mächtigen grauen Fußballstadion vom Klub Dynamo soll auch gesäubert werden. Obwohl die Fassade in Ordnung ist, der Garten in Schuss, der Eingang ohne Tadel. Und doch: Jemand hat bestimmt, dass hier aufgeräumt werden muss. Der Schmutz hatte sich in den Köpfen der Menschen breit gemacht, die das Gebäude benutzten.

Liavon Barshcheuski ist an diesem Abend noch einmal hierher. „Dort war mein Büro“, sagt er. Er deutet auf ein Fenster im ersten Stock. Er trägt einen Lenin-Spitzbart, sein Gesicht ist versteinert. Er ist Lehrer, Philosophie und Sprachen, und in dem Haus war bis vor einiger Zeit die Humanistische Schule untergebracht. Nun ist sie geschlossen. „Wegen Umbauarbeiten“, sagt Barshcheuski. Jetzt lächelt er bitter.

Die Schule war eine unabhängige Schule. Unabhängig von den Bildungsplänen des Präsidenten Alexander Lukaschenko. Der Unterricht war anders, er fand ausschließlich in weißrussischer Sprache statt. Die Sprache, welche die zarte Entwicklung einer eigenen Kultur nach dem Kollaps der Sowjetunion symbolisiert. Für Lukaschenko ist Weißrussisch die Sprache seiner Gegner. Derer, die ein starkes Weißrussland wollen, nicht eine Neuauflage der Sowjetunion wie er.

Es habe Warnungen gegeben, sagt Barshcheuski. Zuerst Beschimpfungen am Telefon. Dann, bei einer Kollegin, sei ein Anrufer schon weiter gegangen: Er habe mit Gewalt gedroht. Dann kam der KGB, der in Weißrussland noch so heißt. Barshcheuski wurde verhaftet, freigelassen, verhaftet. Geistige Verführung Minderjähriger würde man das, was man ihm vorwarf, in Deutschland nennen. „Mir macht das nichts mehr aus“, sagt er.

Im Mai wurde der Direktor entlassen, weil er angeblich ein schlechter Verwalter war. Er wurde durch eine Lehrkraft ersetzt, die kaum weißrussisch sprechen konnte. Dann, im August, pünktlich zu Schulbeginn nach den Sommerferien, kamen die Bauarbeiter. Alles das, was staatsschädigend war, sollte weg. Jetzt steht die Schule leer.

Doch Lehrer, Schüler und Eltern wollten die Schließung nicht hinnehmen. Sie machten weiter. Seit September fand der Unterricht zwar nicht mehr in der Schule statt, dafür zuerst in Parks, dann in Wohnungen und Datschas, die Eltern, Schriftsteller und andere Oppositionelle zur Verfügung stellen.

Der KGB hat das natürlich schnell herausgefunden, erzählt Barshcheuski. Wenn die Lehrer im Freien unterrichteten, sei die Miliz vorbeigekommen und habe die „verbotene Demonstration“ aufgehoben. Auch die Eltern befänden sich im Visier des KGB. So wie eine Mutter, der ein Auto auf dem Nachhauseweg gefolgt sei. Wenn sie stehen geblieben sei, habe auch das Auto gehalten. Ging sie weiter, fuhr der Wagen wieder hinterher. Eine andere Mutter soll Ärger am Arbeitsplatz bekommen haben. „Sie musste zum Betriebsleiter. Der drohte mit Rausschmiss, wenn sie ihr Kind weiter zu uns schickt.“ Auch die Wohnung der Familie, die dem Staat gehört, stünde auf dem Spiel. „Das ist ihre Zermürbungstaktik“, sagt Barshcheuski. Der Lehrer schaut sich noch einmal um. Von Bauarbeiten keine Spur. Verloren steht ein Presslufthammer vor der Eingangstür.

Der nächste Morgen, eine Bibliothek irgendwo in Minsk. Zwei Klassen können hier unterrichtet werden, sagt Barshcheuski, der an diesem Tag zwischen Bibliothek und konspirativen Wohnungen hin- und herpendelt, um seine Schüler zu betreuen. Die Tische und Stühle zwischen den Bücherregalen haben die Eltern der Kinder zusammengesucht und hierher gebracht. Die anderen Klassen sind woanders, über ganz Minsk verstreut. „Ich liebe das Lyzeum“, steht auf T-Shirts, die einige der Schüler tragen.

Barshcheuski sagt, er wolle dafür sorgen, dass seine Schule ein Schmutzfleck in der Diktatur bleibt.

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