Zeitung Heute : Urban 21: Von den neuen Analphabeten - Warum das Internet die Städte und ihre Bewohner verändert

Stefanie Grupp Markus Ehrenberg

Wie verändern Telekommunikation und neue Medien die Städte? Sitzen wir bald alle nur noch hinter unseren Computern? Ist die Stadt überhaupt noch ein politischer Streitraum, ein Ort des Zusammenkommens, ein Ort der gelebten Demokratie? Oder erlebt die Stadt, erleben ihre Bewohner, doch eine Art Renaissance durch das Netz?

Kaum ein anderer Wissenschaftler hat sich so ausführlich mit dieser Frage beschäftigt wie Saskia Sassen, die auch an der Weltkonferenz "Urban 21" teilnimmt. Die Professorin für Stadtsoziologie an der University of Chicago glaubt, dass nur einigen wenigen "global cities" (London, New York, Tokio) eine zentrale Bedeutung in der Weltwirtschaft zukommt - ein Phänomen, das in engem Zusammenhang mit dem Internet, den Telekommunikationsmitteln, den Netzwerken steht.

Wie geschieht das? Die Weltwirtschaft hat das Netz als ihr Instrument entdeckt, weil es schnelle Kapitalverschiebung möglich macht. Die Unternehmen erreichen den letzten Ort der Welt. Einerseits hebt das Netz Entfernungen auf. Andererseits macht es neue konkrete Unternehmens-Standorte nötig: in den Städten, nicht, wie in den 80er Jahren vermutet, auf den steuergünstigen grünen Wiesen, draußen vor der Stadt. Die große Gefahr ist, dass nur ein Fünftel der Stadtbevölkerung vom Wohlstand profitiert, den die Globalisierung in die Stadt bringt. Die Kluft ist nicht mehr nur die zwischen Arm und Reich, sondern die zwischen Netz-Alphabeten und Netz-Analphabeten. Diejenigen, die im Netz handeln, sind im "Loop", so nennt Saskia Sassen diesen Kreislauf. Es bleibt in der Stadt kaum noch Platz für Handwerk, Zulieferbetriebe und den Dienstleistungssektor.





Früher, in der römisch-griechischen Polis, war der öffentlich-politische Raum jedem zugänglich. Es gab die Agora, vor der man sich versammeln konnte. Konflikte wurden direkt ausgetragen, Reden direkt kommentiert, alle Bevölkerungsschichten waren anwesend. Politik und Barrikadenkämpfe wie die französische Revolution fanden vor städtischer Kulisse statt. Heutzutage braucht man eine Eintrittkarte ins Netz, aus dem der Stadt ein zusätzlicher, virtueller Streitraum erwachsen ist.





Ein großer Rechte-Streit wie der zwischen den Netz-Künstlern von "etoy" und der Spielzeugfirma "etoys" fand fast ausschließlich im Internet statt. Dass immer noch auf den Straßen gestritten wird, dafür sind die Proteste bei der WTO-Konferenz in Seattle ein gutes Beispiel. "Erst im greifbaren Stadtraum zeigen sich die eigentlichen Merkmale der Globalisierung", sagt Sassen. Die WTO wurde erst in der Stadt angreifbar, vorher war das eine abstrakte Welthandelsorganisation. Sassen sieht die "global city" trotz der Verlierer - der Netz-Analphabeten - nicht nur negativ. Politik in digitalen Zeiten lebt davon, dass sich Menschen aus der ganzen Welt an einem greifbaren, zentralen Ort engagieren, der Stadt. Durch Globalisierung und Internet ist Macht umverteilt worden. Es kam zu einem "Machtbeben". Die Gewinner dabei sind die Städte. Die Stadt erlebt eine Blüte, trotz der vermeintlich immer einsamer werdenden Computer-Nutzer, deren Zuhause sie ist.

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