Untersuchungsausschuss : Wie gefährlich ist Asse?

Ein Untersuchungsausschuss im niedersächsischen Landtag prüft die Vorfälle im Atommülllager Asse. Was ist davon zu erwarten?

Dagmar Dehmer Reimar Paul[Hannover]
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Grafik: Gitta Pieper-Meyer

Jahre wird es wohl dauern, bis aufgeklärt ist, was im einsturzgefährdeten Atommülllager Asse bei Wolfenbüttel passiert ist. Schließlich ist der Fall Asse selbst Jahre alt. Am Donnerstag nahm der Untersuchungsausschuss des niedersächsischen Landtags seine Arbeit auf. Aufklärung in der Sache – darum geht es. Aber ein Politikum ist es dennoch.

Was kann der Asse-Ausschuss aufklären?

Die Mehrheitsfraktionen CDU und FDP haben durchgesetzt, dass die Asse-Geschichte im Untersuchungsausschuss chronologisch aufgearbeitet wird. Dementsprechend waren mit dem früheren Betriebsarzt Karl Niklas und Jürgen Schubert von den niedersächsischen Bergbehörden Zeugen aus der Frühzeit des Atommülllagers geladen. Allzu erhellend war nicht, was sie zu berichten hatten. Ihm sei zu keinem Zeitpunkt mitgeteilt worden, dass es in der Asse Zwischenfälle gegeben habe oder dass das Personal erhöhter Strahlenbelastung ausgesetzt gewesen sei, sagte Niklas. Er sei auch nicht selber für die Untersuchung des Personals in der Schachtanlage verantwortlich gewesen. Zu anderen Fragen konnte der Mediziner gar keine Angaben machen.

Die Opposition sah sich durch die wenig ergiebige Befragung bestätigt. Vergeblich hatten SPD, Grüne und Linke darauf gedrängt, dass der Ausschuss zunächst klärt, welche Stoffe in der Asse lagern. Im nichtöffentlichen Teil der Sitzung wollte die SPD die Ladung von Siemens-Chef Peter Löscher beantragen. Er sollte Auskunft geben, ob das Unternehmen auch hochradioaktiven Müll in das Bergwerk gebracht hat. Das TV-Magazin „Monitor“ hatte darüber berichtet. Dem Antrag wurden jedoch keine Chancen eingeräumt.

Im Vorfeld hatten es CDU und FDP bereits abgelehnt, ehemalige und gegenwärtige Landes- und Bundesminister vor den Ausschuss zu zitieren, die politisch Verantwortung für die Asse trugen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sollte aus Sicht der Opposition angehört werden, weil die als ehemalige Bundesumweltministerin dazugehöre. Das sei Wahlkampfklamauk, beschieden die Mehrheitsfraktionen. Grundsatzdebatten über Atomkraft und die Endlagerung wollen CDU und FDP ebenfalls unterbinden. Die CDU stellt in dem Gremium sechs Abgeordnete, die SPD vier, Grüne, FDP und Linke jeweils einen.

Was geschah im Bergwerk Asse?

Um das Jahr 1900 begann auf dem Höhenzug Asse 30 Kilometer nördlich des Harzes der Salzbergbau. Drei Schächte wurden in die Tiefe getrieben. Nur noch Asse II ist zugänglich, die beiden anderen soffen schon vor Jahrzehnten ab.

1965 übernahm das Institut für Tieflagerung im Auftrag des Bundesforschungsministeriums die Anlage. Auftrag war, mit Blick auf ein späteres Endlager, die Einlagerung radioaktiver Abfälle in Salz zu erforschen. Ab 1967 wurde ein großer Teil des in der Bundesrepublik angefallenen Atommülls zur dauerhaften Entsorgung in die Asse gebracht.

Bis 1978 kamen knapp 126 000 Fässer mit schwach- und mittelaktiven Abfällen in das Bergwerk. Etliche Tonnen wurden in bereits übervolle Kammern gequetscht oder Abhänge hinuntergekippt und platzten dabei auf. Unklar ist, ob entgegen offiziellen Beteuerungen nicht auch hochradioaktiver Müll verklappt wurde. Für Unruhe sorgten auch Berichte über die Einlagerung von Chemieabfällen, Tierkadavern und Sprengstoff.

Gefahren drohen vor allem, weil die Grube vollzulaufen und einzustürzen droht. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), seit Jahresbeginn Betreiber, schließt nicht aus, dass sich die zufließenden Wassermengen weiter erhöhen könnten. Für diesen Fall bereitet die Behörde einen Notfallplan vor. Er sieht unter anderem vor, flüssiges Beton in die Atommüllkammern zu pumpen, um die Hohlräume zu verschließen. Die nicht oder weniger belasteten Laugen werden unter Tage gesammelt und dann an andere Entsorgungsunternehmen abgegeben.

Während des Salzabbaus entstanden in der Asse zahlreiche Hohlräume. An einigen Stellen reichen die Kammern bis auf fünf Meter an das Nebengebirge heran, auch die Abstände zwischen den Kammern betragen teilweise nur wenige Meter. Die natürliche Bewegung des Gebirges drückt die Abbaukammern weiter zusammen. So sind Klüfte entstanden, mehrere Zwischendecken sind bereits eingebrochen. Ohne zusätzliche Stabilisierungsmaßnahmen kann das ganze Bergwerk einstürzen.

Parallel zur Sicherung der Asse, prüft das BfS derzeit Varianten für eine möglichst sichere Schließung. Im Gespräch sind die Bergung des Atommülls oder eines Teils davon, die Umlagerung innerhalb des Bergwerks und die Verfüllung der Schachtanlage mit Salzbeton.

Warum ist die Endlagerung so ein Problem?

Hochradioaktiver Müll aus Atomkraftwerken, also vor allem abgebrannte Brennelemente, strahlt mindestens eine Million Jahre. Das ist eine in menschlich historischen Dimensionen kaum fassbare Zeit. Die gesamte Geschichte der Menschheit vom Homo erectus bis heute umfasst gerade mal zwei Millionen Jahre. Ein Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle, die von der Menge her den größeren Anteil ausmachen, ist inzwischen gefunden. Im Schacht Konrad in der Nähe des niedersächsischen Salzgitter wird derzeit ein ehemaliges Eisenerzbergwerk zu einem atomaren Endlager umgebaut. 2013 soll es in Betrieb gehen. Bis das letzte deutsche Atomkraftwerk abgeschaltet sein wird, werden rund 277 000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiver Müll angefallen sein. Wenn es beim geplanten Atomausstieg bleibt, wird die Menge der stark strahlenden Abfälle bis dahin etwa 17 000 Tonnen Schwermetall aus abgebrannten Brennelementen und Wiederaufarbeitungsabfällen betragen. Dafür muss ein sicherer Ort gefunden werden, der für etwa eine Million Jahre weder Menschen noch die Umwelt gefährdet. In Deutschland wurde seit 1979 der Salzstock in Gorleben, ebenfalls in Niedersachsen, für die Einlagerung dieser Abfälle erkundet. Diese Erkundung wurde im Jahr 2000 für mindestens drei und höchstens zehn Jahre unterbrochen, als der Bundestag den Atomausstieg beschloss. Zwischen Union und FDP auf der einen sowie SPD, Grünen und Linken auf der anderen Seite gibt es in dieser Frage einen grundlegenden Dissens. Während Union und FDP das Endlager in Gorleben am liebsten gleich in Betrieb nehmen würden, verlangen SPD, Grüne und Linke einen Standortvergleich mit anderen geeigneten Lagerstätten. Der Grund: Die Entscheidung für Gorleben ist vor allem aus politischen Erwägungen heraus getroffen worden, sie war nie nur wissenschaftlich begründet. In dieser Legislaturperiode führte diese Differenz zu einer Blockade des Themas. Doch ewig lässt sich die Entscheidung über ein Atomendlager nicht mehr vertagen.

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