Upton Sinclair : Der freie Radikale

Upton Sinclair wollte ein sozialistisches Amerika. Seine Enthüllungsromane wurden zu Bestsellern. 1927 schrieb er über die Machenschaften der Ölbarone. Mit „There Will Be Blood“ kommt der Stoff nun ins Kino – nominiert für acht Oscars.

Andreas Austilat

Der Mann war Optimist. Ein von seiner Sache zutiefst überzeugter Optimist. Bis 1913, so sagte er voraus, werde dieses Land sozialistisch sein. Nicht nach einem gewalttätigen Umsturz, sondern zwangsläufig, ganz einfach, weil die Verhältnisse so ungerecht seien. Und mit seiner Prophezeiung meinte er nicht etwa Russland oder irgendeinen europäischen Zwergstaat, sondern seine Heimat USA. Alles, was es dazu noch brauchte, wäre ein wenig Überzeugungsarbeit. Die wollte Upton Sinclair gern leisten: indem er schrieb und schrieb und schrieb.

Natürlich bemerkte er, dass er sich bei seiner Prophezeiung ein wenig verschätzt hatte. 1913 war er gerade 35 Jahre alt, und der Sozialismus ließ auf sich warten. Aber seine Vielschreiberei hatte ihm bereits einen Weltbestseller eingebracht: „Der Dschungel“ blieb der amerikanischen Fleischindustrie gewissermaßen im Halse stecken und machte den Autor zum Ahnherren aller Enthüllungsautoren, einem Ur-Wallraff sozusagen. Sinclair ließ sich also vom Ausbleiben des Sozialismus nicht erschüttern, schrieb weiter, nahm sich einen nach dem anderen vor: Kohle-, Stahl-, Auto- und Ölindustrie, Klassenjustiz und Boulevardjournalismus, Kirchen und Hollywoods Traumfabrik.

Schließlich hatte er Dutzende Bücher verfasst, war zeitweise der wahrscheinlich weltweit meistgelesene Autor der USA. Am Ende seines Lebens, Sinclair starb 1968 mit 90 Jahren, war er trotzdem fast vergessen. Sucht man seine Titel heute beim Internet-Buchhändler Amazon, wird man nur noch antiquarisch fündig. Auf Englisch aber ist er als Reprint wieder verfügbar, und das ist kein Zufall. „Oil!“, ein anderer seiner Romane, von dem sich allein die deutsche Ausgabe von 1927 unter dem Titel „Petroleum“ 100 000-mal verkaufte, ist von Hollywood neu entdeckt worden.

„There Will Be Blood“ von Regisseur Paul Thomas Anderson („Magnolia“, „Boogie Nights“) ist gerade als amerikanischer Beitrag auf der Berlinale gelaufen und kommt nächste Woche in die deutschen Kinos. In den USA wurde der Film von der Kritik gefeiert und für acht Oscars nominiert, Daniel Day-Lewis erhielt bereits den Golden Globe als bester Hauptdarsteller. Das 150-Minuten-Epos basiert allerdings nur in Teilen auf der literarischen Vorlage. „There Will Be Blood“ handelt von den frühen Tagen des kalifornischen Ölrauschs. Day-Lewis spielt einen Selfmade-Öltycoon, der vom hart arbeitenden Glückssucher zum einsamen Egoisten wird, schließlich über Leichen geht. Ihm gegenüber steht ein bigotter Prediger, korrumpiert vom Ölgeld.

Das alles passiert bei Sinclair auch, und noch viel mehr. Bei ihm schmiert Ölgeld das ganze Land einschließlich Hollywood, den Universitäten, Polizei und Justiz, der Regierung, dem Präsidenten. Öl setzt sogar Armeen in Gang, lange vor dem Irakkrieg. Dabei ist Sinclairs „Oil!“ auch noch ein Familiendrama, eine Art „Vom Winde verweht“ für die Linke. Der Amerikanist Walter Grünzweig von der Universität Dortmund hält dieses Buch für Sinclairs bestes. Nicht zuletzt, weil das belehrende Element, mit dem der Autor seine Leser gern strapaziert, dezenter ausfällt als sonst.Grünzweig hat die deutsche Korrespondenz Sinclairs gesichtet (der schrieb sich unter anderem Briefe mit Thomas Mann und Albert Einstein), und er zählt hierzulande zu den besten Kennern des amerikanischen Autors.

Sinclairs bekanntestes Buch ist „Oil!“ trotzdem nicht. Das blieb zeit seines Lebens „Der Dschungel“, anfangs unter dem Titel „Der Sumpf“ auf dem deutschen Markt und von Bertolt Brecht 1920 in der Augsburger Zeitung „Volkswille“ hymnisch gelobt. Der verlorene Streik der Chicagoer Schlachthofarbeiter hatte Sinclair 1905 zu diesem Buch inspiriert, einem Gesellschaftspanorama aus dem Milieu armer Einwanderer. Die schuften sich im „Dschungel“ buchstäblich zu Tode, der amerikanische Traum bleibt für sie unerfüllbar. Glaubt Jurgis Rudkus, der litauische Protagonist, doch mal, einen Zipfel vom Glück erwischt zu haben, gerät er prompt mit den Raten in Rückstand, streckt die Bank ihre Hand aus. Begehren die Arbeiter auf, knüppelt sie die Polizei zusammen, verschwinden sie im Gefängnis.

Monatelang recherchierte Upton Sinclair in Chicago. Anders als Jahrzehnte nach ihm Günter Wallraff, der sich noch einen Schnauzbart ankleben musste, um für seine Industriereportagen unerkannt als „Türke Ali“ durchzugehen, brauchte sich Sinclair nicht einmal zu verkleiden. Es reichte ihm, wie alle anderen immer ein Essgeschirr mit sich herumzutragen, um unbemerkt zu bleiben.

Das Ergebnis seiner Recherchen veröffentlichte er zunächst als Fortsetzungsgeschichte in der linken Presse. Als Serienschreiber hatte er Erfahrung.

Sinclair wuchs als Sohn eines trunksüchtigen Vaters in einer verarmten Südstaatenfamilie auf. Schon als Jugendlicher musste er zum Lebensunterhalt beitragen: Erst erfand der Junge, der nichts zu lachen hatte, Witze und verkaufte sie an Zeitungen, dann verdingte er sich als Groschenheftschreiber. Darin war er so gut, dass er schließlich zwei Stenografen beschäftigen musste: Während der eine die erste Folge noch abschrieb, nahm der zweite schon die nächste als Diktat auf. Sinclair selbst verlor bei seinem Tempo manchmal die Orientierung, ließ ungerührt Verstorbene wiederauferstehen. Aber mit 21 behauptete er von sich, er habe schon jetzt mehr geschrieben als Sir Walter Scott, populärer schottischer Historienschreiber und Erfinder von „Ivanhoe“, in seinem ganzen Leben.

Doch hatten sie ihm seine Groschenhefte noch alle abgekauft, für den neuen Stoff fand sich kein Verlag, der das Ganze als Buch gebracht hätte. Erst recht nicht, nachdem in Chicago ein Gutachten auftauchte, das den Autor der Lüge bezichtigte. Pech nur für Sinclairs Gegner, dass es ihm gelang, die umstrittenen Punkte gerichtsfest zu belegen: Ja, in den Fleischkonserven der größten Chicagoer Fabrik war tatsächlich Gammelfleisch – damals nannte man es Aas – verarbeitet worden. Einzig für die Behauptung, dass auch ein Arbeiter, der in die Suppe fiel, zu Schmalz verkocht wurde, konnte Sinclair keinen Augenzeugen beibringen.

Der Verlag MacMillan bot darauf einen Vertrag, wenn er sein Buch etwas entschärfen würde. Sinclair lehnte ab und brachte sein Werk im Selbstverlag heraus, beworben von Jack London. Der ist heute allenfalls noch als Abenteuerschriftsteller ein Begriff, damals gehörte er zur revolutionären Avantgarde der Schriftstellerszene. London also bezeichnete den „Dschungel“ als „Onkel Toms Hütte der Lohnsklaven“.

Das Buch wurde ein Welterfolg. Allerdings nicht als Propaganda für den Sozialismus, sondern als Anklage gegen die Fleischindustrie. Der Fleischexport nach Europa ging schlagartig zurück, noch im Jahr des Erscheinens 1906 verabschiedete der US-Kongress den „Pure Food and Drug Act“, der erstmals so etwas wie eine Lebensmittelaufsicht vorsah und die Verarbeitung von verdorbenem Fleisch unter Strafe stellte. Sinclair schrieb: „Ich zielte auf ihre Herzen und traf den Magen.“ Womit er wohl auch seinen eigenen meinte. Der neuerdings bekennende Vegetarier verfasste nebenher Schriften zur Diät und gesunden Lebensführung.

Sein mit dem „Dschungel“ verdientes Geld investierte Sinclair in „Helicon Hall“, ein ehemaliges Schulgebäude, in dem sich 40 Erwachsene, unter ihnen der Schriftsteller Sinclair Lewis (mit dem Upton Sinclair zeitlebens verwechselt wurde), und 14 Kinder zur Wohngemeinschaft mit angeschlossenem Kinderladen zusammentaten, 1907 ein wahrhaft revolutionärer Gedanke. Ein Eigenheim, wie er es bis dahin bewohnte, erschien ihm nun „als das älteste Relikt des Individualismus“. Helicon Hall sollte zur sozialistischen Kooperative werden, brannte aber schon nach einem halben Jahr ab. Sinclair verzichtet auf eine Fortsetzung des Experiments, warum, hat er nie erklärt. Vielleicht gingen ihm die ständigen WG-Debatten auf die Nerven, vielleicht lag es aber auch an Mary Craig Kimbraugh, seiner zweiten Frau, mit der er ganz bürgerlich bis zum Schluss verheiratet blieb.

Präsident Theodore Roosevelt prägte für Sinclair und dessen Genossen den Ausdruck „Muckraker“, was so viel wie „Schmutzaufwirbler“ oder „Nestbeschmutzer“ bedeutete. Sinclair scherte das nicht, es bestärkte ihn eher. In Europa traf er den späteren KPD-Gründer Karl Liebknecht, in den USA gründete er zusammen mit Jack London die „Intercollegiate Socialist Society“. 1918 feiert er den Sieg der Bolschewiki im ersten amerikanischen Roman, der überhaupt über die russische Oktoberrevolution verfasst wurde. Der Titelheld, Jimmie Higgins, hilft den Bolschewisten im Kampf gegen amerikanische Interventionstruppen. Seine Landsleute sind es, die ihn ergreifen und dem „Waterboarding“ unterziehen, einer Folter, bei der das Opfer scheinbar ertränkt wird und deren Anwendung CIA-Angehörigen erst im September 2007 verboten wurde, nachdem amerikanische Zeitungen berichtet hatten, dass Waterboarding noch praktiziert werde.

Daheim nahm sich der „Muckraker“des Falls der beiden Gewerkschafter Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti an, die in Boston wegen Raubüberfall und Mord angeklagt werden. Gegen sie sprechen allenfalls dünne Indizien. Trotz weltweiter Proteste landeten beide auf dem elektrischen Stuhl. 1977, 50 Jahre nach ihrer Hinrichtung, wurden sie von Gouverneur Michael Dukakis postum rehabilitiert.

Alle Versuche, Sinclair zu stoppen, scheiterten. Boykottierten ihn die Verlage, brachte er seine Bücher selber raus, verweigerten ihm Lieferanten das Papier, ließ er publicitywirksam auf Packpapier drucken. Egon Erwin Kisch besuchte ihn, Einstein schätzte ihn, Stalin auch. Anhänger warben für ihn beim Stockholmer Nobelpreiskomitee, in einem Schreiben heißt es 1931, „Sinclair sei ohne Frage der meistgelesene lebende Autor, übersetzt in mehr als 30 Sprachen“, George Bernard Shaw unterstützte in einem eigenen Brief den Antrag, den Preis erhielt John Galsworthy, Autor der High-Society-Chronik „The Forsyte Saga“.

Vielen Kommunisten blieb ihr rühriger Anhänger trotzdem irgendwie suspekt. Schon Lenin hatte ihn zwar für wichtig gehalten, bezeichnete ihn aber als Gefühlssozialisten, dem es am theoretischen Unterbau fehle. Vor allem dessen Marotte, in praktisch jedem Roman einen Helden aus gutem Hause mit ordentlich viel Geld einzubauen, der dann der Arbeiterklasse helfend unter die Arme greift, passte nicht zum Klassenkampf.

Und Sinclair verdarb es sich richtig mit der Linken. Den ersten Anstoß hatte schon die Zusammenarbeit mit dem sowjetischen Regisseur Sergej Eisenstein („Panzerkreuzer Potemkin“) gegeben. Die beiden wollten eine Geschichte Mexikos auf die Leinwand bringen, Eisensteins Monumentalfilmpläne führten Sinclair allerdings an den Rand der Pleite und endeten mit einem Zerwürfnis, sehr zum Bedauern Stalins, der Sinclair 1931 per Telegramm nach Moskau einlud.

Der zweite Schritt war gravierender. Der Autor schloss sich den Demokraten an, um sich 1934 um das Amt des Gouverneurs von Kalifornien zu bewerben. Ehemaligen Parteifreunden gegenüber gab er das als Undercovertaktik aus, die Sozialisten aber, für die er immer wieder erfolglos bei Kongresswahlen kandidiert hatte, warfen ihm das als Verrat vor.

Immerhin, sein Programm versprach Revolutionäres. Mit Epic, die Abkürzung stand für „End Poverty in California“, wollte er das Elend der Wanderarbeiter beenden und Kalifornien in eine Art Kooperative verwandeln. Tatsächlich gelang es Sinclair, sich gegen alle parteiinternen Konkurrenten durchzusetzen und von den Demokraten nominiert zu werden. Die Republikaner aber gewannen Hollywood für sich. Nur wenige Stars, Jean Harlow und James Cagney zum Beispiel, entzogen sich der Kampagne gegen Sinclair, in der Leute mit russischem Akzent Sätze stammelten wie „das System gut gehen in Russland“. Immerhin, Charlie Chaplin bekannte sich zu Sinclair, trat zu seinen Gunsten auf. Am Ende brachte er es auf knapp 900 000 Stimmen, sein Gegenkandidat schaffte 350000 mehr und verhinderte so die Umwandlung Kaliforniens in eine Kolchose.

Vielleicht war die Gefahr auch gar nicht so groß gewesen, denn Sinclair suchte längst den Anschluss an Mainstream- Amerika. Er schuf den Serienhelden Lanny Budd, eine Mischung aus James Bond und Forrest Gump, der an allen Brennpunkten des Jahrhunderts auftauchte, so auch in der Rolle des amerikanischen Agenten auf Hitlers Obersalzberg. Die elfbändige Lanny-Budd-Reihe beförderte ihn endgültig zum Auflagenkönig. Und der Kalte Krieg machte ihn zum Antikommunisten, der sich jedes Lob aus dem neu entstehenden Ostblock verbat. Im letzten Band der Reihe kommt Lanny Budd folgerichtig ins eingemauerte Berlin, wo er prompt von den Sowjets entführt und gefoltert wird.

1967, ein Jahr vor seinem Tod, wurde Upton Sinclair dann nach Washington eingeladen, um der Unterzeichnung des „Wholesome Meat Acts“ beizuwohnen, der Neufassung des Lebensmittelgesetzes, das Sinclair zu Beginn seiner Karriere als Autor erzwungen hatte. Das muss sehr tröstlich für ihn gewesen sein, hatte er es doch schließlich als eine seiner großen Lebensleistungen angesehen, den Amerikanern zu gutem Fleisch auf ihren Tellern verholfen zu haben. Merkwürdiges Ziel für einen Vegetarier.

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