Zeitung Heute : "Urban 21": Und dahinter liegt die Wüste - Ein Gespräch mit der Berliner Architektin Gesine Weinmiller

Die europäische Stadt - die amerikanische Sta

Gesine Weinmiller hat zwei Monate lang auf Einladung der Eisenhower-Stiftung Städte in den USA besucht. Sie hat die Dienstvilla von Bundeskanzler Schröder umgebaut. Ihr Entwurf für das Holocaust-Mahnmal in Berlin bekam den zweiten Preis.



Die europäische Stadt - die amerikanische Stadt: zwei Gegenbilder. Was macht für Sie den Unterschied aus?

Der wesentliche Unterschied ist, dass viele Städte in den USA - eine Ausnahme ist New York - völlig auf das Auto eingestellt sind. Los Angeles beispielsweise kennt kein Fussgängermaß. Es liegt daran, dass vieler dieser Städte erst nach der Verbreitung des Autos gegründet wurden.

Wird nicht in Los Angeles gerade das erste Stück U-Bahn eröffnet?

Das sind winzige Veränderungen. Öffentlicher Nahverkehr interessiert dort niemanden wirklich. Die Leute kennen es auch nicht anders, als dass sie mit dem Auto fahren.

Welche Auswirkung hat diese autogerechte Planung auf eine Stadt?

An den Ausfallstraßen von Houston beispielsweise liegen riesige Einkaufszentren, die nur mit dem Auto zu erreichen sind. Aber in der Innenstadt gibt es überhaupt keine Läden. Ich habe in der Downtown auch keine Menschen auf den Straßen gesehen. Dann hat mir jemand gezeigt, dass sich die Menschen in einem maulwurfsartigen Gangsystem unter der Erde aufhalten, schon deshalb, weil es draußen viel zu heiß wäre. Aber auch da unten gibt es keine Läden, nur ein paar Coffee-Shops. Die Stadt ist separiert in Wohnen, Arbeiten und Einkaufen.

Aber es gibt doch noch Wohnungen in amerikanische Innenstädten.

Es gibt einige Städte wie El Paso, das hat wunderschöne Gebäude aus der Jahrhundertwende, aber die sind mit Brettern vernagelt. Und um solche Städte herum erstrecken sich kilometerlange Suburbs, wie ein Siedlungsbrei. Dahinter liegt die Wüste.

Die nächste Großstadt ist Las Vegas, eine Tagesfahrt entfernt.

Las Vegas ist überhaupt keine Stadt, Las Vegas ist ein Zustand. Das einzige, was es da gibt, sind riesige Hotels, die alle gleich aufgebaut sind, nämlich kreuzförmig. Wenn man eines betritt, knallt man nach zwei Metern gegen diese Slotmaschinen. Innen ist alles dekoriert mit Pseudo-Kulissen: In einem Hotel steht ein nachgebauter Eiffelturm, in einem anderen venezianische Dogenpaläste oder Pyramiden oder römische Tempel. Und alles ist Pappmaché.

Es gibt aber doch inzwischen in Amerika eine Gegenbewegung, zurück in die Innenstadt.

Ja, die gibt es. In Chicago versucht die Stadtverwaltung, die Innenstadt zu revitalisieren und die Stadt so zu ordnen, dass sie funktioniert wie eine europäische Stadt. In New York und Boston ist ähnliches geschehen. Aber das sind Ausnahmen.

Welche Gründe hat denn die Ausbreitung der Suburbias, der Einfamilienhaussiedlungen?

Die Amerikaner gehen ganz anders mit Land um, natürlich auch, weil es dort unglaublich viel Raum gibt. Und es gibt in den USA eine andere Einstellung zu Immobilien. Ein Haus ist dort ja sehr viel billiger und oft ein Konsumgut. Wer sich entscheidet, woanders zu leben, verkauft das Haus eben wieder, meist mitsamt den Möbeln. In Deutschland hingegen baut man eher für die Ewigkeit, für seine Kinder und Enkel.

Gibt es auch gegenüber gewerblichen Immobilien diese Haltung?

Ja, und das führt dazu, dass es bei Bürohochhäusern eine von Investoren geprägte Bautätigkeit gibt, ohne viel Raum für baukünstlerische Entwicklungen. Der Standard ist von den Materialien und auch von der Technik her viel niedriger als bei uns.

Steht auch die Amerikanisierung unserer Städte bevor? Das Sony-Center mit seiner Mall-Architektur gilt ja als Vorbote.

An den Stadträndern ist diese Entwicklung auch bei uns zu beobachten, wenn man diese riesigen Möbelmärkte an den Ausfallstraßen in Brandenburg sieht.

Amerikanische Businessbauten sind mit einem unglaublichen Energieaufwand klimatisiert.

Das Land ist von Energieverschwendung geprägt. Ganz Amerika ist eine Wegwerfgesellschaft. Es gibt kein Bewusstsein dafür, dass die Ressouren der Erde begrenzt und kostbar sind. Im Gegenteil, man wird bei Starbucks, einer Café-Kette, schief angesehen, wenn man eine echte Tasse verlangt statt des Pappbechers. Ein Mitglied unserer Gruppe von Eisenhower-Stipendiaten, ein Philosoph aus Argentinien, hat immer den Kopf über soviel Plastik geschüttelt. Das fällt also nicht nur den umweltbewussten Deutschen auf - und was das betrifft, müssen die Amerikaner noch viel lernen.

Wonach haben denn Ihre amerikanischen Gesprächspartner gefragt?

Ich habe meist mit Fachkollegen gesprochen - etwa mit Tom Maine von dem Büro Morphosis, mit dem für Architektur zuständigen Redakteur der "Washington Post" und mit dem Kurator für Architektur im Museum of Modern Art in New York. Die fanden es am interessantesten zu erfahren, wie es möglich ist, als junge Frau ein eigenes Büro mit zehn Leuten zu haben. So etwas kennt man in den USA nicht.

Warum wäre das dort nicht möglich?

Es gibt dort nicht diese Wettbewerbskultur, die wir haben. Aufträge werden nicht über Wettbewerbe vergeben, sondern über Beziehungen. Und sie gehen vornehmlich an sehr bekannte, große Büros wie SOM oder Kohn, Pedersen, Fox.

Wirkt sich das auf die Qualität von Architektur aus?

Die Qualität der Bauten ist deutlich niedriger als in Deutschland. Bill Pedersen von Kohn, Pedersen, Fox hat mich sogar gefragt, warum ich als europäische Architektin überhaupt in die USA reise, hier gebe es doch gar nichts zu lernen. Und da ist auch etwas dran. In Basel oder Berlin gibt es mehr interessante Gebäude aus den letzten fünf Jahren als in den gesamten USA. Aber das sehen viele Berliner nicht so, weil der Prophet im eigenen Lande nichts gilt. In den USA gibt es nur einige wenige Architekten, die versuchen, die Baukultur zu pflegen, wie Maine oder Helmut Jahn.

Jahn ist doch hier verrufen als typischer amerikanischer Architekt

Im Vergleich zu den sonstigen Bauten in den Staaten ist er hervorragend.

Aber in jüngster Zeit sind doch mehrere spektakuläre Gebäude von renommierten Architekten gebaut worden: Das Getty-Museum von Richard Meier in Los Angeles oder das Museum von Frank Gehry in Seattle.

Richtig, das sind sehr ambitionierte Projekte, und auch Gehry gehört natürlich zu denen, die sich der Architekturkultur verschrieben haben. Aber angesichts der Größe des Landes ist die Anzahl der engagierten Architekten sehr gering. Das Interessante dabei ist, dass es eine großen Bruch zwischen Kunst und Architektur gibt. Was die Kunstszene angeht, ist uns Amerika weit voraus, weil sich da einzelne Menschen für Kunst verantwortlich fühlen. Mäzene wie Heiner Friedrich haben sehr viel Geld in beeindruckende Projekte gesteckt.

Sie sprechen von den Land-Art-Projekten.

Land Art ist etwas, was es bei uns kaum gibt. Ich habe wunderbare Arbeiten in der Wüste von New Mexiko oder Texas besichtigt. Zum Beispiel die "Lightning Fields" von Walter de Maria: 400 polierte Edelstahlstäbe, jeder sechs Meter hoch, die in regelmäßigen Abständen auf einem Feld in New Mexico stehen. Das Feld ist einen Kilometer mal eine Meile lang, unvorstellbar groß. Solange die Sonne oben steht, sieht man nur die Spitzen der Stäbe funkeln, aber je mehr sich die Sonne dem Horizont zuneigt, desto mehr treten diese Stäbe als gleißend helle Striche hervor. Und über allem herrscht absolute Stille, so dass man den Flügelschlag eines Vogels hört. So etwas gibt es nur in den USA.

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