Zeitung Heute : Unterricht in Weltoffenheit

Berlins internationale Schulen geben mit ihren interkulturellen Angeboten ein Beispiel für Integration

Tong-Jin Smith
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Unterricht war gestern – heute ist globales Lernen angesagt. Moderne Schulen sind Orte interkulturellen Austausches. Foto: Uwe...

Berlin übt eine große Anziehungskraft auf Menschen aus aller Welt aus. Immer mehr kommen nicht nur zu Besuch, sondern ziehen gleich mit Kind und Kegel in die deutsche Hauptstadt. Und suchen dann eine passende Schule. Hinzu kommt, dass die Zahl der binationalen Ehen in Deutschland wächst und damit die Internationalität einer Stadt wie Berlin.

„Berlin ist einfach ein Magnet“, sagt Alexandra Stieper von der Familienservice Schule, die gerade zum neuen Schuljahr als internationale Privatschule gestartet ist. Die Schülerschaft sei sehr international, so Stieper. „Was unsere Schule ausmacht, ist, dass sie nicht nur bilingual ist, sondern sich im Rahmen des Global Education Konzepts vielen Nationalitäten öffnet.“ So seien zwar Deutsch und Englisch Unterrichtssprachen, aber für Kinder mit einer anderen Muttersprache biete die Schule auch zusätzliche Stunden an, etwa in Türkisch, Dänisch oder Russisch. „Den Eltern gefällt vor allem, dass die verschiedenen Kulturen wahrgenommen werden und dass die Kinder sich als Teil einer Weltgesellschaft sehen und darüber reflektieren lernen“, sagt Stieper.

Aber was kann eine Schule darüber hinaus tun, um nicht nur Kinder aus aller Herren Länder zusammen zu bringen, sondern auch ihre Familien? Für den Wiener Bildungsexperten Stuart Simpson, Vater des Global Education Konzepts, hat die Schule heute mehr als nur eine Aufgabe zu erfüllen. „Es geht längst nicht mehr nur darum, unsere Kinder zu unterrichten“, sagt er. „Schulen sind heute vielmehr zentrale Orte des interkulturellen Austauschs und erfüllen innerhalb der Nachbarschaft eine wichtige Rolle als Treff für Eltern und Lehrer.“ Simpson hat sein internationales Bildungskonzept für die Stadt Wien und vor allem für die dortigen Problembezirke entwickelt. Die Tatsache, dass neben Deutsch auch Englisch eine gleichwertige Unterrichtssprache ist, gibt allen Kindern einen entscheidenden Vorteil, wie er meint.

„Englisch ist hier ein gemeinsames Werkzeug. Barrieren werden abgebaut und ein Verständnis für einander entwickelt, egal ob ein Kind aus Schottland oder dem Senegal stammt“, so Simpson. Dieses Miteinander brächten die Kinder nach Hause und das verändere natürlich die Familien. „Zusätzlich zu internationalen Festen, wo jede Familie sich mit ihren Traditionen präsentieren kann, sind auch etwa Deutschkurse für Eltern – für Mütter – ein sinnvolles Angebot", sagt Simpson. Er hat dabei vor allem Migrantenfamilien im Kopf, in denen Frauen kaum oder kein Deutsch sprechen und dadurch ihren Alltag nicht würdevoll bewältigen können. Die Schule sei ein Ort, wo man sie erreichen könnte, wenn sie morgens ihre Kinder bringen.

Simpson wünscht sich, dass sich sein Konzept in Berlin auch an staatlichen Schulen durchsetzt: „Es wäre wundervoll, wenn etwa Schulen in Kreuzberg oder im Wedding das Konzept umsetzen würden.“ Damit wäre internationale und interkulturelle Bildung kein Privileg wohlhabender, bildungsnaher Familien, sondern eine Alternative für jede Familie, die ihren Kindern eine weltoffene und zukunftsorientierte Ausbildung ermöglichen möchte.

Dass man sich als Eltern an der Schule seiner Kinder für Projekte und Feste engagiert, gehört längst zur Normalität. Auch an der Nelson-Mandela-Schule – eine internationale bilinguale Gesamtschule, staatlich, mit guter Reputation – werden Eltern als freiwillige Helfer aktiv, wenn es darum geht, das jährliche Sommerfest zu organisieren oder die Schulwebseite zu gestalten. Aber das sei nur eine Seite der Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern, wie Schulleiter Michael Hertz meint. „Als wir unser Leitbild vor vier Jahren entwickelt haben, waren alle daran beteiligt: Lehrer, Schüler und Eltern“, so Hertz. Eine Zeit lang habe es auch ein monatliches Frühstückstreffen für alle Eltern gegeben. Eine Gelegenheit, um sich in lockerer Atmosphäre kennen zu lernen und auszutauschen. Hertz möchte das für dieses Schuljahr unbedingt wieder beleben. Auch für ihn ist Schule heute eine gemeinwesenorientierte Institution, ein Ort, wo nicht nur Kinder zusammenkommen, sondern wo Menschen sich begegnen, ein interkultureller Austausch stattfindet, etwa in der Elterninitiativarbeit oder auch in Deutsch- oder Englischkursen für Eltern.

Die private Berlin International School geht einen Schritt weiter und bietet ein „Buddy Programm“ an. Es ist eine Art Partnerprogramm für Neu-Berliner aus dem Ausland, das von der Eltern-Lehrer- Initiative organisiert wird. Im Laufe des Schuljahres würden immer wieder Familien zur Schule dazu stoßen, viele seien neu in Berlin oder sogar neu in Deutschland. Und ein bisschen Hilfe mit ganz alltäglichen, aber schwierigen Dingen sei sehr willkommen, etwa wie man eine Telefonleitung bekommt oder welche U-Bahn ans Ziel führt.

Letztendlich gehe es immer um persönliche Begegnungen, meint Urs Kuckertz, dessen Tochter eine internationale Vorschule besucht. „Man lernt andere Eltern beim Hinbringen oder Abholen kennen, plauscht, freundet sich an. Da passiert schon eine ganze Menge.“

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