Zeitung Heute : Upgrade fürs Gehirn

Aus dem „Volltrottel“ wird der „Maximaldepp“: Redewendungen sind ein Spiegel ihrer Zeit.

Patricia Pätzold
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Aufgespürt. Barbara Komenda-Earle erforscht, was hinter geflügelten Worten steckt. Foto: TU-Presse/DahlUlrich Dahl/Technische Universit

Wer wollte nicht schon einmal Berge versetzen, jemandem aufs Dach steigen oder ihm den Kopf waschen? „Redensarten sind eine wahre Fundgrube von Sitten und Gebräuchen“, sagt die polnische Linguistin Barbara Komenda-Earle. „Sie erlauben uns einen Blick auf alte Traditionen, Medizin und Aberglauben und sind damit ein Spiegel der Zeiten.“ Die Dozentin am Germanistischen Institut der Universität Stettin hat jetzt mit einem Alexander-von-Humboldt-Stipendium an der Arbeitsstelle für Semiotik der TU Berlin die kulturhistorischen Hintergründe bildhafter deutscher Redensarten erforscht und ein Ordnungsprinzip für diese sogenannten Phraseologien entworfen. Dabei untersucht die Wissenschaftlerin auch, wie kulturelle und geschichtliche Ereignisse sie im Lauf der Jahrhunderte verändert haben.

„Sich Asche aufs Haupt streuen“ oder „jemandem die Leviten lesen“ entspringt mittelalterlich-kirchlichen Traditionen, während „seinen Friedrich-Wilhelm daruntersetzen“ eher jüngere politisch-historische Wurzeln hat. „Viele dieser Redensarten sind ähnlich auch in anderen Sprachen wie dem Polnischen oder Englischen vorhanden“, erklärt Komenda-Earle. „Manchmal handelt es sich um Entlehnungen. Daran sind auch Wanderungs- oder Handelsbewegungen bestimmter Volksgruppen nachzuvollziehen. Andererseits kann sich ein Phrasem in mehreren Sprachen unabhängig voneinander herausgebildet haben.“

In der Arbeitsstelle für Semiotik der TU Berlin findet die Wissenschaftlerin Sammlungen aus dem umfangreichsten Archiv für Semiotik in Deutschland. Dabei entdeckte sie auch Hinweise darauf, dass sich bestimmte Bilder in mehreren Sprachen nachweisen lassen, was oftmals ein wichtiger Beleg dafür ist, dass es bestimmte Zustände und Gebräuche wirklich gegeben hat: Der Ausdruck „jemandem die Daumenschrauben anlegen“, der auf mittelalterliche Rechtsgebräuche hinweist, findet sich zum Beispiel auch im Englischen („to put the screws on somebody“) oder im Französischen („serrer les pouces à quelqu’un“) und im Polnischen („wziac kogos w kluby“).

Die Bilder wechseln mitunter von Sprache zu Sprache: Der Deutsche und der Pole lachen sich ins Fäustchen, der Engländer in den Ärmel und der Franzose in den Bart oder in den Umhang. Deutsche spannen einander auf die Folter, Engländer hängen einander an den Metzgerhaken. Der Deutsche drückt die Daumen, der Engländer hält die Finger gekreuzt.

Welche Verflechtungen zwischen Redewendungen und unserer Art zu denken bestehen, beschäftigt auch die Sprachforscherin und TU-Professorin Dagmar Schmauks. Sie sammelt unter anderem Redensarten über die Dummheit. „Die Beschreibung von Dummheit zeigt, wie wir uns das Gehirn und seine Tätigkeit vorstellen“, sagt sie. „Das Denken spielt sich im Kopf ab. Das wissen wir heute. Schlaue Leute werden also oft als ,kluger Kopf’ oder als Mensch mit ,Köpfchen’ beschrieben. Ein dummer Mensch dagegen ist ,auf den Kopf gefallen’“, erklärt sie.

In ihrem soeben erschienenen Buch „Denkdiäten, Flachflieger und geistige Stromsparlampen. Die kognitive Struktur von Redewendungen zur Dummheit“ hat sie zusammengetragen, welche kognitiven Modelle vom Vorgang des Denkens sich in Redewendungen wiederfinden. Bei einem „Hohlkopf“ nimmt man beispielsweise an, das Gehirn fehle, beim „Hirnverbrannten“ ist es durch Hitze beschädigt.

Wie sich die Sprache immerzu wandelt, zeigen auch Wendungen wie „geistige Stromsparlampe“ oder „Besorg dir doch mal ein Upgrade für dein Hirn“. Hier hat die neue Technik zügig in die Metaphorik Einzug gehalten. Am 13. Dezember erklärt Schmaucks in der Urania die Wandlung vom „Volltrottel“ zum „Megablödmann“.Patricia Pätzold

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