Unverstellter Blick : Ich bin besonders!

Kurze Hose? Geht. Haare? Von kurz bis lang alles möglich. Lustige Hütchen? Nun aber Vorsicht!

Harald Martenstein
Martenstein
Harald Martenstein schreibt über vieles, aber bisher niemals über Mode. -Foto: Tsp

Die Fashion Week, heißt es, zieht diese Saison 120 000 Besucher nach Berlin. Wo sind die? Das Zelt, in dem die wichtigsten Schauen laufen, ist überraschend klein. Das ist überhaupt alles viel kleiner, normaler und unglamouröser, als der Laie es erwartet. In der ersten Reihe sitzt die angeblich einflussreichste Modekritikerin der Welt, ich hatte mir da so etwas Ähnliches wie Meryl Streep oder Glenn Close vorgestellt. In Wirklichkeit ist es eine kleine Pummelige mit Elvis-Tolle, die auch total glaubwürdig bei „Curry 36“ Würstchen verkaufen könnte.

In Filmen und im Fernsehen dauern Modenschauen immer ewig. In Wirklichkeit dauert eine Modenschau ungefähr zehn Minuten. Es ist wie beim Autorennen, man sitzt auf einer Tribüne, unten liegt die Rennbahn. Man wartet, oh, guck mal, sie kommen, wo laufen sie denn, na da, wusch, und aus.

Danach schauen die Leute sich gegenseitig an. Man steht herum und trinkt Mineralwasser. Genauso wichtig wie der Catwalk, wo oft avantgardistisches Zeug zu sehen ist, das erst nach drei oder vier weiteren Arbeitsgängen, wenn überhaupt, den Weg in die Normalo-Läden findet, sind die Besucher und ihr Outfit. Das also ist wirklich die Mode, das zieht man an. Kurze Hosen bei Männern? Geht offenbar ohne weiteres. Haare? Von ganz kurz bis ganz lang, alles möglich. Lustige Hütchen? Nun aber Vorsicht!

Die Kleidung muss eine Aussage machen. Die Kleidung muss sagen: „Ich bin besonders.“ Dies geht auch, indem man bei einer Modenschau eine Jeans und ein T-Shirt trägt. Wenn auf dem T-Shirt zum Beispiel steht „me shit“, dann hilft es. Wie cool muss ein Typ sein, der mit der Aufschrift „ich bin scheiße“ herumläuft! Auch und gerade, wenn es stimmt.

Regeln gibt es nur für Männer. Frauen dürfen alles. Kurze Hose, Sandalen, dazu weiße Socken – bei Männern die bekannteste Todsünde, bei einer Frau wunderbar, vor ein paar Jahren war das sogar in Paris ein richtig heißer Trend. Die Frage, ob jemandem „etwas steht“, ist bei Modefreaks eher unwichtig. Den Models mit ihren Idealmaßen steht sowieso alles. Ich habe bei der Fashion Week aber zahlreiche Frauen gesehen, die ultrakurze Flatterröckchen zu Beinen trugen, die nach einer weiten Flatterhose geradezu schrien. Echte, heiße Mode soll den Menschen nicht unbedingt schmeicheln, echte Mode macht Menschen auffällig. Wenn alle es kennen, wird es uninteressant, ähnlich wie ein Börsentipp, den jeder kennt. Wer etwas sucht, das ihm oder ihr „steht“, soll zu C & A gehen.

Bei Patrick Mohr trugen die Models rote und schwarze Dreiecke, wie es sie auch in den KZs gab, sie hatten auf dem Kopf etwas, das wie eine Mischung aus Burka und Imkerkopfschutz aussah. Eine Frau hatte einen durchsichtigen Badeanzug an, in den jemand Kinderbauklötzchen hineingesteckt hatte. Ein Mann trug einen Umhang, an dem, glaube ich, Lehmklumpen festgetackert waren, bei wieder einem anderen waren die Ärmel unten zugeknotet, das war im Grunde eine Zwangsjacke, man muss nur wahnsinnig werden, dann kriegt man so ein Teil gratis. Hinterher sagte eine Modejournalistin: „Mir hat gefallen, dass es so unschön war.“

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